Archive for Februar 20th, 2010

Reden wir doch mal wieder über deutsche Comics.

Seit 20 Jahren zeichnet Schwarwel seine Schweinevogel-Comics, und daß er dabei auf weniger als 20 Ausgaben der jeweiligen Hefte (in diversen Reihen) kommt, wirkt auf den ersten Blick kaum beeindruckend.

Andererseits sind es so bereits 500+ Seiten zu der obskuren Figur (so eine Art Daniel Düsentrieb im Körper einer Mastsau mit Hühnerstelzen), die der Leipziger Zeichner vor allem nebenberuflich produziert hat, in zum Teil sehr langen und zum Teil dehr kurzen Geschichten. Und beachten sollte man, dass von 2000 bis 2009 fast vollkommene Funkstille hinsichtlich der Figur herrschte – in dieser Zeit erschienen lediglich ein paar Nachdrucke diverser älterer Comics, ansonsten produzierte Schwarwel vorrangig Alben- und Posterartwork, Videos, T-Shirts und derlei mehr für Bands wie Die Ärzte sowie den ersten eigenen Trickfilm. Natürlich mit Schweinevogel.

Seit dem Frühjahr 2009 publiziert Schwarwel wieder regelmäßig neue Comics, und auch wenn er die versprochene vierteljährliche Erscheinungsweise nicht schafft, sind es nach einem Jahr doch schon zwei neue Comichefte, mit einem dritten in der Pipeline und für März angekündigt – genau so viele wie im ganzen Jahrzehnt zuvor. Das Tolle: weil es Indie ist, schert sich Schwarwel wenig um das, was vorher in den anderen Geschichten erzählt wurde. (Und das ist gut so, denn da ging es viel um Zeitreisen und andere Universen und überhaupt war das Ganze sehr sehr wild.) Den neuen Schweinevogel kann man lesen, selbst wenn man nicht seit zwei Jahrzehnten in der Leipziger Szene rum rennt und notorischer Lokalkünstlerunterstützer ist.

Also: eine Continuity findet nicht statt. Oder doch? Heft 1 („Die Wunder des Schweiniversums“) enthält eine Art Prolog zum Film. Heft 2 hat dann davon komplett unabhängige Comicstrips, die Schwarwel seit einiger Zeit für die Mosaik-Fanpage Alex Online produziert. Ein Zusammenhang zwischen beiden Heften besteht nicht, mit Ausnahme der Hauptfiguren.

Von den beiden Ausgaben ist die jüngere auch die bessere. Krankt der Film-Prolog noch an den gleichen Schwächen wie der Film selbst (einen Tick zu lang, einen Tick zu unkonzentriert und abschweifend), wirken sich genau diese bei der Stripsammlung zum Vorteil aus. Gerade das bizarre Herummäandern der Geschichte, die in den fortlaufenden Strips erzählt wird, die Befreiung von einem irgendwie rational erfassbaren Erzählkonzept macht das Ganze unglaublich lustig. Oder kurz: ich kann beim besten Willen nicht erklären, was in Heft 2 passiert, aber es ist gut.

Zum Mosaik hat Schwarwel sowieso eine erstaunliche Connection. Zumindest verwirrt es, wenn ausgerecnet der Altpunk/ Altundergroundler Schwarwel ein Crossover zwischen den Digedags und seinem Schweinevogel zeichnet. Der sechsseitige Kurzcomic ist enthalten in Alex #31 (der Druckversion von Alex Online, wenn man so will, siehe oben), das ebenso liebenswerte wie bizarre Heftchen enthält zudem noch ein Interview mit Schwarwel, in dem er den Mosaik-Erfinder Hannes Hegen mal eben „Gott der Ost-Comics“ nennt. Faszinierend, wenn man ein Herz für das Obskure hat, und ziemlich lustig.

Der Alex #31 kann, wenn überhaupt, noch hier bestellt werden. Ein Preis ist auf dem Heft nicht angegeben. Die regulären Schweinevogel-Hefte bekommt man in jedem Comicshop mit Kompetenz und hier. Die Hefte haben 32 Seiten Umfang und kosten 3,90 EUR. Eine Gesamtausgabe aller Schweinevogel-Frühwerke ist für irgendwann 2010 angekündigt – darüber wird dann noch mal extra zu reden sein.