{"id":416,"date":"2010-03-06T15:47:24","date_gmt":"2010-03-06T14:47:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pannor.de\/?p=416"},"modified":"2010-03-06T15:47:24","modified_gmt":"2010-03-06T14:47:24","slug":"war-sonst-noch-was-weissblech-und-ein-wenig-epidermophytie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pannor.de\/?p=416","title":{"rendered":"War sonst noch was? &#8211; Weissblech (und ein wenig Epidermophytie)"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"twitterbutton\" style=\"display: block; text-align: left;\"><a href=\"http:\/\/twitter.com\/share\" class=\"twitter-share-button\" data-count=\"horizontal\" data-text=\"War sonst noch was? &#8211; Weissblech (und ein wenig Epidermophytie)\" data-via=\"\" data-url=\"https:\/\/www.pannor.de\/?p=416\" data-lang=\"en\" data-related=\"DolcePixel:We make beautiful and sweet WordPress Themes\"><\/a><\/div><p><img decoding=\"async\" src=\"\/i\/Koma16.jpg\" \/>Es ist nicht gut, auf zu vielen Hochzeiten zu tanzen, jedenfalls nicht in der \u00c3\u00b6ffentlichen Wahrnehmung. Das Publikum wei\u00c3\u0178 dann offenbar nicht, in welche Schublade es den T\u00c3\u00a4nzer stecken soll.<\/p>\n<p>Vielleicht ist das der Grund, weshalb Levin Kurio noch nicht die Meriten f\u00c3\u00bcr seine Verdienste um die deutsche Comiclandschaft erhalten hat, die er verdient.<\/p>\n<p>Levin Kurio steht immer ein wenig au\u00c3\u0178en vor, und das nicht nur, weil sein Verlag, Weissblech Comics, in Raisdorf sitzt, einem Kaff in Schleswig-Holstein, das ohne Google-Maps vermutlich v\u00c3\u00b6llig von der Welt vergessen w\u00c3\u00a4re. Wer macht denn schon Comics in der Provinz? Richtige deutsche Comics kommen aus Hamburg oder Berlin, zur Not auch aus Stuttgart oder K\u00c3\u00b6ln, und wenn sie mal aus Bielefeld kommen, dann ist das schon ein mittleres Wunder.<\/p>\n<p>Aber Kurios Comics sind holsteinischer Provinz-Provenienz, und sie w\u00c3\u00a4ren nicht halb so gut, wenn sie woanders her w\u00c3\u00a4ren. Sicher wei\u00c3\u0178 Kurio das besser als ich, aber ich wage zu behaupten: ohne diese Abgeschnittenheit von den Trends der Comicszene h\u00c3\u00a4tte das Talent des Erz\u00c3\u00a4hlers, s\u00c3\u00a4mtliche Genreregeln und vor allem die von Publikum und Fachhandel so beliebten Genregrenzen ignorierend, niemals in der Form aufbl\u00c3\u00bchen k\u00c3\u00b6nnen. Grade Kurios Fr\u00c3\u00bchwerke, ver\u00c3\u00b6ffentlicht unter dem vielsagenden Titel <em>Koma Comix<\/em>, k\u00c3\u00bcmmern sich einen Schei\u00c3\u0178dreck um die Erwartungshaltung des Lesers. Und das ist gut so.<!--more--><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"\/i\/Koma22.jpg\" \/>Da geht es um das, was einem in der H\u00c3\u00b6lle des Landlebens so bleibt: saufen, kiffen und keine Frauen abkriegen. Die Zeichnungen waren mit &#8222;krude&#8220; noch h\u00c3\u00b6flich umschrieben, und die Cover mit Bunstiften delir\u00c3\u00b6s koloriert. Aber ziemlich oft, wenn auch nicht immer waren diese Geschichten autobiographisch, und mindestens deshalb sind sie erw\u00c3\u00a4hnenswert. W\u00c3\u00a4hrend die autobiographischen Comics sp\u00c3\u00a4testens seit Crumb und Pekar, und damit seit den Siebzigerjahren, in den Vereinigten Staaten zum etablierten Genre der Comics geh\u00c3\u00b6rten, stellten sie in Deutschland in den fr\u00c3\u00bchen Neunzigerjahren immer noch ein Novum dar.<\/p>\n<p>Kannte Kurio diese Comics? Seine Episoden gingen jedenfalls in die Vollen. Kurio hatte wenig Hemmungen, seine Obsessionen und Mi\u00c3\u0178geschicke auszubreiten, sich in mal mehr, mal weniger realen Geschichten als langhaariges Metal-Landei zu inszenieren. Das war in seinen besten Momenten komisch, tragisch, und zum Fremdsch\u00c3\u00a4men sch\u00c3\u00b6n, radikal wie Crumb, und doch tief verwurzelt in der deutschen Gegenwart, so weit weg von <em>Werner<\/em>, wie man zu der Zeit in Norddeutschland nur sein konnte.<\/p>\n<p>Zwischen seine Erinnerungen an die uns\u00c3\u00bc\u00c3\u0178e Nichtigkeit des Landdaseins streute Kurio krude Fantasien \u00c3\u00bcber Aliens und Monster, gerne auch mal solche mit dicken Titten. Was man sich als Teenager eben so ausdenkt. Die Hefte vertickte er dann pers\u00c3\u00b6nlich in der Umgebung, sp\u00c3\u00a4ter \u00c3\u00bcber Kiffer- und Comicvertriebe. Insgesamt erschienen 23 Hefte.<\/p>\n<p>Und damit k\u00c3\u00b6nnte die Geschichte eigentlich erz\u00c3\u00a4hlt sein. Wie ein immer dicker werdender Junge vom Land den autobiographischen Comic mit nach Deutschland brachte und daf\u00c3\u00bcr keine Lorbeeren einheimste. Aber damit h\u00c3\u00b6rte es nicht auf.<\/p>\n<p>Nach dem Ende der <em>Koma Comix<\/em> kamen die Weltbesten Comics. Die waren zwar nicht autobiographisch, trugen daf\u00c3\u00bcr aber Titel wie <em>Horror aus der Porno-Gruft<\/em> und <em>Affengeile Dschungelluder<\/em>, und es war nie ganz klar, inwieweit weit sie Parodie waren, weit veritable Hommagen an den Comic- und Popkulturtrash der letzten dreissig Jahre oder simples Ausleben der Obsessionen von Kurio. Das war das aufsehenerregende &#8211; wie schon in <em>Koma Comix <\/em>scherte sich Kurio nicht um Erwartungshaltungen m\u00c3\u00b6glicher Leser. Die Episoden waren mal brillant, mal unwahrscheinlich flach, gleicherma\u00c3\u0178en voller gro\u00c3\u0178artiger Gags und abgedroschener Pointen.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"\/i\/Horrorschocker19.jpg\" \/>Zudem ebneten die <em>Weltbesten Comics<\/em> den Weg f\u00c3\u00bcr das, was heute wohl das Kerngesch\u00c3\u00a4ft von Kurio und Weissblech ist: Horrorgeschichten. Unter dem Hefttitel <em>Horrorschocker<\/em> erscheint seit 2004 die inzwischen fast langlebigste und umfangreichste Comicreihe Kurios. (Bis dato 21 oder so Hefte, jeweils 32 S. f\u00c3\u00bcr 3,90 EUR, dazu drei Sonderausgaben.)<\/p>\n<p>Im Vergleich zu <em>Koma Comix<\/em> sind diese Episoden um Zombies, Vampire, Tentakelmonster und Pharaonenfl\u00c3\u00bcche konventionell. Und ein wenig vermisse ich zumindest manchmal die bierselige Unbek\u00c3\u00bcmmertheit der fr\u00c3\u00bchen Tage in diesen Geschichten, die eben doch vorrangig auf eine klare Pointe und ein wenig gepflegten Grusel hin konzipiert sind, im Gegensatz zu den h\u00c3\u00a4ufig improvisiert wirkenden und gerade darum so authentisch wirkenden fr\u00c3\u00bchen Geschichten.<\/p>\n<p>Aber andererseits mu\u00c3\u0178 man eben doch festhalten, dass sich Kurio mit dieser Serie als einer der verl\u00c3\u00a4sslichsten Comicerz\u00c3\u00a4hler Deutschlands etabliert hat: nahezu alle Geschichten sind von ihm geschrieben und fast ebenso viele von ihm gezeichnet. Und wenn Kurio, um das Heft vollzukriegen, freim\u00c3\u00bctig Literatur und Sagenschatz pl\u00c3\u00bcndert, dann ist darin eben doch der unbek\u00c3\u00bcmmerte Koma-Kurio von fr\u00c3\u00bcher wieder zu erkennen.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"\/i\/Schrecken1.jpg\" \/>Nat\u00c3\u00bcrlich hat dieses Prinzip seine Grenzen. <em>Welten des Schreckens<\/em> hei\u00c3\u0178t Kurios neuestes Produkt (68 S:; 8,50 EUR), eine Science-Fiction- und Fantasy-Variante zu den <em>Horrorschocker<\/em>n soll es sein &#8211; ist es aber nicht. Kernst\u00c3\u00bcck der ersten Ausgabe ist eine viel zu lange Episode um Kala, die blonde Amazonin, die schon in einigen Ausgaben der Weltbesten Comics auftauchte, die eher belanglose Astronauten-Geschichte &#8222;Xydoon spricht&#8220; und schlie\u00c3\u0178lich eine Episode um den Haudrauf-F\u00c3\u00b6rster Argstein von Josef Rother und Eckart Breitschuh &#8211; die wunderbare Serie um Gruselgestalten aus deutschen W\u00c3\u00a4ldern war zuvor viel zu unbeachtet bei der Ehapa Comic Collection erschienen.<\/p>\n<p>Dem Genre nach nur bedingt, inhaltlich kaum lassen sich diese <em>Welten des Schreckens<\/em> von den <em>Horrorschocker<\/em>n unterscheiden. St\u00c3\u00b6\u00c3\u0178t hier das &#8222;Prinzip Kurio&#8220; an seine Grenzen, mit der unvermeidbaren Redundanz nach zehn Jahren permanenten Abbaus in den Minen des Horrorgenre?<\/p>\n<p>Hier bleibt abzuwarten, was aus beiden Reihen, vor allem aber nat\u00c3\u00bcrlich was aus Levin Kurio in den n\u00c3\u00a4chsten Jahren noch wird.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"\/i\/Epi15.jpg\" \/>Zu vermelden ist immerhin eine ebenso erstaunliche wie wunderbare und eben l\u00c3\u00a4ngst \u00c3\u00bcberf\u00c3\u00a4llige Hommage. Die #15 des Berliner Fanzines <em>Epidermophyti<\/em>e ist vollumf\u00c3\u00a4nglich eine Hommage an den fr\u00c3\u00bchen Kurio, an Koma Comix, an holsteinisches Landleben. Das Heft (diese Ausgabe: 88 Seiten, 5,00 EUR), sowieso schon seit langem eines der kreativsten und unterhaltsamsten der deutschen Fanszene, enth\u00c3\u00a4lt neben obskuren Erinnerungen an bizarre Unternehmungen mit Kurio sowie einem langen, bizarren Interview mit dem Verleger und Zeichner auch auch neue autobiographische Koma-Episoden, die alles sind, nur nicht autobiographisch.<\/p>\n<p>Beteiligt sind hier neben den <em>Epi<\/em>-Machern (nein, sorry, ich verknote mir nicht noch mal die Finger mit dem Schreiben des Titels) immerhin Mawil, Eckart Breitschuh und Schwarwel sowie diverse mehr. Ein wunderbares, \u00c3\u00bcberlanges, sehr sehr unterhaltsames Heft, zu dem mir der Allgemeinplatz gestattet sei, das es eine der besten und unverzichtbarsten Independent-Ver\u00c3\u00b6ffentlichungen des vergangen Jahres ist.<\/p>\n<p>Wer Weissblech-Comics nicht im Shop um die Ecke findet, kann sie <a href=\"http:\/\/weissblechcomics.com\/\">z.B. beim Verlag direkt bestellen<\/a>. Dort bekommt man auch die <em>Epi<\/em>-Hommage-Ausgabe, die anderenfalls auch <a href=\"http:\/\/www.epidermophytie.de\/\">direkt bei den Machern erh\u00c3\u00a4ltlich ist<\/a>.<\/p>\n<p class=\"wp-flattr-button\"><a class=\"FlattrButton\" style=\"display:none;\" href=\"https:\/\/www.pannor.de\/?p=416\" title=\" War sonst noch was? &#8211; Weissblech (und ein wenig Epidermophytie)\" rev=\"flattr;uid:LNMUHR;language:de_DE;category:text;tags:blog;button:compact;\">Es ist nicht gut, auf zu vielen Hochzeiten zu tanzen, jedenfalls nicht in der \u00c3\u00b6ffentlichen Wahrnehmung. Das Publikum wei\u00c3\u0178 dann offenbar nicht, in welche Schublade es den T\u00c3\u00a4nzer stecken soll....<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist nicht gut, auf zu vielen Hochzeiten zu tanzen, jedenfalls nicht in der \u00c3\u00b6ffentlichen Wahrnehmung. Das Publikum wei\u00c3\u0178 dann offenbar nicht, in welche Schublade es den T\u00c3\u00a4nzer stecken soll. 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