Der folgende Text zum Croowdfunding bei Carlsen ist gnadenlos veraltet. Er entstand im September 2015 für COMIX, ist dort aber nie erschienen. Aus Gründen der Vollständigkeit hier in der unredigierten Manuskriptfassung.

Eine Mark für Carlsen…
„Graphicatessen“: Carlsen initiiert eine Crowdfunding-Kampagne. Und begeht damit einen Tabubruch nicht nur innerhalb der Comicszene.

Es wäre ein leichtes, jetzt zu spotten. Dass Carlsen, jenem sympathischen Kleinverlag, offenbar das Geld fehle, um Titel unbekannter Autoren und Franchises wie Reinhard Kleist oder „Spirou“ zu publizieren. Dass man den darbenden Carlsen-Mitarbeitern doch bei der nächsten Buchmesse oder dem nächsten Comicsalon einen Kaffee ausgeben möge. Vielleicht ihnen einen Euro extra zustecken.

Aber Spott beinhaltet immer auch eine Distanzierung, eine Erhebung über die Sache. Betrachten wir es nüchtern: Carlsen hat im Juli Graphicatessen gestartet, ein Label oder eine Produktreihe, so genau wird das nicht klar. Dort sollen Titel produziert werden, denen man im Handel eher wenig Chancen einräumt. Und die deshalb vom Publikum finanziert werden sollen. Komplett.

Crowdfunding ist das Zauberwort. Ursprünglich eine gute Idee: Projekte, für die sich keine singulären Geldgeber finden lassen, zapfen alternative Geberkanäle an. Nicht mehr der einzelne Produzent oder Mäzen finanziert, sondern die Masse, die Schwarmintelligenz des Netzes, die in einer Art basisdemokratischer Abstimmung entscheidet, was sie gern hätte und was sie dafür gibt: das erste Album der unbekannten Band, der vielversprechende, aber knapp am Mainstream vorbeilaufende Film, das erste Buch der jungen Grafikerin.

Das hat regelmässig funktioniert. Populäre und erfolgreiche Filme wie „Stromberg – Der Film“ und „Iron Sky“ wurden über Crowdfunding angeschoben. Wer dort investierte, bekam nicht nur die Filme, sondern sogar eine Gewinnausschüttung am Ende. Fantagraphics hat sich sein halbes Programm von 2014 via Kickstarter crowdfunden lassen. 150.000 Dollar brauchte der Verlag, 222.000 Dollar bekam er. In Deutschland sammelte Jano Rohleder auf die Art das Startkapital für seinen Comicverlag Dani Books zusammen. Kickstarter, erste und immer noch attraktivste Adresse für Crowdfunding-Projekte im amerikanischen Raum, gilt inzwischen als viertgrößter Graphic-Novel-Veröffentlicher (Verlag wäre hier das falsche Wort) in den USA.

Carlsen geht nicht den Weg über Kickstarter, sondern über Startnext, laut Eigenangabe das deutsche Crowdfunding-Portal mit 80% Marktabdeckung. Angedacht sind Veröffentlichungen eines „Blake und Mortimer“-Zusatzbandes von E.P. Jacobs, eine Mappe mit Drucken u.a. von Reinhard Kleist und Uli Oesterle und ein unveröffentlichter Spirou-Band einerseits. Andererseits Neuausgaben bereits erschienener Titel: „Long John Silver“, „Alisik“ und die Kochcomics von Guillaume Long im Hardcover. Mit letzteren beiden beginnt das Programm auch, und ziemlich sicher ist das der erste Pferdefuß. Für Longs Kochaventiuren möchte Carlsen 24.000 Euro haben, für „Alisik“ immerhin noch 19.000. Für Titel, wohlgemerkt, deren Inhalte bereits komplett produziert sind (Übersetzung, Lettering, Redaktion) , um sie erneut im Hardcover und Schuber auf den Markt zu bringen.

Spenden sind ab fünf Euro möglich. Als Dank winkt nicht das fertige Buch (das muss vor allem der sparsame Crowdfunder zusätzlich kaufen), sondern Dinge wie die namentliche Erwähnung am Ende des Buches oder eine Dankpostkarte von „Alisik“-Zeichner Helge Vogt. Erst für eine Spende von 55 Euro („Alisik) bzw. 65 Euro (Guillaume Long) bekommt der Unterstützer das fertige Produkt.
Das Interesse hält sich im Rahmen. Grade mal vier Prozent der erforderlichen Summe sind zum Zeitpunkt des Verfassens dieser Zeilen für Longs Kochcomic zusammen, wenigstens elf für Alisik. Dies nach einer Laufzeit von sechs Wochen und zwei Wochen vor Ablauf der Spendenkampagne – an deren Ende, wenn das Geld nicht zusammenkommt, kein Produkt steht – so dass davon auszugehen ist, dass beide Editionen nicht erscheinen.

Man könnte nun fragen, ob grade diese beiden Titel nicht komplett falsch ausgewählt wurden. beide sind in durchaus hübschen Ausgaben, allerdings eben im Softcover, komplett lieferbar. Beide sprechen nicht unbedingt die Zielgruppe der bibliophilen Sammler an, und kaum die der Komplettisten. Auf Deutsch unveröffentlichtes Material von E.P. Jacobs und „Spirou“ ist für solche Zielgruppen fraglos attraktiver.
Vor allem aber wurde hier die Psychologie des Crowdfunding komplett missachtet. Um das Projekt zu bewerben, wurde eine Website erstellt (www.crowdrueben.de), es wurden Videos gedreht und das Team vorgestellt. Zu dem gehören immerhin zehn Leute, alle erkennbar als Carlsen-Mitarbeiter, anders gesagt: die Carlsen-Comicredaktion. Zur Psychologie des Crowdfunding gehört es aber, echte oder vermeintliche Underdogs zu finanzieren, die in den Strukturen eines Großproduzenten keine Chance haben, gegen den Mainstream zu gebügelt sind. Jetzt muss man nicht wissen, dass Carlsen zum schwedischen Medienkonzern Bonnier gehört (Jahresgewinn zuletzt: 121 Millionen Euro), um Carlsen dennoch ganz sicher nicht als Underdog zu begreifen. Immerhin ist das der Verlag von „Tim und Struppi“, und auch wenn hier, wie fast überall in der Printbranche, Dinge nicht zum Besten stehen, so hat er doch ein gefestigtes Image als großer, wichtiger und trendsetzender Mitspieler in der deutschen Comicbranche.

Das Team aus zehn Leuten deutet zudem auf ein anderes Problem hin: den gewaltigen organisatorischen Wasserkopf, der die benötigten Summen ungeheuer anschwellen lässt. Tatsächlich ist schwer zu vermitteln, weshalb die Neuauflage eines bereits fertigen Comics so viel kostet wie in etwa das gesamte Jahresprogramm eines deutschen Kleinverlags wie Zwerchfell.

Crowdfunding war von Anfang an ein moralisch zweifelhaftes Vergnügen. Die gute Idee, die teilweise gute Ergebnisse hervorbrachte, siehe oben, zog sehr schnell ebenso Bettler an. Menschen, die meinen sich ihren Kinobesuch über Spenden finanzieren zu lassen, zum Beispiel. Das sind meist Kleinfälle, geringe Summen, oft erfolglos. Carlsen dagegen setzt die Latte höher. Hier ist ein Verlag, der nicht eben wenig Geld hat, aber via Crowdfunding auch nicht eben wenig Geld will und damit zum Ausdruck bringt, das er dem eigenen Markt nicht mehr traut und ihm darum umgehen will.

Der Begriff des Verlages leitet sich aus dem des vorlegens ab, also dem Vorschiessen von Geld in ein merkantil erfolgversprechendes Produkt. Viele Kleinverlage, vor allem sogenannte Zuschussverlage, haben in den vergangenen Jahren diese eigentliche Tätigkeit des vorlegens aufgegeben. Häufig nehmen sie das Geld dafür von den Autoren selbst, die dankbar sind, überhaupt zu publizieren. Carlsen ist der erste Großverlag, der jetzt so vorgeht. Zwar sammelt er das Geld nicht von den Autoren. Dafür von den Kunden. Er will keine Anschubfinanzierung, sondern das gesamte Geld für jedes einzelne Projekt seines Graphicatessen-Labels, das demnach wohl nicht dazu gedacht ist, sich je selbst zu tragen. Damit begeht Carlsen einen Tabubruch nicht nur innerhalb der Comicbranche, sondern innerhalb der seriösen Verlagsbranche: man handelt nicht mit Büchern, um den Laden am Laufen zu halten. Man agiert nicht im Markt. Man möchte einfach nur noch das Geld der Kunden. Egal wie. Notfalls sogar, indem man etwas dafür produziert.

Wenn sie es so wollen: geben wir Carlsen auf der nächsten Messe jeder einen Euro. STEFAN PANNOR

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