{"id":453,"date":"2010-07-19T07:34:40","date_gmt":"2010-07-19T06:34:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pannor.de\/?p=453"},"modified":"2010-07-19T07:38:18","modified_gmt":"2010-07-19T06:38:18","slug":"spiegel-online-das-leben-ein-comic-zum-tod-von-harvey-pekar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pannor.de\/?p=453","title":{"rendered":"SPIEGEL-Online: Das Leben, ein Comic &#8211; Zum Tod von Harvey Pekar"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"twitterbutton\" style=\"display: block; text-align: left;\"><a href=\"http:\/\/twitter.com\/share\" class=\"twitter-share-button\" data-count=\"horizontal\" data-text=\"SPIEGEL-Online: Das Leben, ein Comic &#8211; Zum Tod von Harvey Pekar\" data-via=\"\" data-url=\"https:\/\/www.pannor.de\/?p=453\" data-lang=\"en\" data-related=\"DolcePixel:We make beautiful and sweet WordPress Themes\"><\/a><\/div><p>Sein Leben war nichts besonderes, aber er machte 2.000 Seiten Comics daraus. Mit unersch\u00c3\u00bctterlicher Wut berichtete Harvey Pekar von seinem Leben in der amerikanischen Unterschicht und bereicherte den Comic damit um ein v\u00c3\u00b6llig neues Genre.<\/p>\n<p><strong>Zu Harvey Pekars Tod<br \/>\nDas Leben, ein Comic<\/strong><\/p>\n<p>von Stefan Pannor<\/p>\n<p>Vielleicht war es die beste Idee, die dem Comic diesseits des Zweiten Weltkriegs passieren konnte: die Vorstellung, aus dem eigenen Leben eine Geschichte zu machen. Selbst wenn es, wie bei Harvey Pekar, das Leben eines einfachen Angestellter mit m\u00c3\u00a4\u00c3\u0178iger Bildung und ohne au\u00c3\u0178ergew\u00c3\u00b6hnlichen Lebenslauf war.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"\/i\/pekar-alltag2.jpg\" alt=\"Harvey Pekar - American Splendor\" \/>Das Genre des autobiographischen Comics, wie Pekar es erfand, bereicherte das Medium um eine weitere Komponente und gab ihm zwischen eskapistischen Machtfantasien, harmlosen Gags und barocken Kunsterz\u00c3\u00a4hlungen die dringend ben\u00c3\u00b6tigte Erdung zur\u00c3\u00bcck.<\/p>\n<p>\u00e2\u20ac\u017eAmerican Splendor\u00e2\u20ac\u0153 nannte Pekar seine Comicserie, Amerikas Herrlichkeit. Sarkasmus pur. \u00e2\u20ac\u017eVon den Stra\u00c3\u0178en Clevelands\u00e2\u20ac\u0153 war der Slogan, der auf jedem seiner Hefte prangte, und das hiess in dem Fall, aus der sozialen Notstandszone, aber auch aus der scheinbaren Belanglosigkeit der amerikanischen Unterschicht.<br \/>\n<strong><br \/>\nRobert Crumbs Kumpel<\/strong><\/p>\n<p>Pekar war kein Comicfan. Er war ein Liebhaber von Jazz und Malerei, manischer Schallplatten- und B\u00c3\u00bcchersammler. Sein Studium hatte der 1939 geborene nach nur einem Jahr geschmissen. Mit Ausnahme seiner Zeit in der Armee hatte er sein ganzes Leben in Cleveland verbracht, ab den Sechzigerjahren als Angestellter eines Krankenhauses. Krankenakten sortieren war sein Job.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Zum Comic kam er, weil Robert Crumb eine Ecke weiter wohnte. 1962 war Crumb, damals noch lange nicht der Star des amerikanischen Underground-Comics, der er sp\u00c3\u00a4ter werden sollte, nach Cleveland gezogen, wo er Gl\u00c3\u00bcckwunschkarten textete und zeichnete. \u00c3\u0153ber Bekannte lernte er Pekar kennen. Crumb und Pekar verband die Liebe zum Jazz. Crumb f\u00c3\u00bchrte den unauff\u00c3\u00a4lligen Angestellten in die Welt der gerade erbl\u00c3\u00bchenden alternativen Comics ein, der gezeichneten Gegenkultur zu Superman und Co.<\/p>\n<p>F\u00c3\u00bcr Pekar, der selbst nicht zeichnen konnte, war es eine Offenbarung. Er \u00c3\u00bcberredete erst Crumb, dann andere Comiczeichner, Comics direkt nach Pekars Leben zu gestalten. 1976 erschien die erste Ausgabe von \u00e2\u20ac\u017eAmerican Splendor\u00e2\u20ac\u0153. Ein Vierteljahrhundert lang folgte j\u00c3\u00a4hrlich eine weitere.<\/p>\n<p>Pekars Vorstellung vom Comic, wie er sie in seinen Heften zelebrierte, f\u00c3\u00bcgte sich in die Gegenkultur der Sechziger- und Siebzigerjahre. Er ignorierte nahezu alle Vorstellungen davon, wie ein Comic zu sein hatte. Seine Geschichten waren h\u00c3\u00a4ufig nicht einmal solche. Sie begannen und endeten an beliebigen Zeitpunkten in Pekars Leben, bestanden mitunter seitenweise aus Wutausbr\u00c3\u00bcchen und Monologen Pekars \u00c3\u00bcber seinen Alltag, die Gegenwart, Amerika.<br \/>\n<strong><br \/>\nSogar f\u00c3\u00bcr die Gegenkultur zu sperrig<\/strong><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"\/i\/pekar-crumb22.jpg\" alt=\"Harvey Pekar - Robert Crumb\" \/>Selbst Crumb, der mit \u00c3\u00a4hnlichen Konzepten arbeitete, gab zu, dass Pekars Geschichten schwer zu illustrieren seien: \u00e2\u20ac\u017eEs ist so wenig comicheft-typische Action darin, in die der K\u00c3\u00bcnstler sich verbeissen kann. Gr\u00c3\u00b6\u00c3\u0178tenteils sind es nur Leute, die herumstehen und reden.\u00e2\u20ac\u0153<\/p>\n<p>Damit stellte sich Pekar nicht nur gegen den von Superhelden getragenen Mainstream der nordamerikanischen Comics. Selbst f\u00c3\u00bcr die Gegenkultur, in der Robert Crumbs groteske Comics sich millionenfach verkauften, waren die Erz\u00c3\u00a4hlungen des zornigen mittelalten Mannes Pekar aus dem ganz normalen amerikanischen Berufsleben zu sperrig.  Pekar selbst gab sp\u00c3\u00a4ter nicht ohne Stolz an, nie mit auch nur einem einzigen Heft von \u00e2\u20ac\u017eAmerican Splendor\u00e2\u20ac\u0153 Geld verdient zu haben.<\/p>\n<p>Seinen Mitteilungsdrang minderte das nicht. \u00e2\u20ac\u017eJa, er ist ein Ego-Maniac, ein klassischer Fall \u00e2\u20ac\u00a6 ein besessener, zwanghafter, irrer Jude\u00e2\u20ac\u0153 beschrieb ihn Crumb sp\u00c3\u00a4ter. Mit unerm\u00c3\u00bcdlicher Energie \u00c3\u00bcberzeugte er Comiczeichner, f\u00c3\u00bcr einen Hungerlohn f\u00c3\u00bcr ihn zu arbeiten. Geschichten, die von seinem Umzug handelten, vom Einkaufen, vom schwarzen Kollegen, mit dem er zu Mittag ass.<\/p>\n<p>Das Ergebnis war m\u00c3\u00b6glicherweise nicht nur die umfangreichste Comic-Autobiographie als Work in Progress (sp\u00c3\u00a4ter sollten sich zu den Heften noch B\u00c3\u00bccher gesellen), sondern Urknall und Ma\u00c3\u0178stab f\u00c3\u00bcr eine neue Art Comic. Das Genre des autobiographischen Comics, das seinen Schwerpunkt auf Allt\u00c3\u00a4gliches statt auf Besonderes setzt, steht heute neben dem Superhelden-Comic als das vielleicht einzige origin\u00c3\u00a4re Konzept, das das Medium hervorgebracht hat. K\u00c3\u00bcnstler wie Marjanne Satrapi (\u00e2\u20ac\u017ePersepolis\u00e2\u20ac\u0153), Chester Brown (\u00e2\u20ac\u017eFuck\u00e2\u20ac\u0153) oder in Deutschland Flix (\u00e2\u20ac\u017eHeldentage\u00e2\u20ac\u0153) sind Nachg\u00c3\u00a4nger von Pekars Idee.<br \/>\n<strong><br \/>\nUnerm\u00c3\u00bcdliche Wut<\/strong><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"\/i\/Cancer-Year2.jpg\" alt=\"Harvey Pekar - Our Cancer Year\" \/>Dabei sind nur wenige so radikal, wie Pekar es war, der nahezu sein gesamtes Leben in Comics umsetzte. In seinen besten Momenten hatte \u00e2\u20ac\u017eAmerican Splendor\u00e2\u20ac\u0153 die alltagsnahe Wut des fr\u00c3\u00bchen Hip-Hop und Punk, die direkte Eindringlichkeit in einfachen Stilmitteln der Texte Bukowskis. F\u00c3\u00bcr Pekar war alles Comic. Als er an Krebs erkrankte, machte er daraus eine umfangreiche Comic-Chronik (\u00e2\u20ac\u017eOur Cancer Year\u00e2\u20ac\u0153). Als 2003 in einem Fall von sp\u00c3\u00a4tem Ruhm Pekars Comicleben unter dem Titel seiner Hefte verfilmt wurde, reagierte Pekar mit der Graphic Novel \u00e2\u20ac\u017eOur Movie Year\u00e2\u20ac\u0153.<\/p>\n<p>Beinahe 2000 Comicseiten umfasst Pekars Leben. Auf Deutsch ist davon beinahe nichts erschienen, nur einige der Episoden mit Robert Crumb in diversen Sammelb\u00c3\u00a4nden. Pekar, der unerm\u00c3\u00bcdliche Chronist der amerikanischen Unterschicht aus eigenem Erleben, war scheinbar auch f\u00c3\u00bcr den deutschen Markt zu sperrig.<\/p>\n<p>2001 ging Pekar in Rente. Mit den Comics war es da allerdings noch nicht vorbei. Seine Geschichten erschienen ab sofort beim amerikanischen Edel-Label Vertigo und als volumin\u00c3\u00b6se Buchausgaben bei Ballantine. Sein letztes Buch, simpel \u00e2\u20ac\u017eCleveland\u00e2\u20ac\u0153 betitelt, sollte urspr\u00c3\u00bcnglich dieser Tage erscheinen. Nun wird es posthum Pekars Abschiedsvorstellung. Der Autor wurde gestern in seiner Wohnung tot aufgefunden. Er hinterl\u00c3\u00a4sst eine Ehefrau und eine Ziehtochter.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/vg09.met.vgwort.de\/na\/ceca618f742a4cd59a4372e803eddf12\" height=\"1\" width=\"1\" \/><\/p>\n<p class=\"wp-flattr-button\"><a class=\"FlattrButton\" style=\"display:none;\" href=\"https:\/\/www.pannor.de\/?p=453\" title=\" SPIEGEL-Online: Das Leben, ein Comic &#8211; Zum Tod von Harvey Pekar\" rev=\"flattr;uid:LNMUHR;language:de_DE;category:text;tags:blog;button:compact;\">Sein Leben war nichts besonderes, aber er machte 2.000 Seiten Comics daraus. Mit unersch\u00c3\u00bctterlicher Wut berichtete Harvey Pekar von seinem Leben in der amerikanischen Unterschicht und bereicherte den Comic damit...<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sein Leben war nichts besonderes, aber er machte 2.000 Seiten Comics daraus. 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