{"id":1861,"date":"2013-06-11T15:45:19","date_gmt":"2013-06-11T14:45:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pannor.de\/?p=1861"},"modified":"2013-06-11T15:45:19","modified_gmt":"2013-06-11T14:45:19","slug":"manga-portrait-02-keiji-nakazawa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pannor.de\/?p=1861","title":{"rendered":"Manga-Portrait (02): Keiji Nakazawa"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"twitterbutton\" style=\"display: block; text-align: left;\"><a href=\"http:\/\/twitter.com\/share\" class=\"twitter-share-button\" data-count=\"horizontal\" data-text=\"Manga-Portrait (02): Keiji Nakazawa\" data-via=\"\" data-url=\"https:\/\/www.pannor.de\/?p=1861\" data-lang=\"en\" data-related=\"DolcePixel:We make beautiful and sweet WordPress Themes\"><\/a><\/div><p><strong>Alles, nur nicht wegrennen: Keiji Nakazawa \u00c3\u00bcberlebte 1945 den Abwurf der Atombombe auf Hiroshima. Sp\u00c3\u00a4ter zeichnete er sich das erlebte Grauen als Comic von der Seele. \u00e2\u20ac\u017eBarfu\u00c3\u0178 durch Hiroshima\u00e2\u20ac\u0153 gilt als Meilenstein des Genres. Jetzt erlag er den Sp\u00c3\u00a4tfolgen des Abwurfs.<\/strong><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.pannor.de\/i\/barefoot10.jpg\" alt=\"\" \/><!--more-->Als Keji Nakazawa 2005, auf seinem einzigen Deutschlandbesuch, gefragt wurde, warum er seine Erinnerungen als Hiroshima-\u00c3\u0153berlebender in Comicform aufzeichnete, war seine Antwort so simpel wie bedr\u00c3\u00bcckend: \u00e2\u20ac\u017eZuerst wollte ich nur noch wegrennen\u00e2\u20ac\u0153. <\/p>\n<p>Nakazawa hatte im August 1945 den Abwurf der Atombombe \u00c3\u00bcber Hiroshima \u00c3\u00bcberlebt &#8211; eine Mauer, die den Explosionsdruck und die Hitze abschirmte, rettete ihm das Leben. Da war Nakazawa sechs Jahre alt. Die H\u00c3\u00a4lfte seiner Familie kam durch den Abwurf zu Tode.<\/p>\n<p>Was er danach, in den Tr\u00c3\u00bcmmern der Stadt, sehen musste, traumatisierte ihn f\u00c3\u00bcr&#8217;s Leben. \u00e2\u20ac\u017eIch wollte diese schrecklichen Bilder loswerden\u00e2\u20ac\u0153, f\u00c3\u00bchrte er im Gespr\u00c3\u00a4ch seine Erinnerungen weiter aus, \u00e2\u20ac\u017edie ich erleben musste, wenn ich etwa immer wieder lebenden Leichen begegnete, aus denen unz\u00c3\u00a4hlige Maden krochen.\u00e2\u20ac\u0153<\/p>\n<p>Es half kein Wegrennen. Die Erinnerung hatte selbsttherapeutische Form. Ab 1973 publizierte Nakazawa seine Memoiren vom Sommer 1945 &#8211; die letzten Kriegsmonate, den Bombenabwurf und schlie\u00c3\u0178lich jenes schreckliche Danach &#8211; als Comic. \u00e2\u20ac\u017eHadashi no Gen\u00e2\u20ac\u0153 nannte er es, \u00e2\u20ac\u017eDer barf\u00c3\u00bc\u00c3\u0178ige Gen\u00e2\u20ac\u0153. Auf deutsch erschien es als \u00e2\u20ac\u017eBarfu\u00c3\u0178 durch Hiroshima\u00e2\u20ac\u0153.<\/p>\n<p>Als er seine Memoiren begann, war Nakazawa (*14.03. 1939) in Japan ein etablierter, aber nicht sonderlich bekannter Mangazeichner. Er hatte vor allem Sportmanga ver\u00c3\u00b6ffentlicht, Comics \u00c3\u00bcber reale und fiktive Sportler. Zweimal hatte er bereits Anlauf genommen, neben all den Geschichten \u00c3\u00bcber Sportheroen sein atomares Trauma zu bew\u00c3\u00a4ltigen. Beides waren relativ kurze Episoden gewesen.<\/p>\n<p>\u00e2\u20ac\u017eBarfu\u00c3\u0178 durch Hiroshima\u00e2\u20ac\u0153 wuchs sich dagegen z\u00c3\u00bcgig zu einer Erinnerung von epischer Breite aus. Nakazawa hatte Gl\u00c3\u00bcck: in den fr\u00c3\u00bchen Siebzigerjahren hatte eine Generation junger Wilder den japanischen Comicmarkt \u00c3\u00bcbernommen. Pl\u00c3\u00b6tzlich gab es Bedarf an ungew\u00c3\u00b6hnlichen Ideen.<\/p>\n<p>Zwanzig Comicseiten pro Woche publizierte Nakazawa von seinen Memoiren, zuerst in dem auf Jungs ausgerichteten Magazin \u00e2\u20ac\u017eShonen Weekly Jump\u00e2\u20ac\u0153. Sp\u00c3\u00a4ter, als die Inhalte dem Thema entsprechend drastischer wurden, erschien der Vorabdruck in Magazinen f\u00c3\u00bcr \u00c3\u00a4ltere Leser.<\/p>\n<p>Die Bilder, die Nakazawa verwendete, sind die aus seinen Erinnerungen: Menschen, die ihre verbrannte Haut hinter sich herschleifen, Ged\u00c3\u00a4rme mit den H\u00c3\u00a4nden im Leib halten, verst\u00c3\u00bcmmelt, erblindet, halbverkohlt sind. Und \u00c3\u00bcberall in den Tr\u00c3\u00bcmmern Leichen.<\/p>\n<p>Rund zehn Jahre dauerte es, bis Nakazawa sich das Grauen von der Seele gezeichnet hatte. Knapp 3.000 Seiten umfasste \u00e2\u20ac\u017eBarfu\u00c3\u0178 durch Hiroshima\u00e2\u20ac\u0153 am Ende. Damit ist es die umfangreichste Biographie in Comicform \u00c3\u00bcberhaupt.<\/p>\n<p>Der gro\u00c3\u0178e Durchbruch gelang Nakazawa in Japan damit nicht. Die Erz\u00c3\u00a4hlung ist sperrig, von unaussprechlichem Grauen durchzogen. Anerkennung widerfuhr ihm erst ab den Achtzigerjahren auf dem westlichen Comicmarkt. Dort hatte sich ab den Siebzigerjahren eine Tradition der autobiografischen Comics entwickelt, die in Japan bis heute fehlt.<\/p>\n<p>Zeichner wie Art Spiegelman, der grade erst mit gro\u00c3\u0178em Erfolg die Auschwitz-Erinnerungen seines Vaters als Comic verarbeitet hatte (\u00e2\u20ac\u017eMaus\u00e2\u20ac\u0153) huldigten Nakazawa. Insbesondere seine intuitive, mitunter fast naive Form der Erz\u00c3\u00a4hlweise fand Anklang.<\/p>\n<p>1982 erschien ein Auszug aus \u00e2\u20ac\u017eBarfu\u00c3\u0178 durch Hiroshima\u00e2\u20ac\u0153 in deutscher \u00c3\u0153bersetzung bei Rowohlt. Es war der erste Manga in deutscher Sprache \u00c3\u00bcberhaupt. Allerdings dauerte es bis 2004, ehe in insgesamt vier B\u00c3\u00a4nden immerhin der Kern von Nakazawas Erinnerungen bei Carlsen erschienen. Der Rest, immerhin sechs weitere B\u00c3\u00a4nde, liegt neben dem Original nur in franz\u00c3\u00b6sischer und englischer Sprache vor.<\/p>\n<p>Zeitlebens blieb Nakazawa nicht nur ein Gegner der atomaren Aufr\u00c3\u00bcstung, sondern auch der Atomenergie. &#8222;Die Kraftwerke m\u00c3\u00bcssen abgeschaltet werden&#8220;, <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/print\/d-77745607.html\">sagte er<\/a> nach der Fukushima-Katastrophe. F\u00c3\u00bcr die New York Times fertigte er aus diesem Anlass eine exklusive Illustration an, die ein letztes Mal seine atomare Angst in einem bedr\u00c3\u00bcckenden Bild zusammenfasste.<\/p>\n<p>Bis 2009 zeichnete Nakazawa weiter Mangas, ehe die Sp\u00c3\u00a4tfolgen der Strahlung &#8211; unter anderem Diabetes und Grauer Star &#8211; ihn zum Vorruhestand zwangen. 2010 wurde bei ihm Lungenkrebs diagnostiziert, dem er am 19.12. erlag.<\/p>\n<p><strong><br \/>\nVerwandte Texte:<\/strong><\/p>\n<li><a href=\"https:\/\/www.pannor.de\/?p=1735\">Manga-Portrait (01): Osamu Tezuka<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.pannor.de\/?p=428\">Zu BAREFOOT GEN (US-Ausgabe von &#8222;Barfu\u00c3\u0178 durch Hiroshima&#8220;)<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.pannor.de\/?p=569\">Der Kitzel mit dem atomaren Trauma<\/a><\/li>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/99c91204a1b74374b5a12b3b08db29e1\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n<p class=\"wp-flattr-button\"><a class=\"FlattrButton\" style=\"display:none;\" href=\"https:\/\/www.pannor.de\/?p=1861\" title=\" Manga-Portrait (02): Keiji Nakazawa\" rev=\"flattr;uid:LNMUHR;language:de_DE;category:text;tags:Atombombe,Carlsen,Graphic Novel,Hiroshima,Nakazawa,blog;button:compact;\">Alles, nur nicht wegrennen: Keiji Nakazawa \u00c3\u00bcberlebte 1945 den Abwurf der Atombombe auf Hiroshima. 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