Fast am Rande des Sonnensystems ragt eine schwarze Mauer auf. Sie erweist sich als undurchlässige Blockade sowohl für Materie wie auch für Signale. In ihrer Funktionsweise ist sie einem Schwarzen Loch vergleichbar: was reinkommt, kommt nicht wieder raus.

Was aber ist hinter der Mauer? Wieso ist sie da, wer hat sie errichtet, welchem Zweck dient sie? Um diese Fragen geht es inhaltlich in Universal War One. Die sechsbändige Comicserie hat zuletzt eine ganze Menge Lob erhalten. Sie sei „hart und kompromisslos“, „am ehesten mit Alien oder Blade Runner“ vergleichbar, ein „in jeglicher Hinsicht überwältigender Graphic Novel“ (ich habe mir dieses Deutsch nicht ausgedacht) und „mitreißende SF-Unterhaltung auf hohem Niveau, die Vergleiche mit der neuen Battlestar Galactica TV-Serie zulässt“.

Kurz gesagt: das Superlativirus geht unter den deutschen Comicrezensenten um.

Aber stimmt das denn auch? Ist Universal War One so modern wie der neue Battle Star Galactica, so intelligent wie Alien oder Blade Runner?

Geschichten, in denen die Erde durch eine außergewöhnliche Gefahr oder schlicht etwas komplett Unbekanntes bedroht ist, das plötzlich im Sonnensystem auftaucht, sind nichts neues. Schon Arthur C. Clarke ließ in seinem Roman Rendezvous mit Rama ein gewaltiges Raumschiff am Rand des Sonnensystems auftauchen, es durchqueren und dann wieder verschwinden – ein Mysterium, dem die Forscher, die Clarke in seinem Buch ausschickte, kaum etwas anhaben konnten.

Universal War One aber ist nicht so ein Rama-Ding. Die Reihe handelt nicht von Erforschung. Hier geht alles etwas härter zu. Der Weltraum ist Objekt kommerzieller Ausbeutung, gesucht werden vor allem Bodenschätze, und kolonisatorischen Verhaltens: Dieses Gebiet ist unseres. Wissenschaft und Militär liegen sich in der gar nicht so fernen Zukunft in den Haaren, kämpfen gegeneinander um Erforschungs- und Eroberungsrechte. Damit liegt die Serie tatsächlich im Zeitgeist – Erforschung ist schon lange kein Thema mehr in der modernen Mainstream-Science-Fiction. In unserer Post-9/11-Phase geht es auch in unseren verbreitesten Zukunftsphantasien nurmehr um Kampf und Gewalt.

Hauptfiguren sind ein Team dissidenter Prospektoren, die sogenannte „Schwadron Purgatory“ – Krimineller aus der zivilen und militärischen Raumfahrt, die zurProspektorenarbeit verdonnert wurden. Jedem Album der Reihe ist ein kurzes Portrait eines jener Dissidenten vorangestellt. Die Verbrechen sind unterschiedlich, nicht alle von ihnen lassen sich klar als Verbrechen einstufen. June Williamson zum Beispiel ist im Team, weil sie als Militär gegen ausdrücklichen Befehl Zivilisten geschützt hat. Milorad Racunisca, ein weiteres Mitglied, wurde rechtskräftig wegen Vergewaltigung verurteilt.

Die Schwadron soll angeblich beweisen, dass Verbrecher eine zweite Chance verdient haben. Ein äußerst obskures Unterfangen, denn zum einen ist Rehabilitation schon lange (in Deutschland etwa seit der Weimarer Republik) Bestandteil des Strafrechts. Zum anderen scheint es aber etwas unpraktisch, zu Zwecken der Rehabilitation sechs verurteilte Verbrecher ein kaum beaufsichtigtes Team bilden zu lassen, das weitgehend allein am Rand des Sonnensystems agiert. Wiedereingliederung geht anders.

Freilich ist die Bildung jener Schwadron Purgatory unumgänglich. Müssen doch gerade jene Ausgestossenen in Folge die Drecksarbeit der Handlung erledigen.  Denn natürlich sind es gerade sie, die in Folge die schwarze Mauer erforschen, durchdringen, ihre Geheimnisse aufdecken und zurückkehren, in einem Wettlaufgegen die Zeit, bei der das Schicksal der Erde auf dem Spiel steht.

Denis Bajram entwickelt dazu einen angemessen komplexen Plot, der mit Schwerkraftverhältnissen, Zeitreisen, Freundschaften und Amouresken sowie Kompetenzrangeleien zwischen Militär und Wissenschaft zu tun hat. Fraglos geschieht etwas: seine Figuren hetzen von einer ausweglosen Situation in das nächste Rätsel. Es knallt ordentlich. Und fraglos ist das durchdacht. Bajram schildert den naturwissenschaftlichen Hintergrund, der die Handlung am Laufen hält, akkurat, knapp und präzise, für den Laien nachvollziehbar. Seine Schwarze Mauer ist nicht nur irgendein Objekt, sondern tatsächlich (Science-Fiction-)wissenschaftlich durchdacht.

Die Hektik des Geschehens aber übertüncht nur notdürftig das Klischeehafte der Handlung, wie es sich bereits im Grundplot mit der Schwadron Purgatory andeutet. Es gibt – wenigstens im Verlauf der ersten vier Bände, die mir hier vorliegen – nur all zu bekannte Heldentode, lang vorhersehbare Zeitparadoxa und die erwartbare Entwicklung der ehemaligen Schurken zu den potentiellen Rettern der Menschheit.

Auch bei der Charakterzeichnung zeigt Bajram deutliche Schwächen. Zu keinem Zeitpunkt werden die Hauptfiguren für den Leser plastisch, ihr Innenleben begreifbar. Bairam hängt seine Charaktere an ein paar simplen Macken und Äußerlichkeiten auf. Dem Sexismus Baltimores etwa oder dem ewigen  Zigarrenstumpen Kalishs, eines weiteren Mitgliedes der Schwadron. Selbst die Dialoge verraten nichts über die Figuren. Sie  sind im besten Falle steif, im schlechtesten Falle pappig. Bajram begeht die schlimmste Sünde des Erzählers: weil die Charaktere dem Leser nicht nahe gehen, ist ihr Tod eigentlich egal. Der im ersten Band sterbende Baltimore ist narratives Kanonenfutter.

Deshalb stimmen oben genannte Vergleiche nicht. Universal War One setzt allein auf oberflächliche Reize, auf ordentlich in Szene gesetzte, aber inhaltsleere Action und vollkommen funktionale Hauptfiguren. Obwohl Bajram tatsächlich auf tiefere Aussagen abzuzielen scheint – jedem Kapitel der Bücher ist ein Zitat einer fiktiven „Bibel von Kanaan“ vorangestellt – so bleiben diese Bezüge doch außerhalb der Narration unklar, verleihen dem Werk keine zusätzliche Ebene. Derlei lehnt der Zeichner auch ab: „Auf unterschwellige Art hasse ich Selbstreferenz. Die Einbeziehung der Meta-Ebene in das Werk, dieses oberschlaue Getue“, sagt er im Splashpage-Interview.

Damit beraubt sich Bajram selbst aller Möglichkeiten, wirklich interessante Science Fiction zu erzählen. Universal War One ist als Geschichte nur halb so gut, wie es anhand der Grundidee sein könnte und läßt gerade jenes Aufsehenerregende vermissen, wie es innovative Werke wie Blade Runner oder die Neuauflage von Battlestar Galactica, ja, in engen Grenzen sogar der jüngste Star Trek-Film liefern: die Erzählung von Menschen in einer aus den Fugen gerattenen Umwelt mit der Frage, was den Menschen ausmacht. Universal War One ist dagegen ein spannendes, letztlich aber auf reinen Eskapismus angelegtes Unterhaltungswerk, wie es in der Science Fiction viele gibt.

Denis Bajram: Universal War One – sechs Bände á 48 Seiten, pro Band 12,80 €. Erschienen im Splitter-Verlag.

Mehr Informationen, ausführliche Leseproben etc. finden sich hier.

7 Responses to “Sonntagslektüre (05): ‚Universal War One‘”

  1. Susumu says:

    Vergleiche mit BLADE RUNNER oder ALIEN halte ich auch nicht für nachvollziehbar. Von GALACTICA kenn ich nur die alte Serie, und da wäre ein Vergleich alles andere als schmeichelhaft.

    Oberflächlich und zunächst wirkt UW1 ja wie ein Standard-Military-Titel, also dem gleichen Subgenre angehörig wie STARSHIP TROOPERS oder (wenn überhaupt dann) eher noch ALIENS als ALIEN. Auch der von dir als unlogisch angekreidete „Knackis können sich durch Himmelfahrtskommando rehabilitieren“-Ansatz ist spätestens seit DIRTY DOZEN etablierter Standard und funktioniert eigentlich immer wieder sehr gut. Ich find halt auch hier, auch wenn das Standardkost ist, nicht das Besondere an der Serie.

    Das Besondere ist eben, wie du selbst attestiert, die Art und Weise, wie akkurat, für den Laien nachvollziehbar und unterhaltsam quantenmechanische Theorien in die Story eingebunden werden. Wohl gemerkt: Theorien, kein gesichertes Wissen. Aber Sachen, die in der Zukunft zu Wissen werden könnten. Da merkt man, dass der Autor sich mit der Materie befasst hat und nicht nur irgendein pseudowissenschaftliches Technobrabbel von sich absondert. Das ist, was mMn gute SciFi ausmacht und deshalb schlägt die Serie für meinen Geschmack Sachen wie STAR TREK um Welten, auch wenn dort wiederum sehr viel Wert gelegt wird auf plastische Figurenentwicklung.

    Ein wenig überrascht mich, dass du scheinbar die Serie gerade nach 4 Alben aufgegeben hast. Hätte gedacht, wenn da wer aussteigt, dann noch nach den ersten beiden Bänden, spätestens nach dem 3. mit seinem Knaller-Ende hängt wohl jeder am Haken und will wissen wie’s ausgeht. Und so ganz stimmt das mit der mangelnden Anteilnahme über die ganze Laufzeit dann wohl auch nicht so ganz. Mir hat vor allen der Oberschurke letztendlich sehr leid getan, und das obwohl seine Schandtat natürlich ganz und gar nicht rechtzufertigen ist. Wegen der „Bibel von Kanaan” hatte ich bis knapp vor Schluß das Gleiche wie du gedacht. Doch zuletzt ist das finde ich doch recht geschickt gelöst, fügt sich die Bibel sehr wohl in das Gesamtbild ein.

    Hast die letzten beiden Alben nach dem Verfassen des Textes eigentlich doch noch gelesen oder bist wirklich mit 4 von 6 verblieben?

  2. Stefan says:

    Ich denke, was in der losen Gesellschaftsstruktur des Western funktioniert, geht nicht in der klar definierten Struktur einer SF-Geschichte, in der eben nicht mehr Neuland untern Huf genommen wird, sondern die sozialen, wirtschaftlichen, millitärischen und kommunikativen Netze bereits sehr eng gestrickt sind.

    Hard-SF alleine begeistert mich noch nicht, nur weil sie „hard“ ist. Das gibt es eben schon seit über siebzig Jahren und wurde bereits herausragend bearbeitet, von Asimov, Benford, Clarke … (hier das Alphabet nach eigenem Gutdünken fortsetzen). Meine These bei der Bewertung von Comics ist, dass hier die gleichen Maßstäbe gelten sollten wie für jedes andere Werk. D.h. wenn UW1 Hard-SF ist, dann steht es in einer Reihe mit entsprechenden Romanen und Filmen. Es gibt keine Bonuspunkte, weil es zu der verschwindend kleinen Gruppe glaubwürdiger Hard-SF-Comics gehört. (Gleiche Aussage gilt für jedes andere Genre.) Dahinter steckt der Ansatz, dass eine Gleichwertigkeit des Mediums Comic nur glaubwürdig vermittelt werden kann, wenn wir Kommunikanden (bzw. eben Rezensenten wie ich) den Comic auch als absolut gleichwertig zu anderen Medien ansehen und vermitteln.

    Gute SF/ SciFi (wiobei SiFi für mich ein Subgenre der SF ist) geht auch nicht nur mit Technik. Social Fiction von Ursula LeGuin bis Alan Moore hat das ja bewiesen, ebenso wie die literarischen Experimente von Ballard oder die Psychedelien eines Moebius. Das ist natürlich auch alles Science Fiction.

    Für UW1 aber natürlich irrelevant, denn UW1 hat ganz andere Ziele. Ich wollte das also nur kurz einfügen.

    Ich habe die Serie nicht im engeren Sinne nach 4 Alben aufgegeben. Sondern das waren einfach die Bände, die ich hier hatte, und die lange ungelesen im Regal standen. Die habe ich dann in einem Rutsch gelesen. Wobei man eben sagen muss: es war okay, aber vom Hocker gerissen hat es mich nicht. Die alte Debatte, dass man eine Serie zu Ende lesen muss (was man imho NICHT muss), um sie zu beurteilen, müssen und werden wir hier nicht aufmachen. Schon aus pekuniären Gründen bilden sich die meisten Leser nach einem Band ihr Urteil. Zu recht. Comics sind teuer, egal wie gut und liebevoll sie aufgemacht sind. Neben dem relativen Wert des Preis-/Leistungsverhältnisses gibt es auch noch den absoluten des Preises an sich. Und der ist bei Comics sehr oft sehr hoch.

    Ich habe die Bände 1 bis 4 beurteilt. Damit will ich es vorerst gut sein lassen, denn es gibt noch viel mehr Comics auf dieser Welt, von denen viele ebenfalls eine Chance verdient haben.

  3. Susumu says:

    Wie kommst du jetzt eigentlich auf den Western? DIRTY DOZEN mit MAGNIFICENT SEVEN verwechselt? Falls dem so ist, da kamen die Knackis erst bei irgendeinem weiteren Aufguss zum Zug. Die ersten Sieben waren zwar keine Edelmänner wie die Samurai, aber doch respektablere Revolvermänner. Bin jetzt nicht sicher, ob das entsprechende SEVEN-Sequel vorm DOZEN-Film herauskam, der prägendere Film war jedenfalls letzterer. Oder meinst du Western in Bezug auf STAR TREK? Da werden auch mitunter Parallelen gezogen, aber dann verstehe ich da noch weniger, was du genau meinst.

    Was SciFi-Romane betrifft bin ich recht blank. Habe in dem Genre nie viel gelesen, an „echten Weltraum-Geschichten“ (also keine utopischen Gesellschaftsbetrachtungen a’la 1984, BRAVE NEW WORLD, ect. – das verstehst du wohl unter Social Fiction) eigentlich nur ein bisserl Bradbury und Lem. Und Douglas Adams. Vergleiche mit Weltraum-Romanen KANN ich also kaum ziehen, das liegt nicht daran, dass ich eine „Verteidigungslinie“ führen würde: „Hau doch nicht so drauf ein. Dafür, dass es ein Comic ist, ist’s gar nicht mal schlecht.“ Was Film und in Maßen auch TV betrifft (die neueren Sachen kenn ich bei letzteren allesamt nicht) habe ich im Genre glaube ich schon reichlich Vergleichsmöglichkeiten. Und dagegen schlägt sich UW1 meiner Meinung nach halt ausgesprochen gut. Wenn ich da schreibe, dass man da nicht unbedingt BLADE RUNNER oder ALIEN als Referenz nehmen sollte, liegt das eher daran, dass die Subgenres zu weit außeinander liegen. So, wie ein Vergleich DONJON mit SANDMAN mit HERR DER RINGE nicht unbedingt auf der Hand liegt, obwohl alles ansich Fantasy wäre.

    Die alte Debatte bzgl. Beurteilbarkeit wollte ich eigentlich auch nicht vom Zaun brechen. Ich fand’s nur überraschend, dass du gerade 4 von 6 Alben verfügbar hattest. Wenn’s Reziexemplare waren hättest sie ja wohl früher abgehandelt, zum Probekauf nimmt man doch eher meistens weniger. (Und auch wenn Geschmäcker verschieden sind hätte ich einen Abbruch nach 2 Alben in diesen Fall allgemein für wahrscheinlicher gehalten als nach 4.) Nur, dass du meinst, die Bibel von Kanaan hätte keinerlei Bezug zur Narration ist halt etwas, was du verfrüht, mangels Kenntnis des Schlusses, abgeurteilt hast. Die fügt sich schon auch in die gesamte Erzählung ein, Bajram hat sich das in gewisser Weise als „twist in the end“ aufgespart. Das ist jetzt auch nicht so toll und genial, das ich meinen würde, deswegen allein lohne sich die Anschaffung für jemanden, der nach vier Alben meint „OK, aber kein Hockerreißer.“ Aber der Umkehrschluß gilt find ich auch: Der Erzähler ist nicht verpflichtet die Geschichte von vorne herein so aufzudrösseln, dass einem, auch wenn man den Schluss noch nicht kennt, alles einen narrativen Sinn ergibt.

  4. Stefan says:

    Nein, ich war aus irgendeinem Grund bei WILD BUNCH hängen geblieben … *argh*.

    UW1 schlägt sich also gut, wenn man keine Ahnung vom Genre hat? Hm, das mag stimmen — aber ist eigentlich keine wirklich überzeugende Verteidigung des Werkes, oder? Mich hat ja aber auch, wie gesagt, nicht die Technik gestört, im Gegenteil. Mir hat der dramaturgische und psychologische Aufbau nicht gefallen. Die Figuren sind flach, auch und gerade im Vergleich zum neuen „Battlestar“ (das ich sowieso, gerade als Genre-Kenner, für eine in jeder Hinsicht verdammt gigantische und äußerst literarische Sache halte). Und die Dramaturgie ist vorhersehbar. Das sind zwei Punkte, die ich jedem Werk ankreiden würde. Ich mag eine gute Effekthascherei, und ich mag es auch, wenn es mal ordentlich dröhnt und knallt. Aber so lange das Geknalle nur dazu da ist, anderweitige Schwächen zu übertünchen, finde ich das schwach. Deshalb hat mich UW1 eben auch nur mit einem zugedrückten Auge unterhalten, zugedrückt für die Schlüßigkeit der Techno-Anteile des Plots und die Bodenständigkeit der Erzählung, die nicht sofort in die klischeehaften Weiten des Alls hinaus stolpert.

    Im übrigen ist es für mich schon rein praktisch gar nicht machbar, alles sofort zu lesen, was rein kommt. Manches liegt tatsächlich Jahre. Gilt auch für Reziexemplare. Ist einfach so, weil die Welt nicht nur aus Comics besteht und ich auch gar nicht erst in eine private Monokultur abgleiten will.

  5. Susumu says:

    Also auf WILD BUNCH hätte ich jetzt nie getippt. Wie konntest denn da einen Bezug herstellen?

    Was meine Genreeichung betrifft gebe ich zu, dass ich bei Romanen doch andere Sachen bevorzuge, die phantastischen Genres eigentlich komplett außen vor lasse und auch Krimis höchst selten lese. Und meinen TV-Konsum habe ich in den letzten Jahren halt bis auf gelegentlich mal die Nachrichten komplett eingestellt. Heißt jetzt aber nicht, dass ich nur SciFi-Serien aus den 60ern kenne, bis so ca. STAR TREK: VOYAGER (was ich nebenbei wirklich erbärmlich einfallslos fand) war ich dabei, nur die ganz neuen Serien kenn ich halt überhaupt nicht mehr. SciFi-Spezialist war ich wohl nie, aber muss man denn unzählige SciFi-Romane lesen um „korrekt“ SciFi-Comics zu beurteilen. Ich glaube nicht.

    Ist aber egal: Ich fand die Serie sehr spannend und gut durchdacht, aber ich stimme mit dir völlig überein, dass wenn dich die ersten vier Alben nur mäßigt begeistert haben, die letzten beiden da auch nix mehr rausreißen werden.

  6. Stefan says:

    Nun, um das noch mal auseinander zu dividieren: SciFi ist für mich actionorientierte Science Fiction, wogegen ich SF bzw. Science Fiction als weitaus umfassenderes Genre ansehe, von dem SciFi nur ein Subgenre ist. Das meiste, was an SF-Serien im Fernsehen läuft, ist fraglos SciFi, aber das heisst eben nicht, dass die Welt der Science Fiction an dieser Stelle aufhört. Noch lange nicht. Insofern lehne ich auch SciFi ein Stück weit ab, weil sie vielen Leuten scheinbar das Hirn verkleistert hat bzgl. der Möglichkeiten der SF. Es ist ganz offenbar so, dass sich viele Menschen die umfassenden Möglichkeiten eines über hundertjährigen Genres nicht vorstellen können, weil sie nur solche Phantastik kennen, die hinter den Möglichkeiten des Genres bleibt. (Eine interessante Parallele zum Comic insgesamt im übrigen. Oder zum Western.) Davon abgesehen schaue ich aber diverse Serien natürlich selber gern bis begeistert – wenn etwas gut gemacht ist, ist das Genre (oder Sub-Genre) ja wurscht.

    Was mich aber stört, ist eben dieser Staun-Effekt: man kennt es so nicht, also ist man erst mal hingerissen. Völlig verständlich und geht jedem von uns so. Nur: dieser novelty-Effekt nutzt sich ziemlich schnell ab, und wenn dann keine tiefergehende Substanz dahinter steckt, wenn man dann merkt, dass das subjektiv Neue etwas objektiv Altes ist, dann leidet die Wahrnehmung des Werkes darunter. Dann funktioniert das Werk höchstens noch unter den Maßregeln der Nostalgie.

    Infolgedessen halte ich es für wichtig, eine gewisse Kompetenz zu haben, wenn ich etwas beurteile. Denn ich publiziere diese Sachen ja. Ich stehe mit meinem Namen dafür ein. Ohne eine gewisse Grundkenntnis dessen, worüber man redet, ist man einfach aufgeschmissen – dann kommen so hilflos-bemühte Vergleiche bei heraus, wie ich sie weiter oben zitiert habe. Man kann eigentlich gar nicht zu kompetent sein, wenn man etwas beurteilen will. (Und man sollte natürlich auch nicht an einer Stelle stehen bleiben …)

  7. Susumu says:

    Ah, da bestand ein Missverständnis zwischen uns. Für mich war SciFi schlicht und ergreifend eine allgemein verständliche, selbst erklärende Abkürzung für Science Fiction, die ich aus reiner Tippfaulheit verwendet hatte. (Im Gegensatz zu SF, was aus dem Kontext gerissen noch Schweizer Fernsehen, Sommerferien, was weiß ich sonst noch heißen könnte.) Davon abgesehen ist mir freilich klar, dass es noch ganz andere Spielarten geben kann. Nur: Was du zuletzt „Social Fiction“ genannt hast (ich denke, da meinst du so Bücher wie 1984, BRAVE NEW WORLD, FAHRENHEIT 491 bzw. Filme wie METROPOLIS, ALPHAVILLE, LOGAN’S RUN wäre für mich ebenfalls SciFi gleich Science Fiction, VR-Geschichten wie MATRIX oder WELT AM DRAHT und andere Spielarten dito. Abgesehen davon: 2001 – A SPACE ODYSSEY wäre dann ja wohl auch nach deiner Einteilung SciFi, nicht SF. Lehnst du das insofern auch ab?

    Und es ist auch nicht so, dass UW1 bei mir einen Stauneffekt ausgelöst hätte, weil mir so ein Science-Bezug völlig neu gewesen wäre. Beispielsweise habe ich auch die 4 TV-Filme sowie ersten beiden Staffeln der TV-Serie LEXX gesehen. Die TV-Filme waren einfach Spaß-SciFi, für sich genommen gut konsumierbar. In den beiden Langstaffeln (20 bzw. 13 Folgen, eine dritte mit 24 Episoden konnte ich niemals sehen, worauf die hinausläuft ist mir aber klar) tue ich mir mit der Bewertung schon schwerer.

    Zum einen sind die Drehbücher technisch durchdachter und visionärer als STAR TREK und Konsorten. Wo in ST: VOYAGER beispielsweise selbst in x Jahrhunderten Raumanzüge klobig aussehen, als hätte man die Kostüme von OUTBREAK wieder verwendet trägt man in LEXX (das technisch ansich auf einen weit geringeren Level steht) hautenge, seidigglänzende Overalls mit einer knappen Gesichtsmaske, die optimale Beweglichkeit, minimale Behinderung versprechen. Jede Staffel erzählt zudem noch eine große Geschichte, die auf eine ziemlich coole Schlusspointe mit recht gewieften physikalischen bzw. astronomischen Ansatz hinausläuft.

    Auf der anderen Seite können einen die Einzelepisoden oft ziemlich auf den Geist gehen, vor allem wegen dem ständig wiederholten pubertären Klamauk. Ohne „the big picture“, das die gesamte Staffel vermittelt, überzeugte mich das nicht. Besser als VOYAGER war’s allemal, aber doch weit schwächer als UW1 oder auch BABYLON 5, das recht fad begann, aber irgendwann in der Mitte doch ganz cool, jedenfalls besser als ST, wurde.

    Sprich: Nicht weil mir UW1 wie etwas vorkam, dass ich so oder vergleichbar nie gesehen hätte hat es mich überwältigt, einfach, weil ich es gut gemacht fand.