Ja, genau, Sonntagslektüre. Nur der Blogeintrag dazu lag ’ne Weile rum. *hüstel* 😉

Na und? 😀

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Cool BrosZum Thema. Dasss deutsche Comics besser als ihr Ruf sind, muss ich hoffentlich keinem mehr erzählen. Rund dreissig Folgen über deutsche Comiczeichner auf SPON sprechen eine klare Sprache. Dennoch scheint es so, als hätten viele dieser Comics eine sehr begrenzte Halbwertzeit. Wie Cool Bros von Boris Kiselicki (Edition 52, 60 S.; kein Preisaufdruck). Für einen kurzen Moment war Boris Kiselicki 2002, als Cool Bros erschien, ein Shooting-Star der deutschen Comicszene. Aus heutiger Sicht lässt sich das anhand dieses Albums nicht mehr nachvollziehen. Die Geschichte über mutierte Killerpinguine ist deutlich zu sehr von amerikanischen Action-Comics inspiriert, vor allem von jenen aus dem Image-Verlag. Das geht bis hinein ins Figurendesign, ein Amalgam aus Manga und 90er-Jahre-Superhelden, das inzwischen eher peinlich wirkt. Dazu kommt die wenig packende Geschichte, im Großen und Ganzen eine lange, blutige Verfolgungsjagd von Menschen und Pinguinen über’s Eis des Südpols. Band 2 jener Geschichte ist soweit ich weiss nie erschienen.

Münchner KindlNoch deutlicher von Image inspiriert war Ralf Paul, dessen Heftserie Helden im Eigenverlag in der Tat optisch sehr opulent war – Todd McFarlane mit ein paar Einschüssen frankobelgischer Schule. Aber von sowas kann man in Deutschland nicht leben, weshalb von Pauls Heften nur alle paar jahre mal ein Neues erscheint. Bruder Thadeus – Das Münchner Kindl (Ehapa Comic Collection, 48 S. + Faltbeileger; € 10,00) ist da offensichtlich eher eine Auftragsarbeit, die den Kölner Paul in ungewohnte Gefilde schickt. Das Album dient als Stadtführer durch den Münchner Kern, mit ganz viel Münchner Historie anbei. Die Texte dazu stammen von Martin Gordemann. Pauls Strich ist für dieses Projekt deutlich europäischer, stärker in den Linien und zurückhaltender im Detail, was dem als Semi-Funny angelegten Band entgegen kommt. Vorrangig geht es bei der ganzen Geschichte um Bier, Bier, Bier – die Müncher Vergangenheit wird vorrangig an ihren Braumeistern dargestellt. Ob sich da nicht doch manch ein Münchner zu sehr auf’s Klischee vom Biergartenhansel reduziert fühlt?

Sticks & FingersAuf ganz andere Art altbacken wirkt leider Sticks & Fingers: Basement Blues von Jan Reiser (Ehapa Comic Collection, 48 S.; € 10,00). Die Geschichte von zwei rockenden Jungs, die sich von der Proberaumsuche bis zum ersten echten Gig nach „oben“ kämpfen (also in die lokale Kreisliga), ist nicht nur von ihrem Ablauf her viel zu bekannt, sondern auch völlig am musikalischen Zeitgeist vorbei. Kann eine Band heute cool sein, die sich an den Stones und Guns’n’Roses orientiert? Basement Blues sagt so. Der Comic ist eine Aneinanderreihung musikalischer Klischees aus den achtziger Jahren. Der endgültig verspielt, wenn sich im vorhersehbaren finalen Gig Rocker und Nonnen, Senioren und Millionäre fröhlich feiernd zur Mugge der Nachwuchs-Altrocker in den Armen liegen.

WüstensöhneWie es auch deutlich innovativer geht, zeigt Horus mit seinem Band Wüstensöhne (Ehapa Comic Collection, 64 S.; € 14,00). Auch Horus, deutsches Horrorcomic-Urgestein und Kumpel von David Stray Bullets Lapham, ist nun alles andere als ein Neuling, vermutlich ist er sogar schon der Älteste in der Bande. Das gibt ihm die Gelassenheit, aus Erzählkonventionen auszubrechen. Wüstensöhne ist ein Tryptichon aus zwei langen und einer kurzen Erzählung zum Thema Deutschland. „Der große Erg von Berlin“ behandelt die weltweit verstreuten jüdischen Exilanten. Mit der grafischen Klarheit eines Hergé zeichnet Horus Aufnahmen vom völlig menschenleeren alten Berlin und lässt dazu die Lebenswege von mehreren Dutzend von den Nazis vertriebener erzählen. Das Mittelstück „Lebensdienst und Liebesgaben“ schildert im Monolog einer Nazi-Witwe das scheinbare Unverständnis der in Deutschland verbliebenen für die Ereignisse im Dritten Reich. „Shrimps auf Reis“ löst dann die Comicform ganz auf. Der Essay mit ganzseitigen Illustrationen schildert zuerst den realen Lebensweg des FBI-Gründers J. Edgar Hoover, nur um hernach in eine Alternativwelt-Phantasie umzukippen, die fragt, wie dieser Lebensweg ausgesehen hätte, wenn Hoover in Deutschland zur Welt gekommen wäre. Wüstensöhne ist ein mutiger Band, weil er den Leser fordert, weil er Geschichtsverständnis und Reflektion historischer Positionen verlangt – im Rahmen der aktuellen Debatte um die Graphic Novels ein Comic, der etwas rückblickende Aufmerksamkeit verdient hätte. (Der Band erschien 2004.)

XothAnna-Maria Jung ist dagegen, wie sie heisst – 1984 geboren und zumindest in dieser Runde damit das Nesthäkchen bzw. die Benjamine. Mit Xoth! (Zwerchfell, 80 S.; € 14,00) geht sie auf gerade für junge Comiczeichnerin aus mitteleuropäischen Gefilden (sie ist Österreicherin) auf ungewohntes Terrain – der Comic orientiert sich an den Horrorphantasien von H.P. Lovecraft, an dessen tentakelmonstern und innerweltlichen Dämonen. Weil, wie Noah Berlatsky im Vorwort schreibt, „die perfekteste Lovecraft-Parodie schlicht und ergreifend Lovecraft selbst“ ist, wiedersteht Jung dem Wunsch, den Tentakelaltmeister zu parodieren. Xoth! ist eher eine liebevoll-ironische Hommage über einen Jungen – Jacop – der in die Unterwelt der Großen Alten gerät, sich verliebt, vor einer ganzen Menge Monster wegrennen muss und schließlich HPL himself begegnet. Eine romantische Horrorkomödie, die leider darunter leidet, einen Tick zu lang zu sein und ein wenig zu oft auf bekannte Versatzstücke zurückzugreifen, allen voran die unvermeidliche, aber emotional nicht immer ganz nachvollziehbare Liebesgeschichte.

2 Responses to “Sonntagslektüre (06): Deutsche Herzen, deutsche Helden?”

  1. Susumu says:

    @ Cool Bros von Boris Kiselicki (Edition 52, 60 S.; kein Preisaufdruck): Der Comicguide gibt 12,50€ als offiziellen Verkaufspreis an. Misstraust du solchen Quellen, warst nur zu faul zum Nachschauen oder findest du solche Angaben zu Comics, bei denen die BPB wohl schon gefallen ist ohnedies sinnlos?

  2. Stefan says:

    Ich war schlicht zu faul. 😉 „Kein Preisaufdruck“.

    Natürlich weiss ich, wo im Netz diese Dinge stehen, grundsätzlich finde ich es bei Büchern praktisch, wenn der Preis mitgeliefert wird. 🙂