Thomas Wörtche ist sowas wie Deutschlands oberster Krimikritiker – was aber nicht so schwer ist. Ähnlich wie bei Comics haben sich relativ wenige ernstzunehmende Kritiker auf das Gebiet der Kriminalliteratur spezialisiert. Beide Gebiete werden bevorzugt von liebevollen Dilletanten und ahnungslosen Fremdgängern beackert.

Queen & Country von Greg Rucka - Band 8Daß Wörtche relativ einmalig dasteht, macht ihn zum Glück nicht schlecht. Im Gegenteil: ich lese seine Sachen gern. Sie sind gewitzt. Und ökonomisch: Wörtche beherrscht die hohe Kunst, mit wenig Worten viel zu sagen. Seine Texte erscheinen im Freitag und – angeblich, ich habe das nie in der Hand gehabt – im Nürnberger Stadtmagazin Plärrer, vor allem aber im Internet, wo ich sie recht regelmäßig verfolge. Daß Wörtche relativ regelmäßig auch über Comics schreibt, ist für mich ein doppelter Gewinn.

Außer er verhaut sich – und wenn er sich verhaut, dann richtig. Wie beim Themenkomplex Greg Rucka.

Unter dem Titel Unser Scheusal erschien in der Rubrik Wörtches Crime Watch im Freitag eine Besprechung des Buches Ein Job in Taschkent von eben Greg Rucka. Der Roman (im Original viel passender Private Wars betitelt und auch sonst nicht immer ganz handfest übersetzt) handelt davon, wie die Agentin Tara Chace zugunsten einer fragwürdigen geopolitischen Agenda von ihrem eigenen britischen Geheimdienst und vom kooperierenden CIA in einem sinnlosen Einsatz verheizt werden soll – und welche Folgen dieser Einsatz hat. Wörtches Besprechung ist, auch wenn ich seine Ansichten zu dem Buch nicht teile, nachvollziehbar und unterhaltsam. Bis er zu jenem Absatz gelangt:

Tara Chace ist die Heldin des amerikanischen Romanciers und Comic-Szenaristen Greg Rucka und hat in dem aktuellen ­Roman Ein Job in Taschkent ihren zweiten, Auftritt, der weitaus gelungener ist als im Erstling Dschihad. Rucka hat die Figur der effektiven Agentin, eine Art moderne, ­ultraharte Modesty Blaise ohne versöhnliche Aspekte, als Action-Heldin aus den Schablonen der Lara-Croft-Ästhetik herausgeholt und in die Realpolitik unserer Tage hinein montiert. Das funktioniert prächtig, weil hoher Unterhaltungswert, eine starke Frauenfigur und politische Klarsicht hier erfreulich zusammenspielen.

Queen & Country von Greg Rucka - erster BandDenn natürlich ist Ein Job in Taschkent nicht der zweite Auftritt von Tara Chace – es ist ihr zehnter. Tara Chace ist (wem, der dieses Blog hier regelmäßig liest, sage ich das?) die Heldin der Comic- Graphic-Novel-Reihe Queen & Country. Diese Reihe erscheint seit knapp fünf Jahren beim Modern Tales-Unterlabel des Brandenburger eidalon-Verlages.

Obwohl jeder Band für sich steht, folgt die Serie doch einer strikten Chronologie. Geschildert wir der langsame Zerfall von Tara Chace an den Alltäglichkeiten ihres Jobs als britische Agentin. Alle Bücher wurden von Greg Rucka getextet, der auch zwei Romane in die Comicreihe eingebettet hat. Dschihad, auf deutsch vor anderthalb Jahren bei dtv erschienen, spielt zwischen Band sieben und acht der Comics. Das ebenfalls dort publizierte Job in Taschkent bildet nach dem dramaturgischen Höhepunkt des achten Comic-Bandes eine Art Coda bzw. einen positiven Kontrapunkt zur langsamen Zerstörung von Tara Chace in den vorherigen Bänden.

Wörtche scheint das nicht zu wissen. Denn in seinem jüngsten Leichenberg greift er den Faden auf. Dort heisst es über Ein Job in Taschkent und Whiteout:Melt:

Und jetzt Tara Chace und Carrie Stetko – zwei Frauen aus dem Universum von Greg Rucka. Tara Chace als Romanheldin, Carrie Stetko als Comic-Figur haben beide – der Zufall des deutschen Verlagswesens will es so – parallel ihren jeweils zweiten Auftritt.

Und das ist nun heilloser Blödsinn. Nicht nur, dass Tara Chace schon viel länger dabei ist. Auch Whiteout: Melt liegt schon bedeutend länger vor. Ich sollte es wissen, ich habe den Band ebenso wie Queen & Country übersetzt – und im April 2008 sein Erscheinen vermeldet.

Die Unkenntnis über Tara Chace verhindert vor allem aber, daß Thomas Wörtche einen nicht ganz unwichtigen Folgeschluß zieht. Nämlich daß Ein Job in Taschkent eigentlich, ganz ganz genau genommen, bereits der elfte Auftritt von Tara Chace ist. Ihren ersten Auftritt hatte sie nämlich als britische Agentin Lily Sharpe im ersten Band der Whiteout-Serie, auf deutsch Ende 2007 erschienen und von Wörtche damals (oder später?) lobend besprochen. Rucka wollte die Figur ausgliedern und ihr eine eigene Serie geben. Rechtliche Probleme zwangen ihn allerdings, den Namen der Figur zu ändern. So entstand Tara Chace. Wer die Anfänge von Queen & Country kennt,merkt die Identität der beiden Figuren sofort. Lily ist Tara,

In Wirklichkeit handelt es sich also um zwölf mehr oder weniger eng zusammen hängende Bücher in verschiedenen Medien, von denen zehn die durchgängige Geschichte des inneren Verfalls eines Menschen aufgrund politischer Wandlungen schildern. (Wer mag, kann hier eine Parallele zum sogenannten Roman über ein Verbrechen von Sjöwall/ Wahlöö ziehen, hierzulande besser bekannt als die Kommissar Beck-Krimis. Aber das würde beiden Reihen nicht gerecht werden.)

Wer in Queen & Country einmal hinein schauen will, kann das u.a. ausführlich hier tun. Vielleicht ja sogar Rhomas Wörtche? 😉

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