Fast schon traditionell hat der frankobelgische Comic ein Problem mit Frauendarstellungen. Drei (relativ neue) Comicveröffentlichungen verdeutlichen das Problem – und zeigen drei Ansätze, mit ihm umzugehen.

Lieblings SündenWo weibliche Figuren im frankobelgischen Mainstream-Comic nicht nur zur Staffage dienen, da werden in der Regel ihre körperlichen Reize überbetont. (Während gleichzeitig die Darstellung von männlichen Figuren vom Überhelden bis zur Witzfigur variiert.) Erst seit den ehemals jungen Wild von L’Association, seit vor allem Marjanne Satrapi („Persepolis“), aber auch Trondheim und Sfar gibt es zumindest eine erkennbare Gegenbewegung zum alltäglichen Sexismus im frankobelgischen Comic.

Infolgedessen sollte skeptisch machen, wenn das Comiclabel Toonfish eine Reihe frankobelgischer Cartoon-Bücher zum Thema Sex veröffentlicht. Toonfish gehört zum Splitter-Verlag, der sich in den letzten Jahren vor allem um die Pflege des frankobelgischen Mainstream-Comics verdient gemacht hat – mit dem Nachteil, dass eben auch der Sexismus dieser Szene überdeutlich erkennbar wurde. Leider war, zumindest in den ersten Bänden des Verlages, die Skepsis auch berechtigt.

Das waren nämlich Zeps „Happy Sex“-Bücher sowie eine (vorsichtig formuliert) obskure Sammlung von Blondinnenwitzen. Beide sind in Frankreich dem Vernehmen nach wahnsinnig erfolgreich und verkaufen, alle erschienen Bände summiert, Millionenauflagen.

Schon in Zeps „Titeuf“, obwohl ein Schulhofcomic in der Tradition des „kleinen Nick“, geht es im Grunde nur um Sex. Wo „Titeuf“ durch eine naive, unwissende Sichtweise auf das seltsame Paarungsverhalten der Erwachsenen humoristischen Charme entfaltet, versucht Zep in den „Happy Sex“-Büchern durch explizite Darstellung Lacher zu ernten. Auffällig gemeinsam ist beiden Reihen, das sie öfter von frustriertem Sex handeln als von glücklichem Sex. In vier bis zwölf Bildern zelebriert Zep v.a. Intime Reinfälle, Katastrophen und Ausrutscher. Wobei regelmäßig insbesondere seine Männer eher erfolglose Lachnummern sind, die Frauen dagegen – Sie ahnen es – reizvolle, begehrenswerte, erotisch bereite Wesen. Diese relativ simple Standardausrichtung ermüdet, denn sie wird vorhersehbar. Obwohl Zep seinen Figuren – es gibt kein festes Personal – eine große graphische Varianz angedeihen lässt, sind es im Kern doch fast immer die selben zwei Wesen: das arme Würstchen und die enttäuschte Frau.

Während Zep damit aber immerhin manchmal noch trifft (denn wer würde bestreiten, dass es solche Konstellationen gibt), gerät „Blondinnen“ vollends zur Katastrophe. Der Band, eine tatsächlich nur peinlich zu nennende Ansammlung komplett ironiefrei aufgearbeiteter Blondinnenwitze aus der Mottenkiste, war möglicherweise sogar dem Übersetzer zu peinlich, so dass er sich unter dem Pseudonym „Max Murmel“ verbirgt. Viel nackte Haut, wenig Humor – enttäuschend.

Keine Offenbarung, aber im Vergleich zu diesen Büchern angenehm erfrischend ist „Lieblings Sünden“, das im Epsilon-Verlag erscheint. Eine Sammlung des spanischen Zeichners Arthur de Pins, dessen sichtbar vom Trickfilm beeinflusste Gestalten mit ihren gewaltigen Kugelköpfen eher wie Schlümpfe als wie erwachsene Menschen wirken. Zudem kennt de Pins mehr als nur erotische Katastrophen. Seine Onepager umfassen die gesamte Bandbreite der Möglichkeiten, wie Männer und Frauen einander horizontal begegnen können. Grade weil seine Figuren also im Bett (oder im Büro, im Auto, auf dem Küchentisch) ebenso scheitern wie gewinnen, ist hier ein Realismus zu spüren, der bei Zep fehlt, und der – keine Überraschung – eben darum sexy und unterhaltsam ist.

  • Happy Sex, 2.Bde á 64 S.; €12,00
  • Blondinnen: 68 S.; € 12,00
  • Lieblings Sünden: 48 S.; € 10,00
  • Verwandte Geschichten:

  • Die Minimenschen
  • 10 Responses to “Happy Sex?”

    1. Thomas says:

      Treffende Kritik, finde ich. Und die falsche Schreibweise von „Blondinen“ ziehst du immerhin konsequent durch …

    2. Witteker says:

      Max Murmel klingt verdaechtig nach einem aehnlichen Pseudonym: L.N. Muhr 😉

    3. Stefan says:

      Ziegendreck!

      Ich lass die falschen Blondinen jetzt einfach mal so stehen. Wahrscheinlich bin ich einfach zu doof zum Abschreien. Darum verfasse ich meine Sachen alle selbst. 😉

    4. Oliver L. says:

      Zum „Abschreien“? I see… 😉

    5. Witteker says:

      Fuer diese Schreibfehler wird jetzt 100 mal an die Tafel geschrie(e)n : …

    6. Stefan Pannor » Blog Archive » Weildarum says:

      […] « Happy Sex? 11 02 […]

    7. Susumu says:

      Bezüglich der ersten beiden Absätze (dem fettgedruckten und dem ersten „eigentlichen“) frag ich mal: Und, siehst du bezüglich der US-Mainstream-Comics da vielleicht mehr Vielfalt geboten? 😉

    8. Stefan says:

      Inzwischen: ja. In den Artikel ging es ja um einen Zustand, der bis in die Neunzigerjahre dominant war (und der inzwischen auweicht).

      Ansonsten denke ich, dass da ein Denkfehler vorliegt: das falsche Handeln des einen wiegt das falsche Handeln eines anderen nicht auf. Andere Comicländer hatten oder haben ein ähnliches Problem. Nur liegt der Fokus hier auf Frankreich, weshalb ich das auf Frankreich bezogen festhalte.

    9. andreart says:

      Hi. Ich bin heute über die obenstehenden Rezensionen gestolpert. Eigentlich bin ich kein großer Kommentarschreiber, aber hier möchte ich mich einmal einklinken.
      Bei den beiden Bänden von Zep handelt es sich um eine Art „Konzept“-Alben. Deshalb ist schon der Titel selbst der erste Gag, denn einen „glücklichen“ Sex finden Zep´s Figuren darin eher nicht. Frauen wie Männer kommen darin gleich gut oder gleich schlecht weg. Zep ist nur in seiner Art sehr böse, was für seine Alben auch gut funktioniert. Aber sicher nicht realitätsferner. Ich habe mich bei Happy Sex mehrmals ertappt gefühlt, als hätte Zep Geschichten und Peinlichkeiten aus meiner Vergangenheit illustriert.
      Zeps Konzept ermüdet sich keineswegs. Dazu sind die beiden Alben nicht dick genug. Und ihm einen grafischen Variationsmangel vorzuwerfen, ist ebenso absurd. Dann müsste man fast alle franco-belgischen Comickünstler unter Generalverdacht stellen.
      Die Alben als einen guten Beweis für ein „französisches“ franco-belgisches Frauenproblem abzuleiten halte ich persönlich für sehr gewagtes und fragwürdiges Unterfangen; aber gut – jeder darf seine Meinung haben.

      Ach ja. Recherche!!! de Pins ist Franzose. Nicht Spanier.

    10. Stefan Pannor » Blog Archive » 3 auf 1: The Homeland Directive, Zombillenium, Garfield says:

      […] Mit einem Sonderpreis junger Leser wurde de Pins heuer auf dem Erlanger Comicsalon ausgezeichnet, und auch in diesem Blog fand er bereits lobende Erwähnung. […]