Nicht die moderne Grafik war das Revolutionäre an André Franquins „Spirou“-Geschichten. Sondern seine klare politische Haltung, seine sichere Erdung in der Gegenwart – und seine Klugheit, die den Witz noch Jahrzehnte später funkeln lässt. Aber toll sah es natürlich auch aus.
Die Argumentation klingt bekannt. „Alles“, so sagt der Bürgermeister von Rummelsdorf, „was dem Fortschritt im Wege steht, muss entschieden bekämpft werden“. Woraufhin er den einzigen Zigeuner in der Gegend verhaften läßt, mit der einzigen Begründung: „deshalb“.
Das ist die Argumentation von PEGIDA, die genauso im Namen einer Zukunft (die häufig genug nicht die derjenigen sein wird, die dort demonstrieren) gegen Minderheiten vorgehen, mit dem selben Scheinargument: „deshalb“.
Das ist die Logik des Rassismus, die nicht Ursachen sucht, sondern Schuldige. Und sie wurde nicht in Dresden erfunden. Franquin hat diese Episode 1950 geschrieben und gezeichnet, sie stammt aus dem „Zauberer von Rummelsdorf“, der heute gemeinhin als erste „richtige“ Episode der Serie gilt.
Sie ist erst im zweiten Band der Gesamtausgabe abgedruckt, weil Franquin davor bereits einige recht „Spirou & Fantasio“-Abenteuer gezeichnet hat, und vor ihm andere Zeichner. Das meiste davon ist gutes Material, das anderen Serien gut zu Gesicht stünde. Nichts davon erreicht die Größe dessen, was Franquin in seinen langen „Spirou“-Abenteuern ab „Rummelsdorf“ geschaffen hat.
Nicht wegen der politischen Referenzen gilt „Der Zauberer von Rummelsdorf“ gemeinhin als Ursprung des Mythos Spirou, wie wir ihn heute kennen. Sondern weil eine Umstellung im Format im gleichnamigen Magazin, das die Abenteuer vorabdruckte, eine grafische Öffnung der Seiten und eine der Erzählweise ermöglichte. Eine Lockerung des bis dahin sehr strengen Bildformats, die es Franquin wohl erst ermöglichte, seinen prägnanten kaugummiartig-dynamischen Stil zu entwickeln.
Aber das greift zu kurz. Natürlich, der grafische Wandel fällt sofort ins Auge. Größere und weniger Bilder, längere Sequenzen, die auch langfristig aufgebaute Gags ermöglichen. Vermutlich täuschte es damals sogar den einen oder anderen Leser und Redakteur bei dem, was Franquin eigentlich vornahm: das Skelett der Serie, ihr tragendes Gerüst komplett auszutauschen.
In den Kriegsjahren aufgrund der Zensur, aber auch in den ersten Jahren danach war dieses Grundgerüst das des Eskapismus gewesen. Ein detailgetreuer belgischer Straßenzug das Maximum an Realismus, das die Serie sich gestattete, die sonst von klamaukigen Gangster- und Mad-Scientist-Episoden lebte.
„Der Zauberer von Rummelsdorf“ kann in dieser Hinsicht als Erweckungserlebnis für die Serie verstanden werden. Politik schwang ab da immer ganz selbstverständlich mit in den Geschichten. Bei Franquin, wenn es um südafrikanische Bananendiktauren ging oder oder Spirou an einen Ort namens Bretzelburg fuhr, der kaum verhüllt die DDR darstellte. Und ebenso bei fast allen von Franquins Nachfolgern, die den helden ebenso selbstverständlich in der jeweiligen Gegenwart verorteten.
Ohne je konkrete tagespolitische Themen anzusprechen, verhandelte jedoch vor allem Franquin in fast allen seinen Abenteuern den politischen Hintergrund, genauso wie den sozialen, wirtschaftlichen, künstlerischen und wissenschaftlichen seiner Zeit, als etwas, das gegeben ist, das nicht wegerzählt werden muss. Nicht die Moderne war das neue Gerüst der Serie, obgleich sie sich grafisch in vielen von Franquins Panels zeigte. Sondern die Realität war es, mehr oder weniger satirisch überhöht.
Wie man sich immer wieder vor Augen halten muss: in einem Kindercomic, in Fortsetzungen veröffentlicht in einem Magazin für Kinder.
Die satirische, humanistische und auch narrative Fülle von Franquins je nach Zählweise knapp zwanzig Spirou-Abenteuern ergibt sich eben auch aus dem Mut, Dinge wie den obigen alltäglichen Kleinstadtrassismus nicht zu verheimlichen. Sondern ihn zu persiflieren (und natürlich als falsch bloßzustellen).
Man kann darüber streiten, ob „Gaston“, Franquins andere große Serie, der bessere Comic ist, weil er all das noch verdichteter, punktgenauer und grafisch ausgereifter enthält. Oder ob „Gaston“, vor allem in den letzten Jahren, nicht manchmal zu zeigefingerhaft ein Mittel für Franquins Botschaft darstellte. Im Gegensatz zu „Spirou“, der bei allem Anspruch immer Abenteuercomic blieb.
Das lässt sich hervorragend in der aktuellen, jüngsten Gesamtausgabe der Serie nachvollziehen. Sie folgt dem mittlerweile gängigen Muster mit jeweils drei Alben in einem Band. Netterweise enthalten sind auch viele der begleitenden Titelbilder zum Vorabdruck im „Spirou“-Magazin: die kannte man so bis dato oft noch nicht.
Vorläufig – oder nicht? – ist die Edition, von der bisher zwei Bände vorliegen, auf Franquins Beiträge beschränkt. Was editorisch für ein wenig Chaos sorgt: Franquin übernahm die Serie nicht einfach von seinem Vorgänger Jije, sondern wurde stückweise an die Materie herangeführt. Frühere Albenausgaben, die auch Material von Jije nachdruckten belegen das. Das Jije-Material fehlt fast völlig.
Was auch fehlt, sind diverse Vignetten und Karikaturen, die Franquin für spätere Nachdrucke zusätzlich produziert hat, u.a. mit Gaston in der Kommentatirenrolle. Ob sie nachgereicht werden? Ich weiß es nicht, bezweifle es aber. Und dass in Fünfziger-Jahre-Comics vom Euro die Rede ist, mag in einer preiswerten Albenedition okay gehen. In einer auf Sammler und Spezialisten ausgerichteten Edition, die sich viel Mühe gibt mit der historischen Einordnung der Erzählungen, ist es fehl am Platz.
Davon abgesehen ist es freilich die bisher beste der „Spirou“-Editionen in Deutschland. Mag sein, dass an den Farben gedreht wurde, vielleicht ist es auch nur das Papier: grade die frühen Geschichten kamen noch nie in einer solchen Klarheit des Strichs und der Bilder zum Abdruck.
Die Textanhänge ordnen, vielleicht manchmal etwas zu knapp, die einzelnen Erzählungen zeitlich ein, verweisen auf Entwicklungen, Ursachen und Besonderheiten und gehen auf die deutschen Editionen ein.
Wir haben in den letzten Jahren viele Semiklassiker in vergleichbarer Aufmachung erlebt. Die „Spirou“-Edition ist seit langer Zeit die erste, die diese Behandlung tatsächlich verdient hat: hier ist ein Klassiker, in (fast) mustergültiger Aufmachung.
Franquin: Spirou & Fantasio – Die Franquin-Jahre
Carlsen Comics, 208 S., € 29,90
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