Der fleissigste Comiczeichner der Welt

Phänomen Osamu Tezuka: er hat das umfangreichste Einzelwerk eines Comiczeichners überhaupt geschaffen und die japanische Kultur wie kein zweiter geprägt. Ausserhalb Japans kennt ihn kaum jemand.

von Stefan Pannor

Astro BoyEr hat die Manga-Augen erfunden: Osamu Tezuka, der berühmteste japanische Comiczeichner. Ab 1947 gab er seinen Figuren diese großen, stets ein wenig feucht glänzenden Kulleraugen, aus denen sie staunend in die Welt schauten. Unzählige Künstler übernahmen dieses Stilmittel von ihm. Inzwischen findet es sich in so vielen japanischen Comics und Zeichentrickfilmen, dass viele fälschlicherweise glauben, sie wären alleiniges Merkmal japanischer Comics. In Deutschland wurden die Manga-Augen vor allem durch Trickfilmserien wie „Heidi“ ab den achtziger Jahren berühmt.

Osamu Tezuka (1928 – 1989) gilt in Japan heute als „Gott des Manga“. Nicht nur wegen der Augen. Wie kein zweiter hat Tezuka die japanische Alltagskultur der Nachkriegszeit geprägt. Er machte den Comic in Japan hoffähig und brachte den Trickfilm ins Land (indem er seine eigene Bücher verfilmte). Damit begründete er eine der Säulen des modernen japanischen Selbstverständnisses sowie die heute milliardenschwere Industrie der „Anime“.

Sein Lebenswerk ist nahezu unfassbar gewaltig. Mehr als 1700.000 Comicseiten hat er in seinem Leben gezeichnet, eine bestehende Gesamtausgabe seiner Werke bringt es auf mehr als vierhundert Bände. Zum Vergleich: Marvel-Zeichner-Legende Jack Kirby („Die fantastischen Vier“, „X-Men“) brachte es auf grade mal 21.000, der „Entenmann“ Carl Barks auf „nur“ 8.000 Seiten. Beide gelten im Westen als überbordend kreative Vielzeichner.

Zum Comic kommt Tezukas Arbeit im Bereich der Animation: mehrere hundert Trickfilmepisoden und Filme stammen aus den von ihm geleiteten Studios. Seine Figuren, wie der Roboterjunge „Astro Boy“, sind in Japan so berühmt wie im Westen Donald Duck.

Weil Tezuka quasi im Alleingang eine ganze Unterhaltungsindustrie begründet hat, nennen ihn seine Biografen gerne den japanischen Walt Disney. Der Vergleich geht zu kurz. Zwar war Disney erklärtes Vorbild Tezukas. Anders als der Erfinder von Micky Maus und Donald Duck, der schon frühzeitig die Arbeit an seinen Werken zu delegieren verstand und keinen einzigen Comic selbst gezeichnet hat, war Tezuka ein Workaholic, der tatsächlich an jedem Werk unter seinem Namen maßgeblich beteiligt war.

Schon sein erstes Buch, „Die neue Schatzinsel“ („Shintakarajima“, 1947), soll sich fast eine Million Mal verkauft haben – gesicherte Unterlagen dazu fehlen aufgrund der Nachkriegswirren. Da war Tezuka grade mal neunzehn Jahre alt. Der Band, inhaltlich eine eher belanglose Modernisierung von Stevensons Novelle „Die Schatzinsel“, gilt aufgrund seines für damalige Verhältnisse spektakulären Umfanges von 192 Seiten und der Vielzahl visueller Experimente als erster moderner Manga. So nimmt die Fahrt seines Helden zum Strand gleich zu Beginn des Buches ganze 29 Bilder in Anspruch. Durch clevere Wahl von Schnitt und Perspektive vermittelt Tezuka in dieser Sequenz einen heute noch wirkenden Eindruck von Geschwindigkeit.

Im Lauf seines Lebens hat Tezuka in beinahe jedem Genre gearbeitet, vom Arztroman bis zur Zukunftsfantasie. Er hat „Schuld und Sühne“ im Stil eines Woody Allen adaptiert und das Leben der ägyptischen Königen Cleopatra zur Sexfabel umgedeutet.

Mit der Serie „Ribon no Kishi“ („Ritter mit Schleife“, ab 1953), schuf er sogar ein neues Genre: den „shojo“, den explizit auf Leserinnen zugeschnittenen Comic. Damit befreite Tezuka den Manga vom Ruf, eine reine Jungslektüre zu sein und verdoppelte die Zielgruppe seiner Bildgeschichten.

Ab den Fünfzigerjahren veröffentlichte er bis zu zehn Bücher jährlich. Parallel studierte er Medizin in Osaka (weshalb er sich später in der Öffentlichkeit stets als Dr. Tezuka anreden liess). Was damals an Geschichten entstand, war vor allem geradlinige Unterhaltung für junge Leser. Wie seine Action-Serie „Astro Boy“ um den gleichnamigen Roboter-Waisenknaben, die ab 1953 Tezukas endgültigen Durchbruch als berühmtester Comiczeichner in Japan bedeutete.

Allerdings beliess er es nicht dabei. Spätestens ab den Siebzigerjahren – seine Trickfilmfirma war zwischenzeitlich pleite gegangen, Tezuka hoch verschuldet und durch den Dauerstreß von unterdrückten Depressionen geplagt – wandte sich Tezuka ernsteren Themen für erwachsene Leser zu. Ab 1972 publizierte er „Buddha“, eine am Ende dreitausend Seiten lange Darstellung des Lebens und der Gedankenwelt des berühmten Siddharta, Gründer der nach ihm benannten Religion, in Comicform. Das Epos ist zugleich poetische Reflektion und ein umfassendes Sittenbild des vorbuddhistischen Indien, mit mehr als einem Dutzend Hauptfiguren und einer beklemmend realistischen Darstellung des indischen Kastensystems.

Andere Bücher Tezukas beschäftigen sich mit dem Dritten Reich („Adolf“, deutsch bei Carlsen) und Hiroshima. Mit „Phoenix“, das er als sein „Lebenswerk bezeichnete, hat er einen mehrtausendseitigen Abriss fast der gesamten Geschichte Japans geschaffen, der beeindruckt, obwohl das Werk letztlich Fragment geblieben ist.

Tezukas gewaltiges Werk war nur durch eine strenge Disziplin zu schaffen. Ganze sechzig Tage im Jahr soll er in seinem eigenen Haus verbracht haben, das mit Erinnerungsstücken und eigenen Werken vollgestopft war. Den Rest des Jahres verbrachte er in einem winzigen, praktisch leeren Appartement in Tokio, in dem er quasi rund um die Uhr zeichnete.

Dabei arbeitete er in der Regel an drei Serien gleichzeitig, zwischen denen er hin- und herwechselte, wie ihm die Inspirationen kamen. Weniger als eine halbe Stunde benötigte er für eine Seite, ein Arbeitspensum von zwanzig Comicseiten am Tag war für ihn durchaus möglich. (Das übliche Pensum für Zeichner in Japan beträgt zwanzig Seiten pro Woche.)

In Deutschlands ist von Tezukas umfangreichem Schaffen nur wenig bekannt. Eine Gesamtausgabe seiner frühen „Astro Boy“-Geschichten sowie von „Kimba der weisse Löwe“ (die Serie aus den frühen Fünfzigerjahren diente Disney als indirekte Vorlage für den Film „Der König der Löwen“) erschienen vor zehn Jahren fast unbemerkt im Carlsen-Verlag. „Adolf“, Tezukas umfangreiche Erzählung über den zweiten Weltkrieg in Deutschland und Japan, war 2005 beim gleichen Verlag immerhin ein Achtungserfolg beschieden.

Zwei weitere Titel erweitern aktuell den Kanon der deutschsprachigen Tezuka-Veröffentlichungen. „Kirihito“, ebenfalls bei Carlsen Comics, erzählt von einem jungen Arzt, der einer unbekannten Krankheit nachforscht, die Menschen in Tiere verwandelt, und der er schliesslich selbst zum Opfer fällt. In den düster-expressionistischen Medizin-Thriller liess Tezuka sein eigenes Wissen aus dem Studium einfliessen. Der Dreiteiler ist für den diesjährigen Max-&-Moritz-Preis des Comicsalons Erlangen nominiert.

Einen anderen Aspekt Tezukas zeigt „Barbara“. Die Erzählung von einem alternden, in Konventionen gefangenen Schriftsteller und seiner jungen, versoffenen und radikalen Geliebten erinnert mit ihren surrealen Wendungen, der expressiven Bildsprache und der erotischen Eindeutigkeit an die späten Filme Bunuels.

Beide Werke zusammen vermitteln immerhin einen ungefähren Eindruck von der Bandbreite Tezukas, auch wenn sie naturgemäss nur Puzzlesteinchen sein können.

Osamu Tezuka -
Kirihito: Carlsen Comics, 3 Bde., je 280 S.; € 16,90
Barbara: Schreiber & Leser, 2 Bde., je 200 S.; € 14,95

Veröffentlicht in leicht anderer Version in der Welt.

3 Responses to “Die WELT: Osamu Tezuka (Director’s Cut)”

  1. Malte Ussat says:

    Wenn Tezuka “Mehr als 1700.000 Comicseiten” gezeichnet haben soll, müssten das in seinem 61 jährigen Leben etwas mehr als 76 Seiten pro Tag gewesen sein, vom Kleinkind bis zum alten Mann, das klingt aber nicht sehr realistisch, wie lautet denn die richtige Zahl?

  2. Stefan says:

    Da ist natürlich eine Null zu viel drin.

  3. Stefan Pannor » Blog Archive » Der Manga-Meister und der Heilige (Teil 1) says:

    [...] ging. Die in dieser Zeit entstandenen Comics haben fast durchgängig einen düsteren Grundton. „Barbara“ (1973 – 1974, dt. bei Schreiber & Leser) ist eine sarkastische Satire auf den [...]

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