{"id":2636,"date":"2017-12-01T13:15:02","date_gmt":"2017-12-01T12:15:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pannor.de\/?p=2636"},"modified":"2017-12-01T13:15:02","modified_gmt":"2017-12-01T12:15:02","slug":"ddr-comic-mosaik-ein-ordner-voll-kamele-langfassung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pannor.de\/?p=2636","title":{"rendered":"DDR-Comic \u00e2\u20ac\u017eMosaik\u00e2\u20ac\u0153: Ein Ordner voll Kamele (Langfassung)"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"twitterbutton\" style=\"display: block; text-align: left;\"><a href=\"http:\/\/twitter.com\/share\" class=\"twitter-share-button\" data-count=\"horizontal\" data-text=\"DDR-Comic \u00e2\u20ac\u017eMosaik\u00e2\u20ac\u0153: Ein Ordner voll Kamele (Langfassung)\" data-via=\"\" data-url=\"https:\/\/www.pannor.de\/?p=2636\" data-lang=\"en\" data-related=\"DolcePixel:We make beautiful and sweet WordPress Themes\"><\/a><\/div><p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.pannor.de\/i\/digedags.jpg\" alt=\"Digedags, MOSAIK, Hannes Hegen\" \/><strong>Es war ein bisschen Widerstand in der DDR: der Abeneteuercomic \u00e2\u20ac\u017eMosaik\u00e2\u20ac\u0153 konnte \u00c3\u00bcber Jahrzehnte staatlichen Zensurbeh\u00c3\u00b6rden widerstehen. Eine Ausstellung in Leipzig widmet sich dem Ausnahme-Comic und zeigt ihn erstmals in voller Pracht.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Es steckt etwas von \u00e2\u20ac\u017eAsterix\u00e2\u20ac\u0153 in dieser Geschichte. Wie die ganze Kultur der DDR staatlich gleichgeschaltet ist und es nur einem kleinen Heft gelang, sich gegen Vereinnahmungsversuche durch die Obrigkeit zu wehren.<\/p>\n<p>Dieses Heft war das \u00e2\u20ac\u017eMosaik\u00e2\u20ac\u0153, das ab 1955 in Ostberlin erschien (und nach verschiedenen Transformationen bis heute erscheint). Zwar war das schmale Heftchen nicht die einzige regelm\u00c3\u00a4ssige Comicpublikation des ostdeutschen Staats. Aber es war mit Abstand die erfolgreichste. Bis zu 660.000 Hefte monatlich wurden verkauft. Dass es nicht noch mehr waren, lag oft genug an realsozialistischer Papierknappheit, nicht an mangelnder Kundschaft &#8211; die Comics waren gesuchte Rarit\u00c3\u00a4ten, sogenannte \u00e2\u20ac\u017eB\u00c3\u00bcckware\u00e2\u20ac\u0153.<\/p>\n<p>Denn die von einem Gestalterteam entwickelten Geschichten spielten in Rom, Venedig, Paris und vielen weiteren Orten, die der realsozialistische B\u00c3\u00bcrger nicht zu sehen hoffen durfte. Zwar nicht in der Gegenwart, sondern in historischen Phasen wie dem zerfallenden r\u00c3\u00b6mischen Reich oder im nordamerikanischen B\u00c3\u00bcrgerkrieg. Trotzdem waren die erstmals 1955 erschienen Hefte im eingemauerten Arbeiter- und Bauernstaat im Wortsinne eine \u00e2\u20ac\u017eFluchtlekt\u00c3\u00bcre\u00e2\u20ac\u0153, die mehrere Generationen von Lesern gepr\u00c3\u00a4gt hat.<\/p>\n<p>Das allein w\u00c3\u00a4re Grund, der Reihe eine Ausstellung zu widmen. Tats\u00c3\u00a4chlich gab es bereits mehrere davon, die erste 1990 in Leipzig. Aber keine konnte so aus dem Vollen sch\u00c3\u00b6pfen wie die etwas bieder \u00e2\u20ac\u017eDig, Dag und Digedag &#8211; DDR-Comic &#8218;Mosaik&#8217;\u00e2\u20ac\u0153 benannte Schau im Zeitgen\u00c3\u00b6ssischen Forum Leipzig, die jetzt er\u00c3\u00b6ffnet hat. <\/p>\n<p>Sie widmet sich der vermutlich zentralen Phase im Bestehen des Comics, den Jahren 1955 &#8211; 1975. In diesen Jahren war Johannes Hegenbarth alias Hannes Hegen, der die Serie auch kreiert hat, k\u00c3\u00bcnstlerischer Leiter des Heftes. Die damals erschienen langen Abenteuercomics, die sich oft \u00c3\u00bcber sechzig und mehr Hefte erstreckten, gelten als kreativer H\u00c3\u00b6hepunkt der Serie.<\/p>\n<p>Zwei Gl\u00c3\u00bccksf\u00c3\u00a4lle kommen hier zusammen. Zum einen, dass Hannes Hegen ab 1947 in Leipzig studiert hat. Zum anderen, dass er aus seiner T\u00c3\u00a4tigkeit als Gestalter, Zeichner und Comicmacher beinahe alles aufgehoben hat. Es ist so ein gewaltiges Archiv aus 35.000 Einzelobjekten zusammengekommen, das Hegen aus Verbundenheit zu Leipzig dem Zeitgen\u00c3\u00b6ssischen Forum vor einigen Jahren vermacht hat.<\/p>\n<p>Aus diesem Archiv speist sich die Ausstellung. Es beinhaltet nicht nur Comicseiten und originale Zeichnungen, wie sie sonst in Comicausstellungen zu sehen sind. Sondern auch Vertr\u00c3\u00a4ge, Entw\u00c3\u00bcrfe, Konzeptpapiere, Fotos und plastische Ausarbeitungen von Figuren und Handlungsorten, die gestaltet wurden, damit die verschiedenen Zeichner des Heftes auf einheitliche visuelle Vorlagen zur\u00c3\u00bcckgreifen konnten.<\/p>\n<p>Es ist damit nichts weniger als eine Ausstellung dar\u00c3\u00bcber, wie ein Comic entsteht, und dar\u00c3\u00bcber, wie spezifisch das \u00e2\u20ac\u017eMosaik\u00e2\u20ac\u0153 als kleinkapitalistische Insel im realsozialistischen Arbeiter- und Bauernstaat entstehen konnte. <\/p>\n<p>Denn kapitalistisch, also unternehmerisch gedacht, war das Heft von Anfang an. Gezeigte Vertr\u00c3\u00a4ge belegen, dass Hegen pro Heft ein Honorar von 25.000 Mark erhielt &#8211; in einem Land, in dem reale L\u00c3\u00b6hne im unteren dreistelligen Bereich lagen.<\/p>\n<p>Ebenso sorgte Hegen daf\u00c3\u00bcr, dass sein Name auf dem Titelblatt jeder Ausgabe stand. Damit etablierte er sich als Marke, \u00c3\u00a4hnlich wie Walt Disney oder Rolf Kauka mit seinen \u00e2\u20ac\u017eFix &#038; Foxi\u00e2\u20ac\u0153-Comics.<br \/>\nGenau wie bei diesen waren Hegens Comics tats\u00c3\u00a4chlich aber Ergebnisse von Teamarbeit. Hegen verstand es fr\u00c3\u00bchzeitig, eine Vielzahl talentierter Mitarbeiter &#8211; Zeichner, Autoren, Redakteure &#8211; an sich zu binden, die das Heft arbeitsteilig im Monatsrythmus erstellten. <\/p>\n<p>Diese Studioarbeit erinnert nicht zuf\u00c3\u00a4llig an Herg\u00c3\u00a9. Der Sch\u00c3\u00b6pfer von \u00e2\u20ac\u017eTim &#038; Struppi\u00e2\u20ac\u0153 hatte nach dem Krieg in Belgien sein \u00e2\u20ac\u017eStudio Herg\u00c3\u00a9\u00e2\u20ac\u0153 er\u00c3\u00b6ffnet, in dem er vor allem als k\u00c3\u00bcnstlerischer Leiter fungierte, w\u00c3\u00a4hrend die Comics weitgehend von seinen Mitarbeitern gestaltet wurden.<\/p>\n<p>Objekte der Ausstellung belegen, dass die geistige Verwandtschaft beider Zeichner noch viel tiefer ging. Genau wie Herg\u00c3\u00a9 legte auch Hegen ein gewaltiges Archiv an Bild- und Textvorlagen an, nach denen seine Mitarbeiter die historischen Epochen so originalgetreu wie m\u00c3\u00b6glich rekonstruieren sollten. Das waren gro\u00c3\u0178formatige Kladden mit Bildern zum alten Rom, zu Indianern, zu Urwaldpflanzen. Ein ganzer Ordner widmet sich allein Kamelen.<\/p>\n<p>Nicht nur einzelne Bilder, ganze B\u00c3\u00bccher wurden aufbewahrt. Aus der obskuren PR-Brosch\u00c3\u00bcre \u00e2\u20ac\u017eIm Kraftfeld von R\u00c3\u00bcsselsheim\u00e2\u20ac\u0153 wurde das Titelbild zum \u00e2\u20ac\u017eMosaik\u00e2\u20ac\u0153-Heft \u00e2\u20ac\u017eGeheimsache Digedanium\u00e2\u20ac\u0153. Heimlich hat Hegen im Kino ganze Filme abfotografiert, um grafische Vorlagen f\u00c3\u00bcr Schaupl\u00c3\u00a4tze und Details zu beschaffen.<\/p>\n<p>Was von aussen skurril wirkt, sorgte letztlich f\u00c3\u00bcr die hohe grafische Qualit\u00c3\u00a4t des Heftes. Die l\u00c3\u00a4sst sich &#8211; und das ist letztlich die ganz gro\u00c3\u0178e Leistung dieser Schau &#8211; erstmals in Leipzig wirklich realistisch anhand einer Vielzahl Originalseiten einsch\u00c3\u00a4tzen. <\/p>\n<p>Denn was in der DDR als \u00e2\u20ac\u017eMosaik\u00e2\u20ac\u0153 gedruckt wurde, war oft von minderer Qualit\u00c3\u00a4t, verkleinert und auf billigem Papier. Die gezeigten Seiten aber, vor allem die schwarz-weissen ohne zus\u00c3\u00a4tzlichen Farbauftrag, zeigen die Versiertheit und Liebe zum Detail von Hegens Studiomitarbeitern. Vieles sieht selbst der Kenner der urspr\u00c3\u00bcnglichen Hefte hier zum ersten Mal. Viele Schraffuren, Schatten oder Details im Bildhintergrund, die in der schlechten Reproduktion ersoffen.<\/p>\n<p>Hegen selbst war die Mangelhaftigkeit der Reproduktion bewusst. Schriftst\u00c3\u00bccke belegen, dass er um ein gr\u00c3\u00b6\u00c3\u0178eres Format des Heftes k\u00c3\u00a4mpfte. Ganz offen bezieht er sich in einem Schreiben von 1964 auf das frankobelgische Magazin \u00e2\u20ac\u017eTintin\u00e2\u20ac\u0153 (publizistische Heimat von \u00e2\u20ac\u017eTim &#038; Struppi\u00e2\u20ac\u0153) als Vorbild. Das gro\u00c3\u0178e Albenformat war sein Ziel. Die \u00e2\u20ac\u017eMosaik\u00e2\u20ac\u0153-Geschichten nennt er nicht Comics, sondern \u00e2\u20ac\u017eBildromane\u00e2\u20ac\u0153, damit den mehr als ein Jahrzehnt sp\u00c3\u00a4ter in den USA gepr\u00c3\u00a4gten Begriff der \u00e2\u20ac\u017eGraphic Novel\u00e2\u20ac\u0153 antizipierend.<\/p>\n<p>Es ist nicht so, dass darum jetzt die Comicgeschichte darum neu geschrieben werden muss. Dies sind Preziosen am Rande der Ausstellung, die zu entdecken sich lohnt. Aber die Schau als ganzes \u00c3\u00b6ffnet die Augen f\u00c3\u00bcr das extrem hohe Niveau, auf dem in Hegens Studio Comics gemacht wurden &#8211; mitten in einem Land, dessen Regierung Comics eher ablehnte. <\/p>\n<p>Auch diese fortdauernden Anfeindungen dokumentiert die Ausstellung. Ein andauerndes Ringen Hegens mit den Zensurorganen, die letztlich 1975 zum Bruch f\u00c3\u00bchrten und zur Quasi-Enteignung von seiner Sch\u00c3\u00b6pfung. Seine Studiomitarbeiter, zuvor schon f\u00c3\u00bcr den gr\u00c3\u00b6\u00c3\u0178ten Teil des Heftes kreativ verantwortlich, f\u00c3\u00bchrtem die Serie mit anderen Hauptfiguren, aber selbem Namen fort.<\/p>\n<p>Hegen dagegen verstrickte sich in eine Vielzahl letztlich erfolgloser Urheberrechtsprozesse. Als K\u00c3\u00bcnstler ist er seitdem praktisch vollst\u00c3\u00a4ndig verstummt. Anders als bei \u00e2\u20ac\u017eAsterix\u00e2\u20ac\u0153 endet die Geschichte hier nicht mit einem Sieg.<\/p>\n<p><strong>Langfassung eines Artikels f\u00c3\u00bcr <a href=\"https:\/\/www.pannor.de\/?p=1000\">SPIEGEL-Online<\/a>. In dieser Version ver\u00c3\u00b6ffentlicht in COMIXENE.<\/strong><\/p>\n<p>Auch interessant:<\/p>\n<li><a href=\"https:\/\/www.pannor.de\/?p=771\">Comics, ganz ohne Blasen. Zur Neuedition von \u00e2\u20ac\u017ePetzi\u00e2\u20ac\u0153 &#038; \u00e2\u20ac\u017eFix und Fax\u00e2\u20ac\u0153.<\/a><\/li>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/3c15575f1ad4424eba0ef4214168f3ad\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n<p class=\"wp-flattr-button\"><a class=\"FlattrButton\" style=\"display:none;\" href=\"https:\/\/www.pannor.de\/?p=2636\" title=\" DDR-Comic \u00e2\u20ac\u017eMosaik\u00e2\u20ac\u0153: Ein Ordner voll Kamele (Langfassung)\" rev=\"flattr;uid:LNMUHR;language:de_DE;category:text;tags:Abrafaxe,Abrax,Brabax,Califax,Dag,Dig,Digedag,Digedags,Hannes Hegen,Leibzig,Mosaik,SPIEGEL-Online,SPON,blog;button:compact;\">Es war ein bisschen Widerstand in der DDR: der Abeneteuercomic \u00e2\u20ac\u017eMosaik\u00e2\u20ac\u0153 konnte \u00c3\u00bcber Jahrzehnte staatlichen Zensurbeh\u00c3\u00b6rden widerstehen. 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