{"id":2375,"date":"2015-03-09T23:52:09","date_gmt":"2015-03-09T22:52:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pannor.de\/?p=2375"},"modified":"2015-03-09T23:52:09","modified_gmt":"2015-03-09T22:52:09","slug":"mangas-essen-seele-auf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pannor.de\/?p=2375","title":{"rendered":"Mangas essen Seele auf"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"twitterbutton\" style=\"display: block; text-align: left;\"><a href=\"http:\/\/twitter.com\/share\" class=\"twitter-share-button\" data-count=\"horizontal\" data-text=\"Mangas essen Seele auf\" data-via=\"\" data-url=\"https:\/\/www.pannor.de\/?p=2375\" data-lang=\"en\" data-related=\"DolcePixel:We make beautiful and sweet WordPress Themes\"><\/a><\/div><p><strong>Noch ein Artikel (gr\u00c3\u00b6\u00c3\u0178tenteils) zu Yoshihiro Tatsumi. Erschienen vor einigen Jahren in der WELT, lange bevor an eine deutschsprachige Edition seiner Werke auch nur zu denken war.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Gl\u00c3\u00bccklich bringt der Junge seine frisch ausgeliehenen B\u00c3\u00bccher nach Hause &#8211; endlich neuen Lesestoff! Aber das sind keine normalen B\u00c3\u00bccher. Wir befinden uns im Japan des Jahres 1948, und diese B\u00c3\u00bccher sind Manga &#8211; japanische Comics. Sie stammen von Osamu Tezuka, dem Star der Szene dieser Zeit. Zehn Jahre sp\u00c3\u00a4ter wird dieser Junge selbst ein gefragter Manga-K\u00c3\u00bcnstler sein, dessen Geschichten in unz\u00c3\u00a4hligen Magazinen und B\u00c3\u00bcchern erscheinen.<\/p>\n<p>Diese Geschichte ist kein M\u00c3\u00a4rchen. Sie ist nur nicht die ganze Wahrheit. Sie ist der Anfang dessen, was Yoshiro Tatsumi in seiner Autobiografie \u00e2\u20ac\u017eA Drifting Life\u00e2\u20ac\u0153 \u00c3\u00bcber einen st\u00c3\u00a4ndigen Kampf erz\u00c3\u00a4hlt, der den K\u00c3\u00bcnstler von innen her auffrisst. Der Kampf heisst Manga. Wie zerst\u00c3\u00b6rerisch bis zur letzten Konsequenz diese Erz\u00c3\u00a4hlform sein kann, das schildert sein Kollege Hideo Azuma in seinem Buch \u00e2\u20ac\u017eDer Ausreisser\u00e2\u20ac\u0153 &#8211; Manga machte Azuma zum Alkoholkranken und Obdachlosen. Zusammen bieten beide B\u00c3\u00bccher einen bitteren, ungesch\u00c3\u00b6nten Einblick in die h\u00c3\u00a4rteste Comickultur der Welt.<\/p>\n<p>In Deutschland kennt man von Manga fast nur die romantische Seite. Hierzulande erscheinen fast ausschlie\u00c3\u0178lich simple Unterhaltungsstoffe f\u00c3\u00bcr Jugendliche im Taschenbuchformat als Manga; sie bringen den Verlagen mehrere Millionen Umsatz im Jahr. In Japan ist nicht nur der Umsatz gr\u00c3\u00b6\u00c3\u0178er &#8211; umgerechnet bis zu vier Milliarden Euro j\u00c3\u00a4hrlich &#8211; sondern auch die Bandbreite der Titel, die von kindlich-naiven Abenteuerstoffen reichen bis zur komplexen Literatur. Aber auch der Druck: die Geschichten erscheinen meist in w\u00c3\u00b6chentlichen und monatlichen Magazinen. Die Leser stimmen ab, welche Serien weitergehen. Comics nach dem \u00e2\u20ac\u017eBig Brother\u00e2\u20ac\u0153-Prinzip. Die K\u00c3\u00bcnstler werden permanent nach ihrem kommerziellen Erfolg ausgesiebt, m\u00c3\u00bcssen immer liefern, arbeiten in der Regel sieben Tage die Woche ohne Urlaub.<\/p>\n<p>Tatsumi ist einer von denen, die in den f\u00c3\u00bcnfziger Jahren das Literarische in den Manga einbrachten und ihn damit erwachsen machnten. Es m\u00c3\u00bcsse doch noch etwas anderes geben als Comics f\u00c3\u00bcr Kinder, schildert er seine Gedankeng\u00c3\u00a4nge in \u00e2\u20ac\u017eA Drifting Life\u00e2\u20ac\u0153. Sein Ausweg heisst \u00e2\u20ac\u017eGekiga\u00e2\u20ac\u0153 (jap. \u00e2\u20ac\u017edramatisches Bild\u00e2\u20ac\u0153), das von ihm erfundene Genre des realistischen japanischen Comics. Damit wird er zum gefragten Zeichner. Sein Arbeitspensum ist unglaublich. 130 Seiten und mehr muss er pro Monat zeichnen. Dazu kommen zeitweise Jobs als Redakteur und Herausgeber &#8211; nat\u00c3\u00bcrlich unbezahlt. Einen neuen Manga von zwanzig Seiten und mehr liefert er nicht in Wochen ab, sondern in Tagen. Auch weil der wirtschaftliche Druck gro\u00c3\u0178 ist. F\u00c3\u00bcr seinen ersten vollst\u00c3\u00a4ndigen Manga soll er 12.000 Yen Honorar erhalten. Ein japanischer Berufseinsteiger der untersten Gehaltsklasse verdiente damals 8.000 Yen monatlich. Sp\u00c3\u00a4ter versucht Verleger Tatsumi noch um ein Drittel des zugesicherten Honorares zu prellen.<\/p>\n<p>Die Welt des Mangazeichnens ist nicht romantisch. Weil Tatsumi und seine Kollegen unter dem permanenten Druck stehen, Geschichten zu liefern, grasen sie permanent die Kinos ab und klauen, was ihnen gef\u00c3\u00a4llt. Vorlage sind die Filme von Hitchcock und der Nouvelle Vague, aber auch einheimische Streifen, Krimis, Romanzen, Dramen. Diese werden m\u00c3\u00b6glichst sofort gesehen &#8211; damit einem keiner zuvor kommt. Einen besonderen Einfluss auf Tatsumi und dessen Gekiga-Kollegen hinterl\u00c3\u00a4sst der Krimiautor Mickey Spillane und dessen Hard-boiled-Romane, der gleich f\u00c3\u00bcr eine ganze Reihe von Mangas verschiedener Zeichner zum indirekten Vorbild wird.<\/p>\n<p>Der Lohn f\u00c3\u00bcr die M\u00c3\u00bche ist gering. Tatsumi schildert, wie die Verlage die Auflagenzahlen seiner Werke geheim halten, um ihn davon abzuhalten, mehr Honorar zu fordern. Als bei einer Anti-Manga-Pressekampagne einer von Tatsumis Kollegen namentlich ins Visier der Zeitungen ger\u00c3\u00a4t, findet der \u00c3\u00bcber Monate keine Auftragnehmer &#8211; kein Herausgeber stellt sich hinter seinen K\u00c3\u00bcnstler. Um die Zeichner besser kontrollieren zu k\u00c3\u00b6nnen, stecken die Verlage sie in eigens angemietete Wohnh\u00c3\u00a4user zusammen &#8211; in einem Fall zu dritt in einem Zimmer. Kontakte der Zeichner zu anderen Verlagen werden argus\u00c3\u00a4ugig \u00c3\u00bcberwacht.<\/p>\n<p>Es sind nicht nur relativ bekannte Zeichner, die diesem dauernden Druck von innen nach neuen Ideen und von au\u00c3\u0178en durch die Verlage ausgesetzt sind. Osamu Tezuka galt in den f\u00c3\u00bcnfziger Jahren als Superstar und wird heute wegen seines Ruhmes und seiner stilpr\u00c3\u00a4genden Arbeiten in Japan als \u00e2\u20ac\u017eGott des Manga\u00e2\u20ac\u0153 verehrt.  Tatsumi fasst zusammen, wie dieser Tezuka in jungen Jahren mehrere monatliche Serien und Einzelepisoden parallel produziert. \u00e2\u20ac\u017eUnd zu allem \u00c3\u0153berfluss bereitet Tezuka sich auch noch auf die Abschlu\u00c3\u0178pr\u00c3\u00bcfungen an der Fakult\u00c3\u00a4t f\u00c3\u00bcr Medizin in Osaka vor\u00e2\u20ac\u0153, schlie\u00c3\u0178t Tatsumis ebenso bitter wie neidvoll.<\/p>\n<p>Wohin dieser Druck f\u00c3\u00bchren kann, schildert Hideo Azuma in seinem Buch \u00e2\u20ac\u017eDer Ausrei\u00c3\u0178er\u00e2\u20ac\u0153. In den siebziger und achtziger Jahren war Azuma eines der angesagtesten Comictalente Japans. Haupts\u00c3\u00a4chlich weil ihm seine Frauenfiguren leichtf\u00c3\u00bc\u00c3\u0178ig und sexy gerieten. Dann kommt der Zusammenbruch. Azuma soll immer mehr belanglose Episoden mit attraktiven Frauen zeichnen, weil das bei den Lesern ankommt. Seine erz\u00c3\u00a4hlerischen Qualit\u00c3\u00a4ten sind nicht gefragt. Seine Geschichten werden von seinen Redakteuren vor Drucklegung entweder gar nicht gelesen oder permanent umgeschrieben. Azuma trinkt, um den psychischen Druck auszugleichen, der durch die st\u00c3\u00a4ndige Terminnot entsteht. Der Alkohol gibt ihm Wahnvorstellungen. Schlie\u00c3\u0178lich steigt Azuma von einem Tag auf den anderen aus seinem Leben aus. Er wird zum Penner in den Vororten Tokyos, der sich von M\u00c3\u00bcll ern\u00c3\u00a4hrt und in einer Plastikplane im Wald haust.<\/p>\n<p>Mit makabrer Ironie schildert Azuma seine Monate auf der Stra\u00c3\u0178e. En Detail zeigt er, wie er schimmliges Essen klaut, Fusel aus Resten ansetzt, mit einer \u00c3\u2013llampe und einer alten Konservendose Nudeln kocht oder Kohl nachts unter seinem Hintern mit K\u00c3\u00b6rperw\u00c3\u00a4rme gart. Azuma ist permanent auf Alk. Und doch gl\u00c3\u00bccklicher als in seinen Tagen als Comiczeichner.<\/p>\n<p>Zwei Mal wird er nach langer Suche von der Polizeit aufgegriffen und versucht sich in sein altes Leben zu reintegrieren. Beim ersten Mal erweist sich einer der Polizisten als Fan von ihm. Er bittet Azuma um eine Zeichnung. Widmen soll er sie mit dem Sinnspruch \u00e2\u20ac\u017eDas Leben ist traumhaft.\u00e2\u20ac\u0153 Azuma, zerlumpt, stinkend und alkohokrank, macht es.<\/p>\n<p>Tatsumi ist zum Gl\u00c3\u00bcck nie so weit abgest\u00c3\u00bcrzt. Heute gilt er als Erfinder des \u00e2\u20ac\u017ealternative Manga\u00e2\u20ac\u0153. Aber ist er damit gl\u00c3\u00bccklich? \u00e2\u20ac\u017eIch werde niemals mit &#8218;gekiga&#8216; fertig sein\u00e2\u20ac\u0153, beschliesst er seine Erinnerungen. Der Kindheitstraum Comiczeichnen ist f\u00c3\u00bcr ihn nicht zur Befreiung geworden, sondern zur Sucht.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/af2c92c7bea84d33a69b65bb38cb9482\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n<p class=\"wp-flattr-button\"><a class=\"FlattrButton\" style=\"display:none;\" href=\"https:\/\/www.pannor.de\/?p=2375\" title=\" Mangas essen Seele auf\" rev=\"flattr;uid:LNMUHR;language:de_DE;category:text;tags:Graphic Novel,Tatsumi,blog;button:compact;\">Noch ein Artikel (gr\u00c3\u00b6\u00c3\u0178tenteils) zu Yoshihiro Tatsumi. Erschienen vor einigen Jahren in der WELT, lange bevor an eine deutschsprachige Edition seiner Werke auch nur zu denken war.<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Noch ein Artikel (gr\u00c3\u00b6\u00c3\u0178tenteils) zu Yoshihiro Tatsumi. Erschienen vor einigen Jahren in der WELT, lange bevor an eine deutschsprachige Edition seiner Werke auch nur zu denken war. 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