Da hatte mich selbst Johann Ulrich, Betreiber des empfehlenswerten Avant-Verlages, vorgewarnt. Er wisse nicht so recht, was das ganze solle, hat er mir auf der Leipziger Buchmesse erzählt. Er muss es wissen: er hat die wichtigsten Sfar-Titel im eigenen programm. Und natürlich kann man ihm da zustimmen. Der kleine Prinz von Sfar ist, vor allem auf den ersten Blick, aufgrund seiner erzählerischen wie graphischen Nähe zum Original, ein recht redundantes Buch. Es ist das erste Buch, bei dem selbst ich als eingefleischter Sfar-Fan skeptisch geschaut habe – weil es zwischen all den so originellen wie originären Stoffen des derzeitigen französischen Comicgroßmeisters so unscheinbar aufgegossen wirkt.

Andererseits sagt es viel über den Status aus, den ein eigenwilliger Erzähler wie Sfar inzwischen in Frankreich hat: er kann machen, was er will. Auch Bücher, deren Sinn sich nicht sofort erschließt. Das Ergebnis war in diesem Fall einer der bestverkaufen französischen Comics des vergangenen Jahres. Und wenn so ein Bestseller die Aufmerksamkeit auf andere Sfar-Titel zieht (namentlich das wunderbare Klezmer und die sowieso göttliche Katze des Rabbiners), dann wäre es bereits ein gutes Werk. Was es darüber hinaus noch ist, steht in dieser Rezension.

Bei der Leipziger Comic Combo fand sich der Text hier.

Joann Sfar
Der kleine Prinz

Wie nähert man sich einem Buch, dessen Inhalt sich mittlerweile zum Klischee verselbständigt hat? Schließlich ist de Saint-Exupérys „Der kleine Prinz“, erstmals veröffentlicht 1942, so etwas wie das ultimative Geschenkbuch für alle leicht realitätsüberdrüssigen Abiturienten und Studenten. Sprichwörtlich gewordenen Aussagen wie „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche bleibt für das Auge unsichtbar“ haftet eine kitschige Süsse an.

Auf den ersten Blick scheint es, Sfar habe sich mit seiner Comicadaption dieses, nun ja, Klassikers fast ebenso naiv genähert, wie das Buch selbst es ist. Denn oberflächlich ist diese eine fast originalgetreue Umsetzung des Textes. Punkt für Punkt folgt Sfar jener Erzählung eines Piloten, der in der Wüste dem kleinen Prinzen begegnet, der ihm von fernen Planeten erzählt.

Aber bei genauem Hinsehen werden die Unterschiede offenbar. De Saint-Exupérys von ihm selbst illustriertes Werk ist durchgängig in einem märchenhaften Stil gehalten. Sfars Werk dagegen zerfällt in zwei Ebenen. Die extremen Bedingungen in der Wüste, den Flieger und sein Flugzeug schildert er überaus realistisch. Da ist viel Schweiss und Erschöpfung, schließlich Verzweiflung im Gesicht des Piloten, wenn er nervös an seiner Zigarette zieht und festhält, dass er bald verdurstet.

Dem gegenüber stehen die Erzählungen des kleinen Prinzen, die von extremer, überbordender graphischer Phantasie geprägt sind. In den Bildern seiner Besuche auf verschiedenen Planeten wächst und wuchert alles, ist der Himmel voll ständiger Bewegung von Planeten und Sternenwirbeln.

In beiden Fällen entfernt sich Sfar so weit wie nur möglich von der Vorlage, ohne die zwingend gesetzten grafischen Standards des reichhaltig vom Autor selbst illustrierten Textes je ganz aufzugeben. Immer noch erkennt man deutlich die Figuren und Landschaften so, wie de Saint-Exupéry sie ursprünglich skizziert hat.

Aus den hervorgehobenen Extremen allerdings entsteht eine Spannung, die der doch schon etwas flau gewordenen Geschichte neue Straffheit verleiht. Sfar nimmt der Geschichte ihre doch häufig nervige Naivität – sein „Kleiner Prinz“ ist kein träumerisches Märchen, sondern die bittere Abrechnung eines allein in der Wüste sterbenden Mannes mit der Menschheit, exemplarisch dargestellt in den Bewohnern der verschiedenen Planeten. Darüber hinaus ist das Buch eine Liebeserklärung an Afrika, zu dem Sfar bereits in seiner Serie „Die Katze des Rabbiners“ (dt. bei Avant) seine besondere Beziehung dargestellt hat.

Die Originalität und urwüchsige Kraft dieser Reihe oder vieler anderer Sfar-Comics fehlt der Adaption insgesamt dann freilich doch. Ein wenig zu sehr puzzelt Sfar mit schon bekannten Versatzstücken, zitiert etwa mal eben den von ihm zusammen mit Lewis Trondheim geschaffenen „Donjon“, und allgemein streckt sich die Geschichte etwas zu sehr. Damit bleibt das Buch qualitativ hinter Sfars eigenständigen Werken zurück. Dennoch stellt er eine immerhin gelungene Annäherung an de Saint-Exuperys Text dar, mit angenehm bitteren Beigeschmack statt kitschiger Süsse. (stefan pannor)

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