{"id":451,"date":"2010-07-12T07:01:11","date_gmt":"2010-07-12T06:01:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pannor.de\/?p=451"},"modified":"2010-07-12T07:01:31","modified_gmt":"2010-07-12T06:01:31","slug":"die-welt-osamu-tezuka-directors-cut","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pannor.de\/?p=451","title":{"rendered":"Die WELT: Osamu Tezuka (Director&#8217;s Cut)"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"twitterbutton\" style=\"display: block; text-align: left;\"><a href=\"http:\/\/twitter.com\/share\" class=\"twitter-share-button\" data-count=\"horizontal\" data-text=\"Die WELT: Osamu Tezuka (Director&#8217;s Cut)\" data-via=\"\" data-url=\"https:\/\/www.pannor.de\/?p=451\" data-lang=\"en\" data-related=\"DolcePixel:We make beautiful and sweet WordPress Themes\"><\/a><\/div><p><strong>Der fleissigste Comiczeichner der Welt <\/strong><\/p>\n<p><strong>Ph\u00c3\u00a4nomen Osamu Tezuka: er hat das umfangreichste Einzelwerk eines Comiczeichners \u00c3\u00bcberhaupt geschaffen und die japanische Kultur wie kein zweiter gepr\u00c3\u00a4gt. Ausserhalb Japans kennt ihn kaum jemand.<\/strong><\/p>\n<p>von Stefan Pannor<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"\/i\/Astro_BoyCVR.jpg\" alt=\"Astro Boy\" \/>Er hat die Manga-Augen erfunden: Osamu Tezuka, der ber\u00c3\u00bchmteste japanische Comiczeichner. Ab 1947 gab er seinen Figuren diese gro\u00c3\u0178en, stets ein wenig feucht gl\u00c3\u00a4nzenden Kulleraugen, aus denen sie staunend in die Welt schauten. Unz\u00c3\u00a4hlige K\u00c3\u00bcnstler \u00c3\u00bcbernahmen dieses Stilmittel von ihm. Inzwischen findet es sich in so vielen japanischen Comics und Zeichentrickfilmen, dass viele f\u00c3\u00a4lschlicherweise glauben, sie w\u00c3\u00a4ren alleiniges Merkmal japanischer Comics. In Deutschland wurden die Manga-Augen vor allem durch Trickfilmserien wie \u00e2\u20ac\u017eHeidi\u00e2\u20ac\u0153 ab den achtziger Jahren ber\u00c3\u00bchmt.<\/p>\n<p>Osamu Tezuka (1928 &#8211; 1989) gilt in Japan heute als \u00e2\u20ac\u017eGott des Manga\u00e2\u20ac\u0153. Nicht nur wegen der Augen. Wie kein zweiter hat Tezuka die japanische Alltagskultur der Nachkriegszeit gepr\u00c3\u00a4gt. Er machte den Comic in Japan hoff\u00c3\u00a4hig und brachte den Trickfilm ins Land (indem er seine eigene B\u00c3\u00bccher verfilmte). Damit begr\u00c3\u00bcndete er eine der S\u00c3\u00a4ulen des modernen japanischen Selbstverst\u00c3\u00a4ndnisses sowie die heute milliardenschwere Industrie der \u00e2\u20ac\u017eAnime\u00e2\u20ac\u0153.<\/p>\n<p>Sein Lebenswerk ist nahezu unfassbar gewaltig.<!--more--> Mehr als 1700.000 Comicseiten hat er in seinem Leben gezeichnet, eine bestehende Gesamtausgabe seiner Werke bringt es auf mehr als vierhundert B\u00c3\u00a4nde. Zum Vergleich: Marvel-Zeichner-Legende Jack Kirby (\u00e2\u20ac\u017eDie fantastischen Vier\u00e2\u20ac\u0153, \u00e2\u20ac\u017eX-Men\u00e2\u20ac\u0153) brachte es auf grade mal 21.000, der \u00e2\u20ac\u017eEntenmann\u00e2\u20ac\u0153 Carl Barks auf \u00e2\u20ac\u017enur\u00e2\u20ac\u0153 8.000 Seiten. Beide gelten im Westen als \u00c3\u00bcberbordend kreative Vielzeichner.<\/p>\n<p>Zum Comic kommt Tezukas Arbeit im Bereich der Animation: mehrere hundert Trickfilmepisoden und Filme stammen aus den von ihm geleiteten Studios. Seine Figuren, wie der Roboterjunge \u00e2\u20ac\u017eAstro Boy\u00e2\u20ac\u0153, sind in Japan so ber\u00c3\u00bchmt wie im Westen Donald Duck.<\/p>\n<p>Weil Tezuka quasi im Alleingang eine ganze Unterhaltungsindustrie begr\u00c3\u00bcndet hat, nennen ihn seine Biografen gerne den japanischen Walt Disney. Der Vergleich geht zu kurz. Zwar war Disney erkl\u00c3\u00a4rtes Vorbild Tezukas. Anders als der Erfinder von Micky Maus und Donald Duck, der schon fr\u00c3\u00bchzeitig die Arbeit an seinen Werken zu delegieren verstand und keinen einzigen Comic selbst gezeichnet hat, war Tezuka ein Workaholic, der tats\u00c3\u00a4chlich an jedem Werk unter seinem Namen ma\u00c3\u0178geblich beteiligt war.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"\/i\/KirihitoCVR.jpg\" \/>Schon sein erstes Buch, \u00e2\u20ac\u017eDie neue Schatzinsel\u00e2\u20ac\u0153 (\u00e2\u20ac\u017eShintakarajima\u00e2\u20ac\u0153, 1947), soll sich fast eine Million Mal verkauft haben &#8211; gesicherte Unterlagen dazu fehlen aufgrund der Nachkriegswirren. Da war Tezuka grade mal neunzehn Jahre alt. Der Band, inhaltlich eine eher belanglose Modernisierung von Stevensons Novelle \u00e2\u20ac\u017eDie Schatzinsel\u00e2\u20ac\u0153, gilt aufgrund seines f\u00c3\u00bcr damalige Verh\u00c3\u00a4ltnisse spektakul\u00c3\u00a4ren Umfanges von 192 Seiten und der Vielzahl visueller Experimente als erster moderner Manga. So nimmt die Fahrt seines Helden zum Strand gleich zu Beginn des Buches ganze 29 Bilder in Anspruch. Durch clevere Wahl von Schnitt und Perspektive vermittelt Tezuka in dieser Sequenz einen heute noch wirkenden Eindruck von Geschwindigkeit.<\/p>\n<p>Im Lauf seines Lebens hat Tezuka in beinahe jedem Genre gearbeitet, vom Arztroman bis zur Zukunftsfantasie. Er hat \u00e2\u20ac\u017eSchuld und S\u00c3\u00bchne\u00e2\u20ac\u0153 im Stil eines Woody Allen adaptiert und das Leben der \u00c3\u00a4gyptischen K\u00c3\u00b6nigen Cleopatra zur Sexfabel umgedeutet.<\/p>\n<p>Mit der Serie \u00e2\u20ac\u017eRibon no Kishi\u00e2\u20ac\u0153 (\u00e2\u20ac\u017eRitter mit Schleife\u00e2\u20ac\u0153, ab 1953), schuf er sogar ein neues Genre: den \u00e2\u20ac\u017eshojo\u00e2\u20ac\u0153, den explizit auf Leserinnen zugeschnittenen Comic. Damit befreite Tezuka den Manga vom Ruf, eine reine Jungslekt\u00c3\u00bcre zu sein und verdoppelte die Zielgruppe seiner Bildgeschichten.<\/p>\n<p>Ab den F\u00c3\u00bcnfzigerjahren ver\u00c3\u00b6ffentlichte er bis zu zehn B\u00c3\u00bccher j\u00c3\u00a4hrlich. Parallel studierte er Medizin in Osaka (weshalb er sich sp\u00c3\u00a4ter in der \u00c3\u2013ffentlichkeit stets als Dr. Tezuka anreden liess). Was damals an Geschichten entstand, war vor allem geradlinige Unterhaltung f\u00c3\u00bcr junge Leser. Wie seine Action-Serie \u00e2\u20ac\u017eAstro Boy\u00e2\u20ac\u0153 um den gleichnamigen Roboter-Waisenknaben, die ab 1953 Tezukas  endg\u00c3\u00bcltigen Durchbruch als ber\u00c3\u00bchmtester Comiczeichner in Japan bedeutete.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"\/i\/BuddhaCVR.jpg\" \/>Allerdings beliess er es nicht dabei. Sp\u00c3\u00a4testens ab den Siebzigerjahren &#8211; seine Trickfilmfirma war zwischenzeitlich pleite gegangen, Tezuka hoch verschuldet und durch den Dauerstre\u00c3\u0178 von unterdr\u00c3\u00bcckten Depressionen geplagt &#8211; wandte sich Tezuka ernsteren Themen f\u00c3\u00bcr erwachsene Leser zu. Ab 1972 publizierte er \u00e2\u20ac\u017eBuddha\u00e2\u20ac\u0153, eine am Ende dreitausend Seiten lange Darstellung des Lebens und der Gedankenwelt des ber\u00c3\u00bchmten Siddharta, Gr\u00c3\u00bcnder der nach ihm benannten Religion, in Comicform. Das Epos ist zugleich poetische Reflektion und ein umfassendes Sittenbild des vorbuddhistischen Indien, mit mehr als einem Dutzend Hauptfiguren und einer beklemmend realistischen Darstellung des indischen Kastensystems.<\/p>\n<p>Andere B\u00c3\u00bccher Tezukas besch\u00c3\u00a4ftigen sich mit dem Dritten Reich (\u00e2\u20ac\u017eAdolf\u00e2\u20ac\u0153, deutsch bei Carlsen) und Hiroshima. Mit \u00e2\u20ac\u017ePhoenix\u00e2\u20ac\u0153, das er als sein \u00e2\u20ac\u017eLebenswerk bezeichnete, hat er einen mehrtausendseitigen Abriss fast der gesamten Geschichte Japans geschaffen, der beeindruckt, obwohl das Werk letztlich Fragment geblieben ist.<\/p>\n<p>Tezukas gewaltiges Werk war nur durch eine strenge Disziplin zu schaffen. Ganze sechzig Tage im Jahr soll er in seinem eigenen Haus verbracht haben, das mit Erinnerungsst\u00c3\u00bccken und eigenen Werken vollgestopft war. Den Rest des Jahres verbrachte er in einem winzigen, praktisch leeren Appartement in Tokio, in dem er quasi rund um die Uhr zeichnete.<\/p>\n<p>Dabei arbeitete er in der Regel an drei Serien gleichzeitig, zwischen denen er hin- und herwechselte, wie ihm die Inspirationen kamen. Weniger als eine halbe Stunde ben\u00c3\u00b6tigte er f\u00c3\u00bcr eine Seite, ein Arbeitspensum von zwanzig Comicseiten am Tag war f\u00c3\u00bcr ihn durchaus m\u00c3\u00b6glich. (Das \u00c3\u00bcbliche Pensum f\u00c3\u00bcr Zeichner in Japan betr\u00c3\u00a4gt zwanzig Seiten pro Woche.)<\/p>\n<p>In Deutschlands ist von Tezukas umfangreichem Schaffen nur wenig bekannt. Eine Gesamtausgabe seiner fr\u00c3\u00bchen \u00e2\u20ac\u017eAstro Boy\u00e2\u20ac\u0153-Geschichten sowie von \u00e2\u20ac\u017eKimba der weisse L\u00c3\u00b6we\u00e2\u20ac\u0153 (die Serie aus den fr\u00c3\u00bchen F\u00c3\u00bcnfzigerjahren diente Disney als indirekte Vorlage f\u00c3\u00bcr den Film \u00e2\u20ac\u017eDer K\u00c3\u00b6nig der L\u00c3\u00b6wen\u00e2\u20ac\u0153) erschienen vor zehn Jahren fast unbemerkt im Carlsen-Verlag. \u00e2\u20ac\u017eAdolf\u00e2\u20ac\u0153, Tezukas umfangreiche Erz\u00c3\u00a4hlung \u00c3\u00bcber den zweiten Weltkrieg in Deutschland und Japan, war 2005 beim gleichen Verlag immerhin ein Achtungserfolg beschieden.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"\/i\/BarbaraCVR.jpg\" \/>Zwei weitere Titel erweitern aktuell den Kanon der deutschsprachigen Tezuka-Ver\u00c3\u00b6ffentlichungen. \u00e2\u20ac\u017eKirihito\u00e2\u20ac\u0153, ebenfalls bei Carlsen Comics, erz\u00c3\u00a4hlt von einem jungen Arzt, der einer unbekannten Krankheit nachforscht, die Menschen in Tiere verwandelt, und der er schliesslich selbst zum Opfer f\u00c3\u00a4llt. In den d\u00c3\u00bcster-expressionistischen Medizin-Thriller liess Tezuka sein eigenes Wissen aus dem Studium einfliessen. Der Dreiteiler ist f\u00c3\u00bcr den diesj\u00c3\u00a4hrigen Max-&amp;-Moritz-Preis des Comicsalons Erlangen nominiert.<\/p>\n<p>Einen anderen Aspekt Tezukas zeigt \u00e2\u20ac\u017eBarbara\u00e2\u20ac\u0153. Die Erz\u00c3\u00a4hlung von einem alternden, in Konventionen gefangenen Schriftsteller und seiner jungen, versoffenen und radikalen Geliebten erinnert mit ihren surrealen Wendungen, der expressiven Bildsprache und der erotischen Eindeutigkeit an die sp\u00c3\u00a4ten Filme Bunuels.<\/p>\n<p>Beide Werke zusammen vermitteln immerhin einen ungef\u00c3\u00a4hren Eindruck von der Bandbreite Tezukas, auch wenn sie naturgem\u00c3\u00a4ss nur Puzzlesteinchen sein k\u00c3\u00b6nnen.<\/p>\n<p>Osamu Tezuka &#8211;<br \/>\nKirihito: Carlsen Comics, 3 Bde., je 280 S.; \u00e2\u201a\u00ac 16,90<br \/>\nBarbara: Schreiber &amp; Leser, 2 Bde., je 200 S.; \u00e2\u201a\u00ac 14,95<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/vg09.met.vgwort.de\/na\/df00940a11f24598bc23b358220faa90\" height=\"1\" width=\"1\" \/><\/p>\n<p>Ver\u00c3\u00b6ffentlicht in leicht anderer Version in der <em>Welt<\/em>.<\/p>\n<p class=\"wp-flattr-button\"><a class=\"FlattrButton\" style=\"display:none;\" href=\"https:\/\/www.pannor.de\/?p=451\" title=\" Die WELT: Osamu Tezuka (Director&#8217;s Cut)\" rev=\"flattr;uid:LNMUHR;language:de_DE;category:text;tags:blog;button:compact;\">Der fleissigste Comiczeichner der Welt Ph\u00c3\u00a4nomen Osamu Tezuka: er hat das umfangreichste Einzelwerk eines Comiczeichners \u00c3\u00bcberhaupt geschaffen und die japanische Kultur wie kein zweiter gepr\u00c3\u00a4gt. 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