{"id":432,"date":"2010-04-30T16:00:01","date_gmt":"2010-04-30T15:00:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pannor.de\/?p=432"},"modified":"2010-04-30T18:09:18","modified_gmt":"2010-04-30T17:09:18","slug":"spiegelde-siff-suff-und-selbstauflosung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pannor.de\/?p=432","title":{"rendered":"SPIEGEL.de: Siff, Suff und Selbstaufl\u00c3\u00b6sung"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"twitterbutton\" style=\"display: block; text-align: left;\"><a href=\"http:\/\/twitter.com\/share\" class=\"twitter-share-button\" data-count=\"horizontal\" data-text=\"SPIEGEL.de: Siff, Suff und Selbstaufl\u00c3\u00b6sung\" data-via=\"\" data-url=\"https:\/\/www.pannor.de\/?p=432\" data-lang=\"en\" data-related=\"DolcePixel:We make beautiful and sweet WordPress Themes\"><\/a><\/div><blockquote><p>Zwischen Sifferpunk und Selbstaufl\u00c3\u00b6sung &#8211; drei Graphic Novels beleuchten, was vom Punk \u00c3\u00bcbrig blieb im Jahr Null nach Malcolm McLaren.<\/p>\n<p><strong>+++ Punk-Comics<br \/>\nSiff, Suff und Selbstaufl\u00c3\u00b6sung +++<\/strong><\/p>\n<p>von Stefan Pannor<\/p>\n<p>\u00e2\u20ac\u017ePunkrock\u00e2\u20ac\u0153, hat Joe Strummer angeblich einmal gesagt, \u00e2\u20ac\u017esoll unsere Freiheit sein. Wir sollen tun k\u00c3\u00b6nnen, was wir wollen.\u00e2\u20ac\u0153<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"\/i\/LetzteTag2.jpg\" alt=\"Ulli Lust - Heute ist der letzte Tag ...\" \/>Im Jahr 1984 steht die siebzehnj\u00c3\u00a4hrige Ulli in Rom. Ulli ist Punk, und sie kann nicht tun, was sie will. In der Stadt spielen The Clash, Strummers Band, und das Konzertgel\u00c3\u00a4nde ist durch einen gewaltigen Zaun und Security abgeriegelt. Mit der Hilfe von ein paar Freunden schafft es das v\u00c3\u00b6llig abgebrannte M\u00c3\u00a4dchen doch noch aufs Gel\u00c3\u00a4nde. \u00e2\u20ac\u017eWir waren angekommen im Paradies\u00e2\u20ac\u0153 beschreibt sie den Moment, als die Band \u00e2\u20ac\u017eLondon Calling\u00e2\u20ac\u0153 anstimmt.<\/p>\n<p>Inzwischen lebt die geb\u00c3\u00bcrtige Wienerin in Berlin, als Designerin und Comiczeichnerin. Ihre Graphic Novel \u00e2\u20ac\u017eHeute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens\u00e2\u20ac\u0153 erz\u00c3\u00a4hlt davon, wie sie und ihre Freundin nach Italien ausb\u00c3\u00bcchsten, minderj\u00c3\u00a4hrig, illegal \u00c3\u00bcber die (damals noch existierende) Grenze und bis hinunter nach Sizilien.<\/p>\n<p>Es ist eine von drei aktuellen Graphic Novels, die sich mit der Punkszene auseinander setzen. Von allen drei B\u00c3\u00bcchern ist der umfangreiche Comicroman von Ulli Lust der ehrlichste, versierteste und wohl auch der darin schonungsloseste.<\/p>\n<p>Auf 460 Seiten schildert Lust ihren pers\u00c3\u00b6nlichen Abstieg: Prostitution, Vergewaltigung, Hunger, Drogen und die<!--more--> Mafia bestimmen ihren Weg. Lusts Erinnerungen sind erschreckend detailgetreu und zum Teil mit Originaldokumenten belegt. \u00e2\u20ac\u017eIch habe irgendwann mit 14 geglaubt, ich erlebe etwas, mit 15 habe ich mich schon erfahrener gef\u00c3\u00bchlt als die anderen, mit 16 habe ich schon mehr erlebt, als manche mit 40, jetzt bin ich 17 und habe Zahnweh\u00e2\u20ac\u0153, zitiert die K\u00c3\u00bcnstlerin zu Beginn der Erz\u00c3\u00a4hlung einen Ausri\u00c3\u0178 aus ihrem Tagebuch, der vor ihrer Fahrt entstand. Er endet mit der klassischen Parole \u00e2\u20ac\u017eVive l&#8217;Anarchie\u00e2\u20ac\u0153.<\/p>\n<p>Statt Anarchie erlebt sie vor allem Sexismus. Nicht nur in Form der machistischen Italiener, die den M\u00c3\u00a4dchen permanent nachstellen. Auch innerhalb der Szene begegnet er ihr permanent. No Means No ist nicht: \u00e2\u20ac\u017eDu kannst mir auch einfach nur einen runterholen\u00e2\u20ac\u0153, bietet der Punk dem M\u00c3\u00a4dchen auf der Party an, nachdem sie klargestellt hat, dass sie nichts von ihm will. Weitere Anmachen auf \u00c3\u00a4hnlichem Niveau folgen. Die m\u00c3\u00a4nnliche Geilheit  lauert \u00c3\u00bcberall.<\/p>\n<p>R\u00c3\u00bcckzugsm\u00c3\u00b6glichkeit bietet nur die Musik. Neben dem Konzert von The Clash ist es ausgerechnet noch eine Auff\u00c3\u00bchrung von George Bizets \u00e2\u20ac\u017eCarmen\u00e2\u20ac\u0153 in der Mail\u00c3\u00a4nder Scala, die zu junge Ulli positiv beeindrucken. \u00e2\u20ac\u017eEin ph\u00c3\u00a4nomenales Erlebnis!\u00e2\u20ac\u0153, notiert sie.<\/p>\n<p>In \u00e2\u20ac\u017eSpunk\u00e2\u20ac\u0153, einer Graphic Novel \u00c3\u00bcber die israelische Szene, ist Musik dagegen das alles verbindende Element. Eine zweiseitige Liste mit Bands hat Gabriel S. Moses, Autor und Zeichner,dem Buch angeh\u00c3\u00a4ngt, danach nochmal eine mit Fu\u00c3\u0178noten und Quellenverweisen auf Platten und Songs. Eine CD liegt bei, darunter auch ein Track der Parvarim Refugeez, der Band von Moses.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"\/i\/spunk2.jpg\" alt=\"SPUNK - Punk in Israel\" \/>Dabei ist Israel Punkrock-Niemandsland \u00e2\u20ac\u017eallgemein kein kulturfreundliches Land\u00e2\u20ac\u0153, wie Moses schreibt. \u00e2\u20ac\u017ePunk Rock gibt es noch nicht sehr lange in Israel. Immer wieder h\u00c3\u00b6re ich von Skatern, dass sie noch 1995 direkt vom Fernseher aus die Songs aus Skateboard-Filmen mitgeschnitten haben.\u00e2\u20ac\u0153<\/p>\n<p>Indirekte Hauptfigur von \u00e2\u20ac\u017eSpunk\u00e2\u20ac\u0153 ist  JJ bzw. Yarden Y\u00c3\u00a1akobi. Sie ist 15 und \u00e2\u20ac\u017eso fucking Punk, dass sie dir in jeder Menschenmenge sofort aufgefallen w\u00c3\u00a4re\u00e2\u20ac\u0153, eine \u00e2\u20ac\u017ePunk-Prinzessin\u00e2\u20ac\u0153. JJ tr\u00c3\u00a4umt vom Bombenlegen, fickt das System und die halbe Stadt und wird vor ihrem sechzehnten Geburtstag sterben &#8211; m\u00c3\u00a4nnlicher Idealtypus einer Teenage-Revoluzzerin.<\/p>\n<p>\u00e2\u20ac\u017eSpunk\u00e2\u20ac\u0153 ist weniger ein Comic im herk\u00c3\u00b6mmlichen Sinn als vielmehr ein permanenter Strom von Assoziationen und Bildern. In fiktiven Blogeintr\u00c3\u00a4gen, Slogans, Buttons, in schlierigen, flirrenden Bildern und Detailausschnitten entwirft Moses ein Portrait des M\u00c3\u00a4dchens, ihrer Handlungen und indirekt eines der israelischen Gegenkultur. Eine Szene im permanenten Ausnahmezustand: \u00e2\u20ac\u017eKlar, hier gibt es immer Krieg. Tagt\u00c3\u00a4glich sterben die Menschen hier an der Front oder auf der Stra\u00c3\u0178e. Mit 18 wirst du einberufen, ob du willst oder nicht.\u00e2\u20ac\u0153<\/p>\n<p>Keine Zukunft also, No Future, und darum auch im Kern retro: \u00e2\u20ac\u017eDie Szene ist auch nicht mehr das, was sie einmal war\u00e2\u20ac\u0153, hei\u00c3\u0178t das zweite Kapitel des Buches, ein langes Lamento gegen Emo-Kids und  Groupies.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.pannor.de\/i\/Punkrock%20Heartland2.jpg\" alt=\"Punkrock Heartland\" \/>Vertrauter als das Szenario und die collagenhafte Erz\u00c3\u00a4hlweise von \u00e2\u20ac\u017eSpunk\u00e2\u20ac\u0153 ist \u00e2\u20ac\u017ePunkrock Heartland\u00e2\u20ac\u0153 des Hamburger Zeichners Andi Lirium. Wie Ulli Lust zeichnet er Punk-Vergangenheit auf. In diesem Fall die Neunzigerjahre und die Hamburger Szene, in einer zugegebenerma\u00c3\u0178en etwas kruden Liebesgeschichte um zwei schwule Punks und diverse russische Knastbr\u00c3\u00bcder, eine Ex-Frau, eine Tochter und ein Geschwisterpaar.<\/p>\n<p>Andi Lirium &#8211; ein Pseudonym selbstverst\u00c3\u00a4ndlich &#8211; greift tief in die Klischeekiste f\u00c3\u00bcr seine Soap-Opera im Sifferpunk-Milieu, in der viel geliebt und gestorben wird. Fahrradklauen, Nazis verpr\u00c3\u00bcgeln, auf unbeheizten Dachb\u00c3\u00b6den hocken und Dosenbier trinken, unvermeidlich die Ratte als Haus- bzw. Kragentier.<\/p>\n<p>Trotz der Vertrautheit dieser Szenerie ist \u00e2\u20ac\u017ePunkrock Heartland\u00e2\u20ac\u0153 nicht nur wegen der wilden Handlung von allen drei Graphic Novels hier die irrealste. Es ist \u00c3\u00bcber weite Strecken ein Traum in rohen, krakeligen Bildern. Die Jungs mit Iro sind s\u00c3\u00bc\u00c3\u0178 und die M\u00c3\u00a4dchen mit zerrissenen Netzstr\u00c3\u00bcmpfen aufreizend sexy. Sie sind anatomische Karikaturen mit riesigen Br\u00c3\u00bcsten und gewaltigen Genitalien. Mit der oft dreckigen Realit\u00c3\u00a4t des Stra\u00c3\u0178enpunk hat das wenig zu tun.<\/p>\n<p>Und so steht der Geschichte zwar voran gestellt \u00e2\u20ac\u017ealle Figuren und Orte haben reale Vorbilder\u00e2\u20ac\u0153. Aber das ist metaphorisch zu verstehen. \u00e2\u20ac\u017eEs gibt diese Menschen nicht, es gibt diesen Knast nicht, nichts davon ist wirklich passiert. Aber es gibt so \u00c3\u00a4hnliche Menschen, und es k\u00c3\u00b6nnte so \u00c3\u00a4hnlich passiert sein\u00e2\u20ac\u0153, erkl\u00c3\u00a4rt Andi Lirium gegen\u00c3\u00bcber SPIEGEL-Online.<\/p>\n<p>Auch im virtuellen Soundtrack entfernt sich der Zeichner, der als Illustrator ebenfalls in Hamburg lebt und dessen Buch zugleich Abschlu\u00c3\u0178arbeit an der Hochschule f\u00c3\u00bcr angewandte Wissenschaften war, am weitesten von allem vom Punk. Johnny Cash, Elvis und Karat bzw. Peter Maffay statt Sex Pistols und Dead Kennedys: \u00e2\u20ac\u017e\u00c3\u0153ber sieben Br\u00c3\u00bccken mu\u00c3\u0178t du gehen\u00e2\u20ac\u0153 und, unvermeidlich, der \u00e2\u20ac\u017eJailhouse Rock\u00e2\u20ac\u0153 wird geklampft und gegr\u00c3\u00b6hlt.<\/p>\n<p>Nur einmal, ganz am Rande, ist fast so etwas wie Punkrock zu sp\u00c3\u00bcren: \u00e2\u20ac\u017eI fucked the law\u00e2\u20ac\u0153 singt der S\u00c3\u00a4nger der knasteigenen Band. \u00e2\u20ac\u017eI fought the law\u00e2\u20ac\u0153 sangen 1979 The Clash. Aber das war nur eine Coverversion, das Original zwar zwanzig Jahre \u00c3\u00a4lter und lupenreiner Rock&#8217;n&#8217;Roll.<\/p><\/blockquote>\n<p>Ulli Lust: Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens. Avant-Verlag, 468 S.; \u00e2\u201a\u00ac 29,95<br \/>\nGabriel S. Moses: Spunk. Archiv der Jugendkulturen, 96 S. + Audio-CD, \u00e2\u201a\u00ac 18,00<br \/>\nAndi Lirium: Punkrock-Heartland, M\u00c3\u00a4nnerSchwarmVerlag, 176 S.; \u00e2\u201a\u00ac 18,00<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/vg03.met.vgwort.de\/na\/d2f30cf79172490c969ca6ff008f33d5\" height=\"1\" width=\"1\" \/><\/p>\n<p>Verfasst f\u00c3\u00bcr <em>SPIEGEL-Online<\/em> und in der ver\u00c3\u00b6ffentlichten Version <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/kultur\/literatur\/0,1518,691746,00.html\">hier zu finden<\/a>.<\/p>\n<p class=\"wp-flattr-button\"><a class=\"FlattrButton\" style=\"display:none;\" href=\"https:\/\/www.pannor.de\/?p=432\" title=\" SPIEGEL.de: Siff, Suff und Selbstaufl\u00c3\u00b6sung\" rev=\"flattr;uid:LNMUHR;language:de_DE;category:text;tags:blog;button:compact;\">Zwischen Sifferpunk und Selbstaufl\u00c3\u00b6sung &#8211; drei Graphic Novels beleuchten, was vom Punk \u00c3\u00bcbrig blieb im Jahr Null nach Malcolm McLaren. +++ Punk-Comics Siff, Suff und Selbstaufl\u00c3\u00b6sung +++ von Stefan Pannor...<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwischen Sifferpunk und Selbstaufl\u00c3\u00b6sung &#8211; drei Graphic Novels beleuchten, was vom Punk \u00c3\u00bcbrig blieb im Jahr Null nach Malcolm McLaren. +++ Punk-Comics Siff, Suff und Selbstaufl\u00c3\u00b6sung +++ von Stefan Pannor \u00e2\u20ac\u017ePunkrock\u00e2\u20ac\u0153, hat Joe Strummer angeblich einmal gesagt, \u00e2\u20ac\u017esoll unsere Freiheit sein. Wir sollen tun k\u00c3\u00b6nnen, was wir wollen.\u00e2\u20ac\u0153 Im Jahr 1984 steht die siebzehnj\u00c3\u00a4hrige Ulli [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.pannor.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/432"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.pannor.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.pannor.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pannor.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pannor.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=432"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.pannor.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/432\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.pannor.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=432"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pannor.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=432"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pannor.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=432"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}