Wenn man kurz vor dem Abschluß einer großen Arbeit steht, passiert für gewöhnlich eine von zwei Sachen. Entweder läuft mit einem Mal alles wie geschmiert und man schafft plötzlich im Vorüber gehen, wozu man vorher endlos brauchte. Oder alles kommt zum Stillstand, nichts geht mehr, man quält sich auf den letzten Metern vorwärts.

Fraglos ist die Harry Potter-Filmserie eine große Aufgabe. Vielleicht nicht im filmhistorischen Sinne. Aber dem Umfang nach. Sieben bzw. mittlerweile acht Filme, alle mit Überlänge und randvoll mit Special effects, knallt man nicht nebenbei raus. Das stellt die Filme aber vor ein Problem. Ihnen läuft die Zeit davon. 2001 kam der erste ins Kino. Inzwischen schreiben wir 2009. Weil die bestehenden Filme sechs Jahre im Leben ihrer Titelfigur schildern, ergibt sich daraus eine Diskrepanz von mittlerweile drei Jahren. Oder anders gesagt: der Hauptdarsteller, Daniel Radcliffe, inzwischen zwanzig Lenze, altert seiner Figur voraus. Das gleiche gilt für Emma Watson (19) alias Hermine Granger und Rupert Grint (20) alias Ron Weasley. Man sieht es ihnen an: das sind keine Teenager mehr.

Warner Bros. als ausführendes Studio steht also unter dem Druck, die Filmreihe so schnell wie möglich fertig zu bekommen, ehe die Hauptdarsteller unglaubwürdig werden. Nur so läßt sich erklären, daß Harry Potter und der Halbblutprinz, obwohl randvoll mit Spezialeffekten und mit Darstellern, die in anderen Zusammenhängen sogar schauspielern können, zwar nicht so aussieht, aber sich anfühlt wie ein lieblos heruntergekurbeltes Massenprodukt.

Was hätte man nicht aus der Geschichte machen können! Die beginnt nämlich sofort mit dem großen Trauma unserer Zeit: einem Angriff auf London. Zwar nicht durch Bomben oder Flugzeuge, sondern durch sogenannte Todesser, also die unseligen Anhänger Lord Voldemorts, des großen Schurken der Reihe. Und doch, London under Attack: in seiner filmischen Darstellung erweckt es Assoziationen zu 9/ 11, wenn diese tiefschwarzen Dämonen aus der Luft angerast kommen und durch die Straßen auf die Gebäude zu jagen, sowie zu den Londoner Bombenanschlägen von 2005. Immerhin wird eine komplette Themsebrücke versenkt. Aber alles halb so schlimm: der Zuschauer sieht deutlich, wie sich sämtliche Menschen von der Brücke retten können. (Das kurz darauf eine Zeitungsschlagzeile in diesem Zusammenhang von unzähligen Toten spricht, ist eine der großen Inkonsequenzen des Films.)

Es ist dennoch eine beeindruckende Szene. Sie dauert drei Minuten. Danach schaltet der Film auf normal. Wenn im Folgenden Harry nach Hogwarth fährt, noch mehr Todesser angreifen und Draco Malfoy fies rumekelt, dann sind dies nur all zu bekannte Versatzstücke, die routinemäßig aneinander gehängt wurden. Die Hoffnung, dass dieser Film mehr als nur eine Erzählung über ein paar angehende Magier sein will, erlischt im Einerlei des Zaubertränkezusammenrührens. Einzige auffällige Änderung im Vergleich zu den vorherigen Episoden: die in jeder Ecke der Schule rumgeknutschenden Teenagerpärchen.

Auf die legt der Film besonderes Augenmerk. Die Hormone laufen buchstäblich Amok. Als würde die Pubertät über Hogwarth hereinbrechen und nicht der böse Voldemort, inszeniert Yates einen Reigen der Teenagerliebeleien und Kurzzeitknutschbeziehungen. Das entscheidende Ereignis – dein erster Kuss, Harry Potter! – geht in dem amourösen Chaos beinahe unter.

Mehr noch aber ersäuft die Handlung darin. Küsschen hier, Küsschen da – wo war die Gefahr? Selbst für die titelgebende Hauptfigur, den Halbblutprinzen, bleibt kaum Platz. Präsent hauptsächlich durch ein altes Zauberbuch, in dem ein paar besonders mächtige und fiese Mageleien von seiner Feder stehen, spielen weder Figur noch Buch im Verlauf des Films eine nennenswerte Rolle. Sogar die Auflösung, wer dieser Halbblutprinz denn nun sei, geschieht quasi im Vorübergehen – ohne diesen Begriff oder die Bedeutung des Buches zu klären.

Damit ist die Verfilmung eine Geschichte verschenkter Möglichkeiten. Denn eigentlich ist Harry Potter und der Halbblutprinz (mindestens) die Geschichte eines grundlegenden Wandels, eine Erzählung von tiefliegender Paranoia (wenn Hogwarth magisch gegen Angriffe abgeriegelt wird) und von der Entdeckung der Liebe (banal ausgedrückt). Es ist eine Geschichte von den Freuden und den Gefahren des Erwachsenwerdens, und davon, wie eine schöne Traumzauberwelt von einer düsteren Realität überrannt wird. Es ist eine Geschichte, die dieser Film nicht erzählt.

Das mag mit der Vorlage zusammen hängen. Ich kenne sie nicht. Oder damit, dass es nach fünf Vorgängerfilmen einfach keine neue Möglichkeit mehr gibt, Hogwarth und seine Teilzeitbewohner kreativ darstellen zu können. Tatsächlich fühlen sich viel zu viele Szenen an, wie bereits gesehen – wenn Harry Potter und seine Kumpel durch das Gemäuer schleichen oder im Schnee zum Dorf stapsen oder zu Hagrids Hütte gehen. Das wirkt flau, uninspiriert. War Hogwarth noch ein seltsamer Ort in den ersten beiden Filmen, ein zutiefst magischer und poetischer Ort im dritten Teil und wenigstens noch eine verdammt große Hütte in den Teilen vier und fünf, so ist das alte Gemäuer jetzt zur Pappkulisse geraten, die nur deshalb nicht wackelt, weil keiner die Energie hat, mal etwas fester aufzutreten.

Vor allem nicht die Jungdarsteller. Tom Felton alias Draco Malfoy setzt zu Beginn des Films einen fiesen Gesichtsausdruck auf – und den ganzen Rest des Films nicht mehr ab. Ähnlich dezidiert Radcliffe (ratlos) und Grint (dümlich). Vielleicht sind sie ja nicht nur den Rollen entwachsen, sondern fühlen sich auch so. Wo Alan Rickman sich als Severus Snape wenigstens noch mit einen Hauch Shakespearianischer Schurkenwürde ummantelt und Helena Bonham Carter recht überzeugend Amok hüpft, spielen die meisten der jungen Darsteller ihre Rollen mit verächtlicher Distanz. Freilich müssen sie auch durch ein Drehbuch schlurfen, dem mangels Spanung und emotionaler Extreme jede Herausforderung fehlt.

Peter Yates, der in den vorherigen Filmen eher ein Übermass an Tempo und Action angerichtet hat, fällt damit sogar hinter die ersten zwei, überaus kindischen Filme der Reihe (damals unter der Regie von Chris Columbus) zurück. Harry Potter und der Halbblutprinz ist ein Film, der den Eindruck erweckt, endlich mit dieser Serie fertig zu werden. Die Leute gucken es ja so oder so.

Edit, 15.07.09: Es ist Harry Potters zweiter Kuss. Peinlich. 🙁 Aber besser dazu stehen als es heimlich hinten rum abzuändern.

Comments are closed.