Zu den viel zu selten beachteten Qualitäten des großen Humoristen René Goscinny zählt dessen Kontinuität in der Zusammenarbeit mit anderen Künstlern. Die erstreckte sich oft über Jahrzehnte (wie bei Morris mit Lucky Luke), gelegentlich mehrere Serien nacheinander (zusammen mit Goscinny u.a. Pit Pistol, Umpah-Pah und natürlich Asterix) oder weit über hundert Episoden (im Fall von Sempé, Der kleine Nick).
Die wenigsten Künstler schienen es ihm wirklich zu danken. Namentlich fällt hier natürlich zuerst Albert Uderzo ein, der den gemeinsam mit Goscinny erdachten Helden Asterix über die Jahre nach dem Tod des Autors 1977 künstlerisch ruinierte. Weniger auffällig ist das bei den Geschichten um den schurkischen Großwesir Isnogud, über den Goscinny zusammen mit dem zeichner Jean Tabary von 1968 bis 1977 erzählte – einfach, weil die Episoden mit ihm (zu Unrecht) immer ein wenig im Schatten der großen Figuren Asterix und Lucky Luke standen.
Isnogud markiert so etwas wie Extrem eines Spektrums, an dessen anderem Ende Der kleine Nick und Asterix stehen. Es steckt absolut gar nichts Liebenswertes in diesem schrumpeligen, schwarzbärtigen, zutiefst schurkischem Ekel. (Denken Sie sich hier Louis de Funes, nur noch viel bösartiger.) Anders als bei anderen legendären Comicschurken wie etwa den Dalton-Brüdern oder den Panzerknackern macht nicht einmal sein permanentes Scheitern im Versuch, den Kalifen Harun als Pussah vom Thron zu stoßen („Ich will Kalif werden anstelle des Kalifen!“) diesen Isnogud irgendwie sympathisch. Er ist der vollkommene Täter, rücksichtslos, machtbesessen, frei von jeder sozialen Bindung oder Mitgefühl für seine Mitmenschen. Eine so radikale Comicfigur findet sich selten.
Im Figurenkosmos von Goscinny stellt Isnogud nicht nur den nötigen Ausgleich zu den ansonsten äußerst warmherzig gezeichneten Charakteren dar. Während in Asterix sogar der Widersacher Julius Cäsar gelegentlich sympathische Seiten zugestanden bekommt, bleibt Isnogud von der ersten bis zur letzten Episode Goscinnys ein Wesir, der stets verneint.
Denn noch ein zweites für Goscinny ungewöhnliches Element findet sich in Goscinnys Episoden um den üblen Großwesir. Obwohl sie offensichtlich in einer Art orientalischem Märchenreich angesiedelt sind (in „Bagdad, der Prächtigen“, wie beinahe jede Story beginnt), wo sich Dschinnis und Fakire gute Nacht sagen, sind die Geschichten doch überaus realistisch. Das Bagdad von Isnogud ist nichts anderes als Goscinnys Paris der sechziger und siebziger Jahre mit seinen Verkehrsstaus, Streiks, dem Lärm und der Kriminalität – und natürlich den fragwürdigen Politikern, wie sie sich eben in Isnogud und Harun al Pussah spiegeln.
Isnogud ist damit Goscinnys realistischste Serie. Seine Art, Dampf abzulassen. Denn während sein Ruhm als Autor von Asterix und Lucky Luke immer mehr stieg, wurde auch der Erwartungsdruck auf ihn als Autor größer. Zudem sah er sich Ende der 1960er-Jahre zunehmenden Anfeindungen von Kollegen in der Redaktion des Magazins Piloté ausgesetzt, dessen Chefredakteur er war. Und nicht zuletzt waren die frühen 1970er Jahre in Paris mit Studenten- und Arbeiterprotesten sowie dem massiv voranschreitenden Umbau der Stadt eine unruhige Zeit.
All das spiegelt sich in Isnogud wieder. Dass die Geschichten – 62 Episoden zwischen acht und sechzehn Seiten sowie etwas über 100 Onepager sind es an der Zahl – trotz ihres Nihilismus und schwarzen Humors den Leser nicht deprimieren (wie etwa diverse der Schwarzen Gedanken von Franquin), sondern hochgradig komisch, voller intelligenter Witze, cleverer Paradoxa und brillanter Running Gags sind, darin zeigt sich die große Kunst des René Goscinny, der nicht umsonst neben Alan Moore der vermutlich wichtigste Comicautor der westlichen Welt ist.
Möglicherweise wäre es besser gewesen, die Serie mit dem Tod Goscinnys zu beerdigen. Denn ähnlich wie Uderzos alleinige Fortführung von Asterix läßt auch die Isnogud-Fortführung des Zeichners Jean Tabary, sofort nach Goscinnys Tod in Angriff genommen, praktisch alle Qualitäten der ursprünglichen Serie missen.
Vor geraumer Zeit startete die Ehapa Comic Collection eine hochlöbliche Gesamtausgabe von Isnogud (ich berichtete) und machte damit all jene Geschichten für den deutschen Leser wieder zugänglich, die lange Jahre vergriffen und teilweise nur schwer erhältlich waren. Mit den ersten fünf Bänden ist der Fundus an Goscinny-Episoden nunmehr erschöpft. Band sechs ist der vorhersehbare Bruch im Werk, der sich nicht nur darin spiegelt, dass das Format der Serie von Kurz- auf albenlange Geschichten umgestellt wird.
Mit der Aufgabe, die Szenarios selbst zu schreiben, die ihm vorher Goscinny zugeliefert hatte, tappt Tabary in die gleiche Falle wie nahezu zeitgleich Albert Uderzo, der Asterix im Alleingang fortführte. Tabary sieht wenig von den humoristischen Feinheiten eines üblichen Goscinny-Skriptes – oder kann sie nicht angemessen reproduzieren. Isnoguds Kindheit heisst die erste Episode nach Goscinnys Tod in diesem Buch.
Der Plot läßt sich kaum in Worte fassen. Es geht um ein Zauberbuch, das einen in die eigene Kindheit versetzt, sobald man es auf den Kopf geschlagen bekommt (natürlich setzt es jede Menge Beulen), um einen Diener, der permanent durch eine auf die Wand gemalte Tür zu laufen versucht, und um ganz viele Doppelgänger, die je nach Bedürfnis der Erzählung auftauchen und verschwinden. Das ist, als würde nach einer Retrospektive der besten Filme der Marx-Brothers plötzlich eine sehr frühe Stummfilmklamotte von Hal Roach mit Tortenschlacht und tumben Polizisten gezeigt werden.
Aber es könnte immerhin burlesk sein, so wie die frühen Hal-Roach-Filme trotz ihrer Plumpheit viel Spaß machen können. Tabary aber hat offenbar die Choreographie seines Multi-Personen-Stückes nicht im Griff. Kaum ein Handlungsstrang wird ordentlich zu Ende geführt. Pointen deuten sich häufig bereits Seiten vorher an, ohne in einer wirklich befriediegenden Weise aufgelöst zu werden. Am Ende wird die Hälfte des Handlungspersonals einfach ohne große Worte aus der Geschichte entlassen. Wäre deises Spekatkel eine Tortenschlacht, so würde deine Hälfte der Torten nicht geworfen und die andere Hälfte nicht treffen.
Isnoguds Kindheit zeigt, wohin Tabary mit der Figur gehen sollte. Ist der Comic bereits an sich ein belangloses Spektakel, gestattet der sechste Band der Gesamtausgabe ungnädigerweise einen direkten Vergleich. Denn das Album enthält neben der ebenfalls von Tabary gestalteten Episode Isnogud und die Frauen (die nicht ganz so schlimm ist wie Uderzos machistische Auslassungen über Frauen in Asterix und Maestria, aber dennoch …) auch die letzten zwei Hand voll von Goscinny getexteten Onepager, deren letzter einen tag nach dem Tod des Autors erschien. Und die sind, obwohl nur so kurz und voll Verweise auf ihrerzeit tagesaktuelle Pariser Lokalpolitik, kraftvoll, bösartig, clever und intelligent – ein kurzes, herrliches Vergnügen.
Noch heute produziert Tabary, inzwischen mit familiärer Unterstützung durch seinen Sohn, weitere Isnogud-Geschichten – die jüngste läuft gerade im Monatsheft Zack in Fortsetzungen in deutscher Erstveröffentlichung. Die Leserresonanz ist verheerend.
Es ist ein einem Isnogud fast würdiges Paradoxon, dass Goscinnys große Qualität der kontinuierlichen Arbeit an einer Figur angesichts des vermutlich ebenso starken Unwillens Tabarys, diese Figur loszulassen, zu ihrem Niedergang geführt hat. Wenn ich Ihnen jedoch einen Rat geben darf: sollten Sie Isnogud noch nicht kennen, Asterix und Lucky Luke aber mögen, so geben sie einem der ersten fünf Bände der Gesamtausgabe eine Chance. Sie sind mit 29,00 EUR etwas teuer. Aber es lohnt sich.
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Juli 9th, 2009 at 18:49
Ich mag auch die von Tabary getexteten Alben wie Isnoguds Kindheit oder Isnoguds Geburtstag sehr gerne. Lediglich das aktuell in ZACK abgedruckte Abenteuer ist eine Katastrophe, mit dem hat Tabary senior aber wohl nicht mehr viel zu tun. Das Szenario stammt von einem seiner Söhne und seiner Tochter, die Zeichnungen von einem anderen Sohn.
Was mir an Isnogud besser gefällt als an Asterix oder Lucky Luke ist der teilweise sehr erwachsene Humor mit politischen und auch sexuellen Anspielungen – und natürlich der Nihilismus der Hauptfigur. Dass Isnogud immer im Schatten der anderen großen Goscinny-Serien stand, ist mir deshalb auch unverständlich.
April 25th, 2017 at 12:46
VERHEHREND – als „Journalist – Übersetzer – Lektor – PR-Texter“ ist dieser Schreibfehler verheerend, vor allem, wenn er noch hervorgehoben wird. Es tut in den Augen weh!
Ansonsten stimme ich grundsätzlich zu – Goscinny war ein großer Verlust und der Bruch in den Ausgaben von Asterix oder Isnogud ohne Goscinnys Texte ist deutlich zu erkennen.
April 25th, 2017 at 18:12
Wohl wahr, aber niemand ist perfekt. *seufz*
Ich kann mich trösten, der Fehler ist sehr beliebt, sagt Tante Google.