{"id":1171,"date":"2012-06-04T11:32:45","date_gmt":"2012-06-04T10:32:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pannor.de\/?p=1171"},"modified":"2012-06-04T11:32:45","modified_gmt":"2012-06-04T10:32:45","slug":"aktuelle-comicrezension-180-gift-haarmann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pannor.de\/?p=1171","title":{"rendered":"Aktuelle Comicrezension (180) &#8218;Gift&#8217;\/ &#8218;Haarmann&#8216;"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"twitterbutton\" style=\"display: block; text-align: left;\"><a href=\"http:\/\/twitter.com\/share\" class=\"twitter-share-button\" data-count=\"horizontal\" data-text=\"Aktuelle Comicrezension (180) &#8218;Gift&#8217;\/ &#8218;Haarmann&#8216;\" data-via=\"\" data-url=\"https:\/\/www.pannor.de\/?p=1171\" data-lang=\"en\" data-related=\"DolcePixel:We make beautiful and sweet WordPress Themes\"><\/a><\/div><p><strong>Zwei zwischen Sozio- und Historienkrimi stehende Graphic Novels erkunden Deutschlands verbrecherische Vergangenheit. Nein, keine Nazis. Keine Sorge. Nur Giftm\u00c3\u00b6rder und Kannibalen.<\/strong><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"\/i\/gift.jpg\" alt=\"\" \/><!--more-->\u00e2\u20ac\u017eRoman \u00c3\u00bcber ein Verbrechen\u00e2\u20ac\u0153 nannten Maj Sj\u00c3\u00b6wall und Per Wahl\u00c3\u00b6\u00c3\u00b6 in den Sechzigerjahren ihre Dekalogie von Krimis um den Kriminalkommissar Beck. Das Verbrechen, um das es ging, war die Ausbeutung der Gesellschaft und ihr damit verbundener Niedergang, sinnbildlich dargestellt durch die immer komplexer und grimmiger werdenden F\u00c3\u00a4lle des Kommissar Beck. <\/p>\n<p>In eine \u00c3\u00a4hnliche Kerbe schlagen mindestens zwei irgendwo zwischen Sozio- und Historienkrimi stehenden Graphic Novels von Peer Meter, die sich beide mit klassischen Mordf\u00c3\u00a4llen besch\u00c3\u00a4ftigen, aber ihr besonderes Augenmerk auf das Milieu von T\u00c3\u00a4ter und Mordermittlung legen und von gesellschaftlichem Verfall berichten.<\/p>\n<p>\u00e2\u20ac\u017eGift\u00e2\u20ac\u0153, das vorgibt, von der Bremer Giftm\u00c3\u00b6rderin Gesche Gottfried zu handeln, die 1831 hingerichtet wurde, ist dabei das offenbarere Beispiel f\u00c3\u00bcr die eigentlichen Intentionen Meters. Der Titel mindestens doppeldeutig: gemeint ist sowohl das Gift der Gesche Gottfried als auch die vergiftete Stimmung in der Stadt nach Bekanntwerden der Taten, irgendwo zwischen Angst und Pogrommlaune. <\/p>\n<p>Hauptfigur ist demnach weniger die Gottfried, die als schwarze Witwe auf dem Cover prangt, im Buch selbst aber kaum vorkommt, als vielmehr Bremen, insbesondere seine B\u00c3\u00bcrgerschaft, und die einsetzenden Verdr\u00c3\u00a4ngungs- und Verabreitungsmechanismen.<\/p>\n<p>L\u00c3\u00a4sst man einmal diese arg offenbar aus den Poren des Werkes knietschende Intention beiseite, bleibt \u00e2\u20ac\u017eGift\u00e2\u20ac\u0153 dennoch eine \u00c3\u00bcberaus stabile Geschichte, die durch die sauberen, dezent in Lokalkolorit gef\u00c3\u00a4rbten Dialoge besticht, vor allem aber durch Barbara Yelins schattige, hochemotionale Zeichnungen sowie die ruhige, raumgreifende Struktur der Geschichte, die, ihren Erz\u00c3\u00a4hlrythmus sukzessive steigernd, auf eine alptraumartige Hinrichtungssequenz zul\u00c3\u00a4uft, die von einer \u00c3\u00bcberaus seltenen emotionalen Schlagkraft ist.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"\/i\/haarmann.jpg\" alt=\"\" \/>Deutlich hintergr\u00c3\u00bcndiger ist \u00e2\u20ac\u017eHaarmann\u00e2\u20ac\u0153. Eigentlich ein Remake (Meter hat sich bereits in den Achtzigerjahren mit dem Stoff des Massenm\u00c3\u00b6rders Haarmann besch\u00c3\u00a4ftigt, der das Fleisch seiner Opfer auf dem Schwarzmarkt verkaufte), steht es, mehr noch als \u00e2\u20ac\u017eGift\u00e2\u20ac\u0153 auf dem Gipfelpunkt der aktuellen einheimischen Comicproduktion.<\/p>\n<p>Hat Isabel Kreitz in der Vergangenheit einige faszinierend eindeutige Horror-Comics ver\u00c3\u00b6ffentlicht (ma\u00c3\u0178geblich: der \u00e2\u20ac\u017eRalf\u00e2\u20ac\u0153-Vierteiler bei Zwerchfell), ist sie in den letzten Jahren mehr und mehr zur Meisterin des Indirekten geworden. <\/p>\n<p>Wie kein anderer Comiczeichner derzeit schafft sie es, die Emotionen ihrer Figuren allein durch Gestik und Mimik auszudr\u00c3\u00bccken. Das gestattet schlanke, effektive Skripte und ein Augenmerk auf das soziale Umfeld, ohne die eigentliche Geschichte auszubremsen.<\/p>\n<p>Und so ist, genau wie \u00e2\u20ac\u017eGift\u00e2\u20ac\u0153, \u00e2\u20ac\u017eHaarmann\u00e2\u20ac\u0153 eigentlich das Portrait einer Stadt, allerdings noch genauer, noch bitterer als Yelins Graphic Novel. <\/p>\n<p>Best\u00c3\u00bcrzend die Bilder der komplett aus dem Ruder geratenen verarmten Unterschicht Deutschlands in den Zwanzigerjahren, in deren Umfeld erst ein Fall wie Haarmann und sein Menschenfleischhandel m\u00c3\u00b6glich war; der verzweifelte Versuch von Polizei und Justiz, genau diesen Umstand m\u00c3\u00b6glichst aus dem Blickfeld der \u00c3\u2013ffentlichkeit herauszuhalten; nicht zuletzt der sittliche Verfall nicht nur des T\u00c3\u00a4ters, sondern, wortw\u00c3\u00b6rtlich aus der Not geboren, auch seiner Kunden und Kompagnons.<\/p>\n<p>\u00e2\u20ac\u017eHaarmann\u00e2\u20ac\u0153 ist von einer deskriptiven Genauigkeit, die im Comic ihresgleichen sucht (und allenfalls in den anderen Comics von Kreitz zu finden ist), weitab von der sonst \u00c3\u00bcblichen boulevardesken Ausschlachtung des Themas Massenm\u00c3\u00b6rder in anderen Medien. (Auch wenn der auf dem Buch pappende Sticker \u00e2\u20ac\u017eEin deutscher Serienm\u00c3\u00b6rder\u00e2\u20ac\u0153 unn\u00c3\u00bctz marktschreierisch ist und viel zu sehr auf genau diesen Boulevard schielt.) <\/p>\n<p>Es ist, mehr noch als \u00e2\u20ac\u017eGift\u00e2\u20ac\u0153, ein hervorragender Thriller, Beleg absoluter k\u00c3\u00bcnstlerischer Meisterschaft. <\/p>\n<p><em>\t<\/p>\n<li>Gift: Reprodukt, 200 S.; \u00e2\u201a\u00ac 20,00<\/li>\n<li>\nHaarmann: Carlsen Comics, 180 S.; \u00e2\u201a\u00ac 19,90<\/li>\n<p><\/em><\/p>\n<p>Verfasst f\u00c3\u00bcr die Leipziger Comic Combo im Juni 2011.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/3bfe6d7aaa194c9c835ec203c47643c9\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n<p class=\"wp-flattr-button\"><a class=\"FlattrButton\" style=\"display:none;\" href=\"https:\/\/www.pannor.de\/?p=1171\" title=\" Aktuelle Comicrezension (180) &#8218;Gift&#8217;\/ &#8218;Haarmann&#8216;\" rev=\"flattr;uid:LNMUHR;language:de_DE;category:text;tags:blog;button:compact;\">Zwei zwischen Sozio- und Historienkrimi stehende Graphic Novels erkunden Deutschlands verbrecherische Vergangenheit. 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