Digedags, MOSAIK, Hannes HegenEs war ein bisschen Widerstand in der DDR: der Abeneteuercomic „Mosaik“ konnte über Jahrzehnte staatlichen Zensurbehörden widerstehen. Eine Ausstellung in Leipzig widmet sich dem Ausnahme-Comic und zeigt ihn erstmals in voller Pracht.

Es steckt etwas von „Asterix“ in dieser Geschichte. Wie die ganze Kultur der DDR staatlich gleichgeschaltet ist und es nur einem kleinen Heft gelang, sich gegen Vereinnahmungsversuche durch die Obrigkeit zu wehren.

Dieses Heft war das „Mosaik“, das ab 1955 in Ostberlin erschien (und nach verschiedenen Transformationen bis heute erscheint). Zwar war das schmale Heftchen nicht die einzige regelmässige Comicpublikation des ostdeutschen Staats. Aber es war mit Abstand die erfolgreichste. Bis zu 660.000 Hefte monatlich wurden verkauft. Dass es nicht noch mehr waren, lag oft genug an realsozialistischer Papierknappheit, nicht an mangelnder Kundschaft – die Comics waren gesuchte Raritäten, sogenannte „Bückware“.

Denn die von einem Gestalterteam entwickelten Geschichten spielten in Rom, Venedig, Paris und vielen weiteren Orten, die der realsozialistische Bürger nicht zu sehen hoffen durfte. Zwar nicht in der Gegenwart, sondern in historischen Phasen wie dem zerfallenden römischen Reich oder im nordamerikanischen Bürgerkrieg. Trotzdem waren die erstmals 1955 erschienen Hefte im eingemauerten Arbeiter- und Bauernstaat im Wortsinne eine „Fluchtlektüre“, die mehrere Generationen von Lesern geprägt hat.

Das allein wäre Grund, der Reihe eine Ausstellung zu widmen. Tatsächlich gab es bereits mehrere davon, die erste 1990 in Leipzig. Aber keine konnte so aus dem Vollen schöpfen wie die etwas bieder „Dig, Dag und Digedag – DDR-Comic ‚Mosaik’“ benannte Schau im Zeitgenössischen Forum Leipzig, die jetzt eröffnet hat.

Sie widmet sich der vermutlich zentralen Phase im Bestehen des Comics, den Jahren 1955 – 1975. In diesen Jahren war Johannes Hegenbarth alias Hannes Hegen, der die Serie auch kreiert hat, künstlerischer Leiter des Heftes. Die damals erschienen langen Abenteuercomics, die sich oft über sechzig und mehr Hefte erstreckten, gelten als kreativer Höhepunkt der Serie.

Zwei Glücksfälle kommen hier zusammen. Zum einen, dass Hannes Hegen ab 1947 in Leipzig studiert hat. Zum anderen, dass er aus seiner Tätigkeit als Gestalter, Zeichner und Comicmacher beinahe alles aufgehoben hat. Es ist so ein gewaltiges Archiv aus 35.000 Einzelobjekten zusammengekommen, das Hegen aus Verbundenheit zu Leipzig dem Zeitgenössischen Forum vor einigen Jahren vermacht hat.

Aus diesem Archiv speist sich die Ausstellung. Es beinhaltet nicht nur Comicseiten und originale Zeichnungen, wie sie sonst in Comicausstellungen zu sehen sind. Sondern auch Verträge, Entwürfe, Konzeptpapiere, Fotos und plastische Ausarbeitungen von Figuren und Handlungsorten, die gestaltet wurden, damit die verschiedenen Zeichner des Heftes auf einheitliche visuelle Vorlagen zurückgreifen konnten.

Es ist damit nichts weniger als eine Ausstellung darüber, wie ein Comic entsteht, und darüber, wie spezifisch das „Mosaik“ als kleinkapitalistische Insel im realsozialistischen Arbeiter- und Bauernstaat entstehen konnte.

Denn kapitalistisch, also unternehmerisch gedacht, war das Heft von Anfang an. Gezeigte Verträge belegen, dass Hegen pro Heft ein Honorar von 25.000 Mark erhielt – in einem Land, in dem reale Löhne im unteren dreistelligen Bereich lagen.

Ebenso sorgte Hegen dafür, dass sein Name auf dem Titelblatt jeder Ausgabe stand. Damit etablierte er sich als Marke, ähnlich wie Walt Disney oder Rolf Kauka mit seinen „Fix & Foxi“-Comics.
Genau wie bei diesen waren Hegens Comics tatsächlich aber Ergebnisse von Teamarbeit. Hegen verstand es frühzeitig, eine Vielzahl talentierter Mitarbeiter – Zeichner, Autoren, Redakteure – an sich zu binden, die das Heft arbeitsteilig im Monatsrythmus erstellten.

Diese Studioarbeit erinnert nicht zufällig an Hergé. Der Schöpfer von „Tim & Struppi“ hatte nach dem Krieg in Belgien sein „Studio Hergé“ eröffnet, in dem er vor allem als künstlerischer Leiter fungierte, während die Comics weitgehend von seinen Mitarbeitern gestaltet wurden.

Objekte der Ausstellung belegen, dass die geistige Verwandtschaft beider Zeichner noch viel tiefer ging. Genau wie Hergé legte auch Hegen ein gewaltiges Archiv an Bild- und Textvorlagen an, nach denen seine Mitarbeiter die historischen Epochen so originalgetreu wie möglich rekonstruieren sollten. Das waren großformatige Kladden mit Bildern zum alten Rom, zu Indianern, zu Urwaldpflanzen. Ein ganzer Ordner widmet sich allein Kamelen.

Nicht nur einzelne Bilder, ganze Bücher wurden aufbewahrt. Aus der obskuren PR-Broschüre „Im Kraftfeld von Rüsselsheim“ wurde das Titelbild zum „Mosaik“-Heft „Geheimsache Digedanium“. Heimlich hat Hegen im Kino ganze Filme abfotografiert, um grafische Vorlagen für Schauplätze und Details zu beschaffen.

Was von aussen skurril wirkt, sorgte letztlich für die hohe grafische Qualität des Heftes. Die lässt sich – und das ist letztlich die ganz große Leistung dieser Schau – erstmals in Leipzig wirklich realistisch anhand einer Vielzahl Originalseiten einschätzen.

Denn was in der DDR als „Mosaik“ gedruckt wurde, war oft von minderer Qualität, verkleinert und auf billigem Papier. Die gezeigten Seiten aber, vor allem die schwarz-weissen ohne zusätzlichen Farbauftrag, zeigen die Versiertheit und Liebe zum Detail von Hegens Studiomitarbeitern. Vieles sieht selbst der Kenner der ursprünglichen Hefte hier zum ersten Mal. Viele Schraffuren, Schatten oder Details im Bildhintergrund, die in der schlechten Reproduktion ersoffen.

Hegen selbst war die Mangelhaftigkeit der Reproduktion bewusst. Schriftstücke belegen, dass er um ein größeres Format des Heftes kämpfte. Ganz offen bezieht er sich in einem Schreiben von 1964 auf das frankobelgische Magazin „Tintin“ (publizistische Heimat von „Tim & Struppi“) als Vorbild. Das große Albenformat war sein Ziel. Die „Mosaik“-Geschichten nennt er nicht Comics, sondern „Bildromane“, damit den mehr als ein Jahrzehnt später in den USA geprägten Begriff der „Graphic Novel“ antizipierend.

Es ist nicht so, dass darum jetzt die Comicgeschichte darum neu geschrieben werden muss. Dies sind Preziosen am Rande der Ausstellung, die zu entdecken sich lohnt. Aber die Schau als ganzes öffnet die Augen für das extrem hohe Niveau, auf dem in Hegens Studio Comics gemacht wurden – mitten in einem Land, dessen Regierung Comics eher ablehnte.

Auch diese fortdauernden Anfeindungen dokumentiert die Ausstellung. Ein andauerndes Ringen Hegens mit den Zensurorganen, die letztlich 1975 zum Bruch führten und zur Quasi-Enteignung von seiner Schöpfung. Seine Studiomitarbeiter, zuvor schon für den größten Teil des Heftes kreativ verantwortlich, führtem die Serie mit anderen Hauptfiguren, aber selbem Namen fort.

Hegen dagegen verstrickte sich in eine Vielzahl letztlich erfolgloser Urheberrechtsprozesse. Als Künstler ist er seitdem praktisch vollständig verstummt. Anders als bei „Asterix“ endet die Geschichte hier nicht mit einem Sieg.

Langfassung eines Artikels für SPIEGEL-Online. In dieser Version veröffentlicht in COMIXENE.

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