{"id":2483,"date":"2016-06-03T14:04:38","date_gmt":"2016-06-03T13:04:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pannor.de\/?p=2483"},"modified":"2016-06-03T14:04:38","modified_gmt":"2016-06-03T13:04:38","slug":"unsichtbare-wege","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pannor.de\/?p=2483","title":{"rendered":"Unsichtbare Wege"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"twitterbutton\" style=\"display: block; text-align: left;\"><a href=\"http:\/\/twitter.com\/share\" class=\"twitter-share-button\" data-count=\"horizontal\" data-text=\"Unsichtbare Wege\" data-via=\"\" data-url=\"https:\/\/www.pannor.de\/?p=2483\" data-lang=\"en\" data-related=\"DolcePixel:We make beautiful and sweet WordPress Themes\"><\/a><\/div><p><strong>Vier Comics besch\u00c3\u00a4ftigen sich mit Fl\u00c3\u00bcchtlingsschicksalen &#8211; und erz\u00c3\u00a4hlen die Geschichte eines unglaublichen Wegs.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>1994 machte ich in Magdeburg eine Reportage \u00c3\u00bcber die Lage der Asylbewerber in der Stadt. Man h\u00c3\u00b6rte schon damals nichts Gutes \u00c3\u00bcber deren Situation: die eine H\u00c3\u00a4lfte war mehr oder minder eingeknastet hinter hohen Mauern mit Stacheldraht einer ehemaligen Kaserne der Sowjetarmee. Das war ein privater Betreiber, der keinen Kontakt und keine \u00c3\u2013ffentlichkeit w\u00c3\u00bcnschte. Die andere H\u00c3\u00a4lfte war auf st\u00c3\u00a4dtisches Betreiben in einem runtergewirtschafteten Neubaublock in einem der dunkleren Stadtteile Magdeburgs untergebracht. Immerhin: mit denen durfte ich reden, die Stadt hatte nichts dagegen. Es ging den Fl\u00c3\u00bcchtlingen, den Umst\u00c3\u00a4nden entsprechend, gut.<br \/>\n1997 wiederholte ich das Thema in Leipzig. Die Fl\u00c3\u00bcchtlingsunterbringung der Stadt war eine Reihe Neubaublocks, gegen die das Heim in Magdeburg frisch und wohnlich wirkte, hinter gro\u00c3\u0178en Drahtz\u00c3\u00a4unen, an einer Autobahnzufahrt. Die Blocks steht immer noch, sind immer noch in Betrieb, in zwanzig Jahren wurde kaum ein Handschlag daran gemacht. Die sanit\u00c3\u00a4ren Zustande sind f\u00c3\u00bcrchterlich, die Bausubstanz schlicht kurz vor dem Zusammenbruch. Nur die Z\u00c3\u00a4une werden in Schu\u00c3\u0178 gehalten.<br \/>\nEs sind Erinnerungen, unweigerlich geweckt von der Lekt\u00c3\u00bcre von &#8222;Im Land der Fr\u00c3\u00bchaufsteher&#8220;. Zum Heim? &#8222;Da habenses aber noch ganz sch\u00c3\u00b6n weit&#8220;, sagt die alte Frau, nach dem Weg zur Fl\u00c3\u00bcchtlingsunterkunft gefragt. Eine Stunde mit dem Rad, und bergauf. Fl\u00c3\u00bcchtlinge wurden in Deutschland \u00c3\u00bcber Jahrzehnte am Stadtrand versteckt, nicht nur in Magdeburg und Leipzig. Paula Bulling schildert das in ihrer Comicreportage aus dem Hallenser Raum minuti\u00c3\u00b6s. Es ist eine eigene Welt, eine arme Welt, auf die sie in ihrer Recherche gesto\u00c3\u0178en ist: Essensgutscheine f\u00c3\u00bcr ein Minimalfr\u00c3\u00bchst\u00c3\u00bcck, selber gekocht wird auf den G\u00c3\u00a4ngen (wo es Steckdosen gibt). Kontakte zu Einheimischen sind schon deshalb rar, weil die Unterkunft, wo die Menschen in Mehrbettzimmern zusammengepfercht sind, ohne Busanbindung ganz weit draussen liegt. Die vielbeschworene Integration, sie wird bereits rein geografisch erschwert.<br \/>\nBulling hat mehrere Heime besucht, die alle wirken wie aus dem selben Baukasten f\u00c3\u00bcr Ostblock-Neubauten auf die Wiese geknallt. H\u00c3\u00a4ssliche Betonquadrate, alle die gleichen Fenster, alle die gleichen T\u00c3\u00bcren. (Die in Leipzig sehen auch so aus.) Wer das sieht, hat unweigerlich den Eindruck, die Fl\u00c3\u00bcchtlinge sollten das Leben f\u00c3\u00bchren, dem die Ostdeutschen selbst 1989 entkommen sind, in den sogenannten &#8222;Arbeiterschlie\u00c3\u0178f\u00c3\u00a4chern&#8220;, nur noch mehr auf weniger Raum.<br \/>\nWie ein Land mit seinen Fl\u00c3\u00bcchtlingen umgeht, sagt viel \u00c3\u00bcber das Land aus. Sachsen-Anhalt, Ostdeutschland allgemein, neigte dazu, seine Fl\u00c3\u00bcchtlinge am Rand der \u00c3\u00b6ffentlichen Wahrnehmung unterzubringen. Zumindest solange das noch m\u00c3\u00b6glich war (das ist es inzwischen nicht mehr). Die Fl\u00c3\u00bcchtlingskatastrophe ist in gewisser Hinsicht auch die Chance, die Fl\u00c3\u00bcchtlinge sichtbar zu machen.<br \/>\nSichtbarkeit ist das Ziel von Ville Tietav\u00c3\u00a4inens Semi-Comicreportage \u00c3\u00bcber Fl\u00c3\u00bcchtlinge. Der Titet deutet es bereits an. &#8222;Unsichtbare H\u00c3\u00a4nde&#8220;, f\u00c3\u00bcr das er mehrere Monate recherchiert, an dem er mehrere Jahre gearbeitet hat, ist keine Comicreportage, wie bei Bulling, aber so dicht auf, wie es nur geht. Die fiktive Figur des Rashid, der aus Marokko den illegalen \u00c3\u0153bergang nach Europa sucht, steht stellvertretend f\u00c3\u00bcr einen Teil der Fl\u00c3\u00bcchtlingskatastrophe, die in aktuellen Nachrichten kaum beleuchtet wird. Rashid landet am Ende seiner teuer bezahlten und lebensgef\u00c3\u00a4hrlichen Flucht \u00c3\u00bcber das Mittelmeer in den gewaltigen Gem\u00c3\u00bcseplantagen S\u00c3\u00bcdspaniens.<br \/>\nEs sind gewaltige Farmen, Tiet\u00c3\u00a4v\u00c3\u00a4inen l\u00c3\u00a4sst sie eine seiner Figuren &#8222;die vierte Welt&#8220; nennen, ein Staat im Staat f\u00c3\u00bcr den Anbau von Zucchini und Auberginen, in denen die rechtelosen Arbeiter f\u00c3\u00bcr einen Hungerlohn die gewaltigen Felder von Hand bearbeiten m\u00c3\u00bcssen, ungesch\u00c3\u00bctzt Pestizide ausfahren und in Wellblechh\u00c3\u00bctten eng gedr\u00c3\u00a4ngt hausen. Man darf diese Farmen nicht besuchen, sie sind nicht zuletzt aufgrund ihrer hermetischen Abriegelung gegen die Au\u00c3\u0178enwelt kaum Thema in den Medien. Es ist die Wiederkehr des Manchester-Kapitalismus: Rashids Kosten (f\u00c3\u00bcr Unterkunft und Essen) \u00c3\u00bcbersteigen stets die Einnahmen durch seine Arbeit, er steckt im unausbrechlichen Kreislauf aus Schulden und Tilgung. &#8222;Unsichtbar&#8220; heisst hier: von niemand gesehen, weil viel zu viele Menschen ein Interesse daran haben, dass diese modernen europ\u00c3\u00a4ischen Sklaven, die das billige Gem\u00c3\u00bcse f\u00c3\u00bcr die Superm\u00c3\u00a4rkte heranziehen, au\u00c3\u0178erhalb des Blickfelds bleiben.<br \/>\nTietav\u00c3\u00a4inen gibt zu, dass er seit den Recherchen f\u00c3\u00bcr dieses Buch kaum noch ohne Wut durch die Gem\u00c3\u00bcseabteilung eines Supermarktes gehen kann (im privaten Gespr\u00c3\u00a4ch mit dem Autor auf der Buchmesse). &#8222;Unsichtbare H\u00c3\u00a4nde&#8220;, entstanden 2011, ist ein Buch, das den Traum von Europa ausr\u00c3\u00a4umt. Rashid scheitert an Europas Au\u00c3\u0178engestaden, wo nicht das Milit\u00c3\u00a4r, sondern der Kapitalismus einen undurchdringlichen Wall errichtet hat.<br \/>\nUnd es geht noch schlimmer. 2013 hat Reinhard Kleist ein ARTE-Team in den Nordirak begleitet, in das Fl\u00c3\u00bcchtlingslager Kawergosk. Schon in seinem Reisetagebuch &#8222;Havanna&#8220; hat sich Kleist als f\u00c3\u00a4higer und schneller Beobachter der Lebensrealit\u00c3\u00a4t erwiesen. Die Kawergosk-Reportage, die afgrund des geringen Umfangs lediglich in einem Gratis-Comic-Tag-Heft gedruckt vorliegt, erweist ihn auch unter den weitaus schwierigeren Bedingungen des Fl\u00c3\u00bcchtlingscamps als versierten Schilderer. Wobei er sich gar nicht m\u00c3\u00bcht, Distanz zu wahren: &#8222;Ich muss mit den Tr\u00c3\u00a4nen k\u00c3\u00a4mpfen&#8220;, schreibt er angesichts der Schilderung der Schicksale von Fl\u00c3\u00bcchtlingskindern.<br \/>\nVor allem aber schildert er in wenigen Worten und Bildern die Lagerrealit\u00c3\u00a4t. Ein Alptraum im Vergleich zum sachsen-anhaltinischen Mief: Zelte, die kaum gegen die K\u00c3\u00a4lte sch\u00c3\u00bctzen, kn\u00c3\u00b6cheltiefer Schlamm bei Regen, Regendrainagen in den Zelten, damit es nicht die Zelte wegsp\u00c3\u00bclt, hoch brandgef\u00c3\u00a4hrliche Koch- und Heizstellen. Zum Zeitpunkt des Verfassens dieser Zeilen leben mehr als 10.000 Fl\u00c3\u00bcchtlinge in Kawergosk.<br \/>\nMan kann annehmen, dass auch dieses Erlebnis Kleist in seiner Recherche und Umsetzung der Fluchtgeschichte von Samia Yusuf Omar befeuert hat. 2008 hatte die Somalierin bei den Olympischen Spielen als Sprinterin f\u00c3\u00bcr ihr Land teilgenommen &#8211; das selbe Jahr, in dem es zu langanhaltenden K\u00c3\u00a4mpfen um Mogadischu kam, Hauptstadt des Landes und Omars Heimatstadt. 2011 verliess Omar Somalia nach \u00c3\u201ethiopien, um dem vor allem gegen Frauen zunehmend repressiveren Regime zu entgehen.<br \/>\nKleist hat dem Buch von der Geschichte von der Flucht Omars &#8211; die letztlich 2012 im Mittelmeer ertrank &#8211; eine Karte ihres Wegs vorangestellt. Es ist eine f\u00c3\u00bcr westliche Verh\u00c3\u00a4ltnisse beinahe kurze Strecke, kaum 8.000 Kilometer: k\u00c3\u00bcrzer als die Urlaubsstrecke vieler deutscher Touristen. F\u00c3\u00bcr Omar ist es ein tragischer, ein ersch\u00c3\u00b6pfender Weg, durch Lybien und den Sudan, bis in die H\u00c3\u00a4nde von Mittelmeerschleppern.<br \/>\nKleist zeigt das andere Ende des Fl\u00c3\u00bcchtlingsschicksals von Bullings Sachsen-Anhalt-Reportage. Es lohnt, diese beiden und Tiet\u00c3\u00a4v\u00c3\u00a4inens Buch in der &#8222;richtigen&#8220; Reihenfolge zu lesen, als Darstellung der Fl\u00c3\u00bcchtlingsschicksale, von denen die wenigsten in Deutschland enden, die meisten in Nordafrika und an den europ\u00c3\u00a4ischen Au\u00c3\u0178engrenzen. Sie setzen, auf bittere, emotional mitunter kaum ertr\u00c3\u00a4gliche Weise, die Relationen grade in einer Fl\u00c3\u00bcchtlingsdebatte, die viel zu oft aus rein europ\u00c3\u00a4ischer Perspektive gef\u00c3\u00bchrt wird.<\/p>\n<p><em>Reinhard Kleist: Der traum von Olympia, Carlsen Comics, 152 S.; \u00e2\u201a\u00ac 17,90<br \/>\nReinhard Kleist: Kawergosk &#8211; 5 Sterne, in Reinhard Kleist: Backstage, Carlsen Comics, Gratis Comic Tag 2015<br \/>\nVille Tiet\u00c3\u00a4v\u00c3\u00a4inen: Unsichtbare H\u00c3\u00a4nde, Avant, 216 S.; \u00e2\u201a\u00ac 34,95<br \/>\nPaula Bulling (mit Hilfe von Noel Kabor\u00c3\u00a9): Im Land der Fr\u00c3\u00bchaufsteher, Avant, 125 S.; \u00e2\u201a\u00ac 17,95<\/em><\/p>\n<p><strong>Entstanden im September 2015 f\u00c3\u00bcr COMIX, ver\u00c3\u00b6ffentlicht ebd.<\/strong><\/p>\n<p class=\"wp-flattr-button\"><a class=\"FlattrButton\" style=\"display:none;\" href=\"https:\/\/www.pannor.de\/?p=2483\" title=\" Unsichtbare Wege\" rev=\"flattr;uid:LNMUHR;language:de_DE;category:text;tags:Paula Bulling,Reinhard Kleist,Ville Tiet\u00c3\u00a4v\u00c3\u00a4inen,blog;button:compact;\">Vier Comics besch\u00c3\u00a4ftigen sich mit Fl\u00c3\u00bcchtlingsschicksalen &#8211; und erz\u00c3\u00a4hlen die Geschichte eines unglaublichen Wegs.<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vier Comics besch\u00c3\u00a4ftigen sich mit Fl\u00c3\u00bcchtlingsschicksalen &#8211; und erz\u00c3\u00a4hlen die Geschichte eines unglaublichen Wegs. 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