{"id":248,"date":"2008-11-05T00:36:32","date_gmt":"2008-11-04T23:36:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pannor.de\/?p=248"},"modified":"2008-11-07T00:01:55","modified_gmt":"2008-11-06T23:01:55","slug":"vortrag-berlin-bleierne-stadt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pannor.de\/?p=248","title":{"rendered":"Vortrag &#8218;Berlin &#8211; Bleierne Stadt&#8216;"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"twitterbutton\" style=\"display: block; text-align: left;\"><a href=\"http:\/\/twitter.com\/share\" class=\"twitter-share-button\" data-count=\"horizontal\" data-text=\"Vortrag &#8218;Berlin &#8211; Bleierne Stadt&#8216;\" data-via=\"\" data-url=\"https:\/\/www.pannor.de\/?p=248\" data-lang=\"en\" data-related=\"DolcePixel:We make beautiful and sweet WordPress Themes\"><\/a><\/div><p>Hier das Vortragsmanuskript zur <a href=\"http:\/\/www.moritzbastei.de\/basteiblog\/?p=1024\">Ausstellungser\u00c3\u00b6ffnung in der Moritzbastei<\/a> in unver\u00c3\u00a4nderter Fassung, Rechtschreibfehler inklusive.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm; line-height: 150%\"><strong>Vortrag<\/strong><\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm; line-height: 150%\"><font size=\"4\"><strong>Ausstellungser\u00c3\u00b6ffnung \u00e2\u20ac\u017eBerlin &#8211; Bleierne Stadt\u00e2\u20ac\u0153<\/strong><\/font><\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm; line-height: 150%\">&nbsp;<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm; line-height: 150%\"><img decoding=\"async\" src=\"\/i\/berlin_CVR2.jpg\" \/><em>Leipzig, 05.11. 2008<\/em><\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm; line-height: 150%\">&nbsp;<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm; line-height: 150%\">&nbsp;<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm; line-height: 150%\">Sehr geehrte Damen und Herren, ich begr\u00c3\u00bcsse Sie zur Vernissage des Comics \u00e2\u20ac\u017eBerlin\u00e2\u20ac\u0153 von Jason Lutes.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm; line-height: 150%\">&nbsp;<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm; line-height: 150%\">Comics sind ein urbanes Medium &#8211; und sie sind das in sehr viel st\u00c3\u00a4rkerem Ausmass als etwa Literatur, Theater oder das ann\u00c3\u00a4hernd gleich alte Medium Film. Die ersten Comics, in der Form, wie wir sie heute kennen,  entstanden um 1900 in New York. Sie entstanden aus dem Druck heraus, vom Vielv\u00c3\u00b6lkergemisch der Einwandererstadt verstanden werden zu m\u00c3\u00bcssen. Sie erschienen in Tageszeitungen, die damit nicht nur die englischsprachige Bev\u00c3\u00b6lkerung erreichen wollten, sondern auch die vielen, vor allem deutschen Einwanderer. Entsprechend nutzten diese fr\u00c3\u00bchen Comics eine sehr allt\u00c3\u00a4gliche Sprache, sie benutzten Gossenslang oder Worte aus vielen verschiedenen Sprachen. Und sie verwendeten Bilder.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm; line-height: 150%\">&nbsp;<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm; line-height: 150%\">Die Sprache des Comics &#8211; die Sprache der Bilder &#8211; entwickelte sich also aus der Notwendigkeit heraus, in einem babylonischen Sprachgewirr Verst\u00c3\u00a4ndnis zu finden.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm; line-height: 150%\">&nbsp;<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm; line-height: 150%\">In Folge blieb der Comic urban &#8211; ohne all zu weit abschweifen zu wollen, denke man nur an die Superhelden, deren Erlebnisse praktisch durchg\u00c3\u00a4ngig in Gro\u00c3\u0178st\u00c3\u00a4dten spielen. In Japan sind Comics heute traditionell die bevorzugte U-Bahn-Lekt\u00c3\u00bcre. Und nat\u00c3\u00bcrlich hat der Comic uns einige der bekanntesten St\u00c3\u00a4dte der Welt geschenkt. Metropolis, Heimat von Superman, Gotham City, Heimat von Batman, oder auch Entenhausen kennt jeder, obwohl niemand je dort war.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm; line-height: 150%\">&nbsp;<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm; line-height: 150%\">\u00e2\u20ac\u017eAus den St\u00c3\u00a4dten f\u00c3\u00bcr die St\u00c3\u00a4dte\u00e2\u20ac\u0153 ist damit das Motto, mit dem man das Medium Comic \u00c3\u00bcberschreiben k\u00c3\u00b6nnte. Und damit ist angesichts der weiterhin voranschreitenden Verst\u00c3\u00a4dterung der Weltbev\u00c3\u00b6lkerung das Medium Comic auch das Medium, das selbst hundert Jahre nach seiner Entstehung immer noch am dichtesten am Geist der Moderne dran ist.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm; line-height: 150%\">&nbsp;<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm; line-height: 150%\">Anders gesagt: Comics sind die Sprache der Moderne.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm; line-height: 150%\">&nbsp;<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm; line-height: 150%\">Eines aber fehlte dem Comic bisher, und dieses Fehlen verwundert angesichts dieser Historie um so mehr. Ein wirklicher Stadtroman. Erst Jason Lutes hat jetzt diese L\u00c3\u00bccke gef\u00c3\u00bcllt mit seiner Trilogie \u00e2\u20ac\u017eBerlin\u00e2\u20ac\u0153, deren zweiter Band j\u00c3\u00bcngst erschien.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm; line-height: 150%\">&nbsp;<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm; line-height: 150%\"><img decoding=\"async\" src=\"\/i\/berlin_kurt_marthe.jpg\" width=\"300\" \/>Dieses \u00e2\u20ac\u017eBerlin\u00e2\u20ac\u0153 ist kein Gegenwartscomic. Es spielt in den Jahren 1928 &#8211; 1933. Und schon auf den ersten Seiten macht Lutes klar, worum es ihm geht. Da treffen sich zwei Menschen im Zug: der Journalist Kurt Severing und die Kunststudentin Marthe M\u00c3\u00bcller. Die zwei sind, wenn man so will, die Hauptfiguren des Comics. Aber sie sind nicht seine Helden. Schon auf den Seiten 9 und 10 wendet sich das Auge des Erz\u00c3\u00a4hlers ab von den beiden Figuren. Man sieht den Zug einfahren. Lutes zeigt Berliner Bruchbuden, Abri\u00c3\u0178h\u00c3\u00a4user, Zerlumpte.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm; line-height: 150%\">&nbsp;<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm; line-height: 150%\">Auch beim folgenden Gang der zwei durch die Stadt schwenkt das Auge des Zeichners immer wieder ab &#8211; und nicht nur sein Auge, sondern auch seine Stimme: eine ganze Seite widmet Lutes etwa den Gedanken eines Ampelw\u00c3\u00a4rters an einer Kreuzung, eine weitere den Gedanken eines Aktmodelles, das vor Kunststudenten posiert. Und so geht das immer weiter. Die Erz\u00c3\u00a4hlung wandert von Mensch zu Mensch. Manche von ihnen tauchen nur in wenigen Bildern auf &#8211; wie etwa der obdachlose Kriegsveteran, der im harten Winter 1929 erfriert. Andere, wie Kurt und Marthe, tauchen mehrmals auf und bilden lange Handlungsstr\u00c3\u00a4nge.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm; line-height: 150%\">&nbsp;<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm; line-height: 150%\">Diese Erz\u00c3\u00a4hlweise kennen wir aus der Literatur. Aus \u00e2\u20ac\u017eUlysses\u00e2\u20ac\u0153 von James Joyce, erscheinen 1922, auf \u00e2\u20ac\u017eManhattan Transfer\u00e2\u20ac\u0153 von John Dos Passos, erschienen 1925, und nicht zuletzt auf \u00e2\u20ac\u017eBerlin Alexanderplatz\u00e2\u20ac\u0153 von Alfred D\u00c3\u00b6blin, erschienen 1929 &#8211; also exakt zum Zeitpunkt von Lutes&#8216; Geschichte.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm; line-height: 150%\">&nbsp;<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm; line-height: 150%\">Wir kennen sie kaum aus dem Comic. Und das, obwohl der Comic, dieses Compositum aus unz\u00c3\u00a4hligen stehenden Einzelaufnahmen, daf\u00c3\u00bcr pr\u00c3\u00a4destiniert w\u00c3\u00a4re. Lutes greift diese klassische Erz\u00c3\u00a4hlweise auf. Anders aber als f\u00c3\u00bcr Joyce, dos Passos oder D\u00c3\u00b6blin ist dies in diesem Kontext f\u00c3\u00bcr ihn ungleich schwieriger. Lutes ist Amerikaner, er lebt in der Gegenwart seines Landes.  Die ersten Kapitel f\u00c3\u00bcr \u00e2\u20ac\u017eBerlin\u00e2\u20ac\u0153 entstanden, da hatte Lutes noch nie einen Fuss auf europ\u00c3\u00a4ischen Boden gesetzt. Das und dass Jason Lutes gerade mal 40 Jahre alt ist, merkt man dem Comic freilich nicht an.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm; line-height: 150%\">&nbsp;<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm; line-height: 150%\"><img decoding=\"async\" src=\"\/i\/berlin_leute.jpg\" width=\"250\" \/>Lutes&#8216; Blick auf Berlin von bestechender Akkuratesse. Und das nicht nur, was die Darstellung der Stadt angeht. F\u00c3\u00bcr die griff er nicht nur auf Fotoquellen und alte Stadtpl\u00c3\u00a4ne zur\u00c3\u00bcck, sondern auch auf gegenw\u00c3\u00a4rtige Quellen, auf Freunde in Berlin, die ihm Bilder schickten, und nat\u00c3\u00bcrlich mittlerweile auch auf mehrere eigene Besuche in Berlin. Man kann dennoch nur bewundern, was Lutes aus der Ferne heraus geschaffen hat. In klaren Linien und scharfem schwarz-weiss-Kontrast zeichnet Lutes die spr\u00c3\u00b6de Architektur des alten Berlin genauer als je ein K\u00c3\u00bcnstler vor ihm in diesem Medium.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm; line-height: 150%\">&nbsp;<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm; line-height: 150%\">Aber nicht nur seine H\u00c3\u00a4user sind akkurat. Auch seine Menschen sind es. Lutes zeichnet Lutes ein Sozialpanorama von bestechender Genauigkeit. \u00e2\u20ac\u017eBerlin\u00e2\u20ac\u0153 spielt in unruhigen Zeiten. Mitten in den letzten Z\u00c3\u00bcgen der Weimarer Republik, in der Zeit von Hitlers Aufstieg und dem Verfall der Demokratie, von Wirtschaftskrise und sozialer Unruhe. Diese Zeit sehen wir aus dem Blickwinkel von Kurt und Marthe, aber auch des obdachlosen Schacheres Pawel, der Werksarbeiterin Gudrun, der j\u00c3\u00bcdischen Familie Schwartz und vielen anderen. Aus den Lebenswegen, die sich immer wieder, wenn auch nur f\u00c3\u00bcr Augenblicke, kreuzen, entsteht ein Sittenbild, das die Widerspr\u00c3\u00bcche der Zeit einf\u00c3\u00a4ngt. Zwischen Kinderprostitution und der lebensfrohen Dekadenz der 20er Jahre, Kommunisten und Nazis, Neureichen und Depression.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm; line-height: 150%\">&nbsp;<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm; line-height: 150%\">Jetzt war hier viel von Literatur und Politik die Rede. Aber man sollte nicht vergessen, was \u00e2\u20ac\u017eBerlin\u00e2\u20ac\u0153 vor allem ist.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm; line-height: 150%\">&nbsp;<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm; line-height: 150%\">\u00e2\u20ac\u017eBerlin\u00e2\u20ac\u0153 ist ein Comic.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm; line-height: 150%\">&nbsp;<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm; line-height: 150%\">Und Comic, wie Lutes ihn versteht und wie er ihn zeichnet, entstand als eben Universalsprache im babylonischen Sprachgemisch der Gro\u00c3\u0178st\u00c3\u00a4dte. Und auch wenn Lutes Figuren nur Berliner Dialekt reden, so f\u00c3\u00bchrt er doch das Medium Comic mit \u00e2\u20ac\u017eBerlin\u00e2\u20ac\u0153 an genau diese Wurzeln zur\u00c3\u00bcck. \u00e2\u20ac\u017eBerlin\u00e2\u20ac\u0153, das in der Vergangenheit spielt, ist ein Werk der Moderne, das in der Sprache der Moderne zu uns redet &#8211; der Sprache des Comics.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm; line-height: 150%\">&nbsp;<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm; line-height: 150%\">Meine Damen und Herren, ich danke Ihnen und w\u00c3\u00bcnsche Ihnen viel Vergn\u00c3\u00bcgen dabei, diese Sprache zu betrachten.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm; line-height: 150%\">&nbsp;<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm; line-height: 150%\">+++++<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm; line-height: 150%\">&nbsp;<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm; line-height: 150%\">Nachtrag: Urspr\u00c3\u00bcnglich im Schlu\u00c3\u0178teil Manuskript enthalten war ein weiterer Absatz, der &#8211; nach diversen Debatten &#8211; im Vortrag unter den Tisch fallen gelassen wurde.  Er stand vor dem letzten l\u00c3\u00a4ngeren Absatz. Der Vollst\u00c3\u00a4ndigkeit halber h\u00c3\u00a4nge ich ihn hier an:<\/p>\n<blockquote><p>Und es will genau das sein. Wir h\u00c3\u00b6ren in letzter Zeit immer wieder vom Begriff der \u00e2\u20ac\u017egraphic novel\u00e2\u20ac\u0153, vom \u00e2\u20ac\u017eComicroman\u00e2\u20ac\u0153, in Verbindung mit anspruchsvollen Comics. Lutes selber empfindet diesen Begriff als [O-Ton] \u00e2\u20ac\u017eseltsame Wortkombination\u00e2\u20ac\u0153 und \u00e2\u20ac\u017en\u00c3\u00bctzlichen Marketingbegriff\u00e2\u20ac\u0153.<\/p><\/blockquote>\n<p class=\"wp-flattr-button\"><a class=\"FlattrButton\" style=\"display:none;\" href=\"https:\/\/www.pannor.de\/?p=248\" title=\" Vortrag &#8218;Berlin &#8211; Bleierne Stadt&#8216;\" rev=\"flattr;uid:LNMUHR;language:de_DE;category:text;tags:blog;button:compact;\">Hier das Vortragsmanuskript zur Ausstellungser\u00c3\u00b6ffnung in der Moritzbastei in unver\u00c3\u00a4nderter Fassung, Rechtschreibfehler inklusive. Vortrag Ausstellungser\u00c3\u00b6ffnung \u00e2\u20ac\u017eBerlin &#8211; Bleierne Stadt\u00e2\u20ac\u0153 &nbsp; Leipzig, 05.11. 2008 &nbsp; &nbsp; Sehr geehrte Damen und Herren,...<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hier das Vortragsmanuskript zur Ausstellungser\u00c3\u00b6ffnung in der Moritzbastei in unver\u00c3\u00a4nderter Fassung, Rechtschreibfehler inklusive. 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