Archive for the 'Gelesenes' Category

Asja Wiegand
Gestern noch

nullTagebücher erklären nichts. Sie sind ausschließlich für den Tagebuchschreiber gedacht, und der weiß schließlich, was er meint. Das unterscheidet Tagebücher von handelsüblicher Belletristik, die auf den (fremden) Leser hin geschrieben wird.

Insofern sind viele der derzeit vor allem online erscheinenden Comic-Tagebücher unehrlich. Weil sie eben doch Dinge erklären, weil sie (ganz oder zum Teil) für den Leser entstehen.

Asja Wiegands Comictagebuch Gestern noch ist eine erfrischende Ausnahme, weil sie gar nicht erst versucht, eine Narration aufzubauen. Ihre Comics erklären nichts, jedenfalls nicht dem zufälligen Leser. Da ist ihr Freund, ihr Studium, die Wohnung, die Eltern – Momentaufnahmen aus dem Leben, dem Muster nach vertraut, dem Inhalt nach dennoch fremd.

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Timo Decker
Red Button Boy

Einfachheit ist die Mutter des Geheimrezeptes. Schon George Herriman hat für seinen epochalen Strip Krazy Kat ein simples Erfolgsrezept immer wiederholt: eine Katze, eine Maus, ein Ziegel. Der Rest war Variation.

Die Grundprämisse von Red Button Boy erinnert verblüffend daran: ein Junge, ein roter Knopf und ein Telefon. Der Rest ist, Sie ahnen es, Variation.

Der Anrufer versucht den Jungen davon abzuhalten, den roten Knopf zu drücken, der sich ausgerechnet auf der Brust des Jungen befindet. Der Junge versucht den Anrufer möglichst kreativ zu ignorieren. Die Folge: bizarre Wortgefechte und Momente nicht minder bizarrer inniger Zuneigung zwischen dem unsichtbaren Anrufer und dem namenlosen Knaben mit dem Knopf. (weiterlesen…)

Teil 2 meines Abrißes zum Gratis Comic Tag. Wie schon Teil 1 erhebt auch diese Ansammlung keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Bitte lesen Sie nach dem Bruch weiter.

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Am 8. Mai ist bundesweit der erste Gratis Comic Tag. An diesem Tag erscheinen 30 Comichefte von 16 Verlagen, die von interessierter Kundschaft in rund 150 Comicshops und Buchhandlungen im deutschen Sprachraum mitgenommen werden können. Gratis.

Was sind das für Hefte? Ein kleiner, vollkommen subjektiver, keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit erhebender Wegweiser durch den Gratis-Comic-Dschungel. (Nach dem Break.)

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Dieses Mal dabei:

  • Brian Reed/ Roberto de la Torre: Ms. Marvel 1 – Best of the Best
  •  Matt Fraction/ Barry Kitson: The Order 1 – The Next Right Thing
  •  Brian Michael Bendis/ Brian Reed/ Jim Cheung: New Avengers – Illuminati

Und klar – nach dem Teaser-Break gehts weiter. ;)

+++ Brian Reed/ Roberto de la Torre
Ms. Marvel 1: Best of the Best +++

Plötzlich hat jeder einen Presse-Agenten.

Vielleicht ist das ja satirisch gemeint, bei den Superhelden-Comics, einem Genre, das im Wortsinne von Menschen handelt, die abgehoben sind, erhoben oder erhaben, fliegen können.

Dass auch diese Menschen sich mit dem Medienalltag herumschlagen müssen und dass sie das nicht mehr allein können im Zeitalter der Handyphones, Society-Blogger, Facebook-Papparazzi.

Jedenfalls: auch Ms. Marvel hat einen. Sie ist, und dass ich das erklären muß, sagt viel aus, eine jener vielen zwischen B- und C-Status hin- und herfluktuierenden Figuren des Marvel-Universums, die gelegentlich mal eine eigene Serie hatte, ansonsten aber größtenteils einfach nur mitgeschleift wurde. Ihre neueste Serie läuft seit 2010 2006, dies ist der Auftakt dazu, es beginnt mit der Erkenntnis, dass man heute auch als Superheld nichts ist, wenn man nicht die richtige PR hat.

So weit, so gewollt satirisch. (weiterlesen…)

Der verflixte zweite Band – jedenfalls für einen Rezensenten, der bei Serien in aller Regel den Text (und damit das Urteil) bereits bei Band 1 in der Tasche haben muss.

Diesmal:

  • Keiji Nakazwa – Barefoot Gen Band 10: Never Give Up
  • Kazuo Kamimura – Furious Love Bd. 2
  • Hisashi Sakaguchi – Ikkyu Bd. 2

Keiji Nakazwa
Barefoot Gen Band 10: Never Give Up

Eigentlich ist das ja schlechtes Benehmen: eine Serie unvollständig zu bringen. Zumal, wenn die Verkaufszahlen stimmen. So wie im Fall von Barfuß durch Hiroshima, den mehr oder minder stark verfremdeten Erinnerungen des Zeichners Nakazawa an den Bombenabwurf von Hiroshima.

Auf Deutsch erschienen vier Bände bzw. rund tausend Seiten der Erzählung vor einigen Jahren bei Carlsen, begleitet von veritabler Medienaufmerksamkeit. (Und noch viel früher, nämlich in den Siebzigerjahren, die ersten 250 Seiten als allererster Manga in deutscher Sprache überhaupt bei Rowohlt.) Im Original umfasst die Serie das Dreifache, sie liegt auf Japanisch und Englisch in zehn Bänden vor.

Carlsen hat jedoch einen weisen Schnitt getan. Denn über die Atombomben-Erinnerungen hinaus handelt Barfuß durch Hiroshima bzw. Barefoot Gen, wie es auf Englisch heißt, vor allem davon, das einmal gefundene Thema nicht mehr loslassen zu können. Nicht unbedingt zum Besten der Erzählung. (weiterlesen…)

Ohne viele Worte, denn auch die Comics sind kurz.

Sascha Krämer & Jörg Krismann
Deutsche Helden 1

Erfolgreich wurde ich dran erinnert, dass es bei Marvel einen Superhelden namens Blitzkrieg gibt. Aus Düsseldorf! Wie uncool ist das denn?

Ansonsten enthält das zum Comicsalon Erlangen vor sechs Jahren erschienene Hefterl (mit drei verschiedenen Covern) vor allem Nachdrucke der gleichnamigen Strips aus der Comixene, denen ich nur leider selbst bei vollständigem Zusammenkratzen all meines Nerdtums und Marvel-Wissens nur bedingt Witz abringen konnte.

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Stephan Hagenow
Einar #1 (Gringo Comics, 1,80 €)

Hagenow ist ein Bruder im Geiste von Levin Kurio und diese Wikinger-Geschichte ist Trash. Das geht schon beim Vorwort los: “Einer dieser Wikinger hieß Einar”, Kalauer komm raus. Stellenweise ganz lustig, weil Hagenow einen deutlichen Hang zur Karikatur hat. Aber insgesamt nimmt es sich doch einen Tick zu ernst. Will ich wissen, ob “Einar sich der Macht seines Vaters beugen” wird (bzw. es schon getan hat, auch dieses Heft erschien vor diversen Jahren)? (weiterlesen…)

Es ist nicht gut, auf zu vielen Hochzeiten zu tanzen, jedenfalls nicht in der öffentlichen Wahrnehmung. Das Publikum weiß dann offenbar nicht, in welche Schublade es den Tänzer stecken soll.

Vielleicht ist das der Grund, weshalb Levin Kurio noch nicht die Meriten für seine Verdienste um die deutsche Comiclandschaft erhalten hat, die er verdient.

Levin Kurio steht immer ein wenig außen vor, und das nicht nur, weil sein Verlag, Weissblech Comics, in Raisdorf sitzt, einem Kaff in Schleswig-Holstein, das ohne Google-Maps vermutlich völlig von der Welt vergessen wäre. Wer macht denn schon Comics in der Provinz? Richtige deutsche Comics kommen aus Hamburg oder Berlin, zur Not auch aus Stuttgart oder Köln, und wenn sie mal aus Bielefeld kommen, dann ist das schon ein mittleres Wunder.

Aber Kurios Comics sind holsteinischer Provinz-Provenienz, und sie wären nicht halb so gut, wenn sie woanders her wären. Sicher weiß Kurio das besser als ich, aber ich wage zu behaupten: ohne diese Abgeschnittenheit von den Trends der Comicszene hätte das Talent des Erzählers, sämtliche Genreregeln und vor allem die von Publikum und Fachhandel so beliebten Genregrenzen ignorierend, niemals in der Form aufblühen können. Grade Kurios Frühwerke, veröffentlicht unter dem vielsagenden Titel Koma Comix, kümmern sich einen Scheißdreck um die Erwartungshaltung des Lesers. Und das ist gut so. (weiterlesen…)

Reden wir doch mal wieder über deutsche Comics.

Seit 20 Jahren zeichnet Schwarwel seine Schweinevogel-Comics, und daß er dabei auf weniger als 20 Ausgaben der jeweiligen Hefte (in diversen Reihen) kommt, wirkt auf den ersten Blick kaum beeindruckend.

Andererseits sind es so bereits 500+ Seiten zu der obskuren Figur (so eine Art Daniel Düsentrieb im Körper einer Mastsau mit Hühnerstelzen), die der Leipziger Zeichner vor allem nebenberuflich produziert hat, in zum Teil sehr langen und zum Teil dehr kurzen Geschichten. Und beachten sollte man, dass von 2000 bis 2009 fast vollkommene Funkstille hinsichtlich der Figur herrschte – in dieser Zeit erschienen lediglich ein paar Nachdrucke diverser älterer Comics, ansonsten produzierte Schwarwel vorrangig Alben- und Posterartwork, Videos, T-Shirts und derlei mehr für Bands wie Die Ärzte sowie den ersten eigenen Trickfilm. Natürlich mit Schweinevogel.

Seit dem Frühjahr 2009 publiziert Schwarwel wieder regelmäßig neue Comics, und auch wenn er die versprochene vierteljährliche Erscheinungsweise nicht schafft, sind es nach einem Jahr doch schon zwei neue Comichefte, mit einem dritten in der Pipeline und für März angekündigt – genau so viele wie im ganzen Jahrzehnt zuvor. Das Tolle: weil es Indie ist, schert sich Schwarwel wenig um das, was vorher in den anderen Geschichten erzählt wurde. (Und das ist gut so, denn da ging es viel um Zeitreisen und andere Universen und überhaupt war das Ganze sehr sehr wild.) Den neuen Schweinevogel kann man lesen, selbst wenn man nicht seit zwei Jahrzehnten in der Leipziger Szene rum rennt und notorischer Lokalkünstlerunterstützer ist.

Also: eine Continuity findet nicht statt. Oder doch? Heft 1 (“Die Wunder des Schweiniversums”) enthält eine Art Prolog zum Film. Heft 2 hat dann davon komplett unabhängige Comicstrips, die Schwarwel seit einiger Zeit für die Mosaik-Fanpage Alex Online produziert. Ein Zusammenhang zwischen beiden Heften besteht nicht, mit Ausnahme der Hauptfiguren.

Von den beiden Ausgaben ist die jüngere auch die bessere. Krankt der Film-Prolog noch an den gleichen Schwächen wie der Film selbst (einen Tick zu lang, einen Tick zu unkonzentriert und abschweifend), wirken sich genau diese bei der Stripsammlung zum Vorteil aus. Gerade das bizarre Herummäandern der Geschichte, die in den fortlaufenden Strips erzählt wird, die Befreiung von einem irgendwie rational erfassbaren Erzählkonzept macht das Ganze unglaublich lustig. Oder kurz: ich kann beim besten Willen nicht erklären, was in Heft 2 passiert, aber es ist gut.

Zum Mosaik hat Schwarwel sowieso eine erstaunliche Connection. Zumindest verwirrt es, wenn ausgerecnet der Altpunk/ Altundergroundler Schwarwel ein Crossover zwischen den Digedags und seinem Schweinevogel zeichnet. Der sechsseitige Kurzcomic ist enthalten in Alex #31 (der Druckversion von Alex Online, wenn man so will, siehe oben), das ebenso liebenswerte wie bizarre Heftchen enthält zudem noch ein Interview mit Schwarwel, in dem er den Mosaik-Erfinder Hannes Hegen mal eben “Gott der Ost-Comics” nennt. Faszinierend, wenn man ein Herz für das Obskure hat, und ziemlich lustig.

Der Alex #31 kann, wenn überhaupt, noch hier bestellt werden. Ein Preis ist auf dem Heft nicht angegeben. Die regulären Schweinevogel-Hefte bekommt man in jedem Comicshop mit Kompetenz und hier. Die Hefte haben 32 Seiten Umfang und kosten 3,90 EUR. Eine Gesamtausgabe aller Schweinevogel-Frühwerke ist für irgendwann 2010 angekündigt – darüber wird dann noch mal extra zu reden sein.

Ralf König
Schillerlöckchen

Wenn einer bald dreissig Jahre im Geschäft ist, und dabei noch erfolgreich, ist oft genug fast alles über ihn gesagt. Was wäre also noch über diese Sammlung von Strips und verstreuten Werken zu sagen, kompiliert wie üblich zum größten Teil aus seinen Beiträgen für das Schwulenmagazin Männer aktuell, was sich nicht z.B. hier bereits nachlesen ließe? Mit deutlich mehr Sex (und Sexappeal) setzt Ralf König seine Alltagsgeschichtsschreibung fort, die schon lange nicht mehr nur eine der homosexuellen Kultur ist, sondern in der Tat eine Chronik bürgerlicher Befindlichkeiten, zwischen Sex, Zukunftsangst und DVD-Abend. Drastischer, als ihm die FAZ das wohl gestatten würde, mithin ehrlicher und ein wenig undergroundiger – Crumb läßt grüßen, wie König überhaupt nicht nur in seiner Themenwahl, sondern auch seiner kulturellen Bedeutung den Status eines deutschen Robert Crumb einzunehmen beginnt.

Nennenswert: das Album enthält neben seinem vollständigen Beitrag zur Wilhelm-Busch-Hommage auch noch zwei weitere Busch-Verbeugungen, die ihrerzeit für das Zeit-Magazin entstanden. In der Häufung (16 Seiten am Stück) ist das Gereime dann aber doch ein wenig ermüdend. Ansonsten groß wie immer. (MännerSchwarm, 64 Seiten, 12,00 €)

Loisel & Tripp
Das Nest: Bekenntnisse

Der Traum vom hohen Norden als Utopia des einfachen Lebens wurde bereits in den Achtzigerjahren in der TV-Serie Ausgerechnet Alaska durchdekliniert. Als der Tonfall der Serie vom intellektuell-märchenhaften ins Gemeine kippte, war alles gesagt und die Serie wurde danach ziemlich bald gecancelt.

Auch Loisel und Tripp träumen ihren Traum vom hohen Norden. Ihr Notre-Dame am See, irgendwo in der kanadischen Provinz gelegen und in der Zeit zwischen den Weltkriegen, ist ihr Dörfchen-mein-Dörfchen-Utopia, eine weitere jener diversen Kleinstädte, in denen sich der Überschaubarkeit der Handlungsorte und Akteure wegen soziale Prozeße viel leichter darstellen lassen als in Großstadt-Erzählungen.

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