Am Ende geht alles ganz einfach. „Arschloch!“ schreit Sally Jupiter alias die Superheldin Silk Spectre ihr gegenüber an. Der ist ebenfalls Superheld und hat gerade auf Kosten unzähliger Toter die Erde vor dem nuklearen Holocaust gerettet.
Es steckt ein unlösbares Dilemma in dieser kurzen Sequenz. In der gleichen, diesem filmischen Moment zugrunde liegenden Szene folgt eine Debatte über Recht und Unrecht solchen Handelns. Watchmen ist u.a. deshalb ein so großartiger Comic, weil er sich nicht vor den moralischen Fragen drückt, die mit dem gewählten Genre – Superhelden – automatisch einhergehen.
Im Film? „Arschloch!“
Vielleicht ist das die neue Direktheit, die wir alle jetzt brauchen. Vielleicht ist diese Szene aber auch symptomatisch für die grosse Schwäche von Snyders Verfilmung eines der zentralen Werke des Mediums Comic.
Natürlich, um das noch einmal klar zu stellen, verbietet sich jeder Vergleich eines Films mit dem Werk, dem er zugrunde liegt. Niemand würde an David Leans Doktor Schiwago bemäkeln, dass er nur das Skelett von Boris Pasternaks Roman nimmt und eine zum Teil ganz eigene Handlung drumherum spinnt. Niemand würde sich über Hitchcocks Die Vögel beschweren, der Daphne duMauriers ziemlich überschaubarer Kurzgeschichte unzählige neue Dimensionen hinzufügt. Also muss auch Watchmen, der Film, für sich stehen. Egal wie groß, ein gesamtes Medium überschattend dieser Comic aus dem Jahr 1986 von Alan Moore und Dave Gibbons ist. Es ist das gute Recht aller Beteiligten, dass Watchmen, der Film, ihr eigenes Werk ist und nicht Anhängsel eines anderen.
Aber da ist dieses „Arschloch!“
Watchmen ist ein Film über moralische Zwiespälte. Darüber, das Gesetz in die eigene Hand zu nehmen und dann doch zu gehorchen, wenn das Gesetz sagt „Lasst das!“ Er handelt von Superhelden, die versucht haben, die amerikanische Gesellschaft besser zu machen, und dabei vor allem auf Widerstand in der Gesellschaft gestossen sind. Die ihren Job aufgeben, wiel die, die sie schützen wollten, nicht mehr von ihnen geschützt werden wollen.
Diese Watchmen, die sechs Superhelden, um die sich der Film dreht, entsprechen gar nicht den Vorstellungen vom Superhelden, wie ihn das moderne Kino zelebriert: sie sind nicht so knuffig wie Spider-Man, nicht so macho wie Wolverine, nicht so oberflächlich-unergründlich wie Batman, nicht so heimelig, wie die Fantastischen Vier es auf der Leinwand waren.
Sie sind weltfremd (Doktor Manhattan), verklemmt (Night-Owl), sadistisch (Rorschach), korrumpiert (Comedian), fremdbestimmt (Silk Spectre) oder gar nicht am Heldendasein interessiert (Ozymandias). Und Watchmen, dieses zweieinhalbstündige Monstrum von Film, arbeitet dies alles klar heraus. In wunderschönen Bildern, herrlichen Kamerafahrten, einem perfekten Einsatz von Musik. In seinen besten Momenten bietet Watchmen die schönsten Bilder, die es bis dato in einem Superhelden-Film gab.
In seinen schlechtesten Momenten heisst es „Arschloch!“.
Da ist etwa diese Fickszene von Silk Spectre und Night Owl über den Wolken von Manhattan. Eben haben die beiden Helden eine ganze Menge Menschen aus einem brennenden Haus gerettet. Verfolgt man die Handlung, wird ganz klar: dies ist eine Szene über die Fetischisierung von Heldentum und Gewalt. Diese beiden Menschen brauchen den Kick des Abenteuers für ihren Sex. Kurz zuvor hat der Film beide gezeigt, wie sie vergeblich versuchten, miteinander Sex zu haben. Da hatten sie noch keine Heldentat begangen. Es ist eine sehr traurige, verstörende Szene, die von Entfremdung handelt und davon, dass nicht die beiden miteinander Sex haben, sondern ihre Figuren, ihre Rollen – Ersatzhandlung. (Der musikalische Kommentar – Leonard Cohens verzweifeltes Halleluja – immerhin passt zur Intention des gezeigten, aber nicht zu den Bildern.)
Was man dagegen sieht, ist elegisch. Minutenlang choreographiert Snyder attraktive Körper und glänzenden Kostümlack in höchster ästhetischer Überhöhung. Es wird offenbar: Snyder hat gar nicht begriffen, was er da eigentlich filmt.
Und daher dieses „Arschloch!“ Es ist die direkteste Abkürzung, die am moralischen Dilemma vorbei zum nächsten schönen Bild führt. Snyder geht es keinen Moment lang darum, Watchmen, den Comic, zu verfilmen. Snyder, der vom gestylten Musikvideo kommt und schon mit 300 gezeigt hat, dass es ihm nur um Bilder geht, will das komplexe, verschachtelte Epos der unfassbar neurotischen Superhelden auf einen gewaltigen Musikclip reduzieren. Auf Bilder. Darum zitiert er Kubrick und Coppola. Darum sind selbst die mitunter ellenlangen Kampfszenen noch von viel zu verführerischer Ästhetik. Wo die Geschichte die Helden dekonstruiert – und das Drehbuch, das sich über weite Strecken sehr eng an die Vorlage hält, tut dies größtenteils sehr gut – überhöht Snyder sie wiederum. Um der verführerisch schönen Bilder willen, schafft er einen Zwiespalt, der dem Film nicht gut tut.
Wäre dies ein ganz normales Hollywood-Superhelden-Epos, es würde fraglos in jeder Hinsicht Maßstäbe setzen. Aber so vermag nicht einmal das „Arschloch“ von Silk Spectre die Überhöhung der Figuren nicht ironisch zu brechen. Wie die Glasscheibe, durch die der Comedian zu Beginn des Films stürzt, zersplittert Watchmen in eine „gewollt“ und ein „getan“. Was bleibt, sind viele wunderschöne Scherben und ein uneinheitliches Ganzes.

Entries (RSS)
März 5th, 2009 at 23:04
Bleib bei Bilderheftchen.
März 9th, 2009 at 19:49
Nachtrag: ich habe den Kommentar mit Verspätung genehmigt, weil ich im Urlaub war.
Zukünftig werde ich aber wohl in der Regel nur noch Kommentare genehmigen, die mehr als plumpe Provokation sind.
Nichtsdestotrotz steht die Kommentar-Sektion für jede Kritik offen – nur eben nicht für Viagra-Angebote und Trolle. Die siebe ich aus.
März 10th, 2009 at 21:20
Ich persönlich empfand die Kampfszenen nicht als ellenlang. Und eine verführerische Ästhetik kann ich eigentlich nur bei Niteowl und Silk Spectre II feststellen.
Wenn hingegen Rorschach den Entführer eines Mädchens nach innerem Widerstreit dann doch richtet, ist das nicht sexy, sondern einfach nur abstoßend, was dem Charakter gerecht wird.
Zudem rechne ich Snyder hoch an, dass er das Ende gegenüber dem Comic geändert hat, aber dabei die Grundaussage beibehält.
Der Film behält die Komplexität des Comics größtenteils bei, Film wie Comic fordern die Zuschauer. Deswegen fürchte ich auch, dass deswegen Snyders Werk an den Kinokassen scheitern wird: „Ein Film über Superhelden, bei dem man mitdenken muss?! Ohne mich!“
Ein Musikclip ist die Comicverfilmung „Watchmen“ für mich jedenfalls nicht.
Juli 10th, 2013 at 01:35
[…] Watch, men? […]