Nicht nur Klassiker bekommen Gesamtausgaben spendiert. Auch moderne Comics. Wie Steve Niles umfangreiche Polar-Vampir-Saga „30 Days of Night“. Oder Marvanos Versuch, dreissig Jahre Berliner Geschichte anhand eines Fliegerschicksals auszuleuchten.

Steve Niles/ Ben Templesmith
30 Days of Night Gesamtausgabe Band 1

Was für ein guter und richtiger Gedanke: dass Vampire nicht irgendwelche gequälten Kreaturen sind, sondern sich jeglicher Ratio entziehende Alpträume, deren Handeln dem Menschen so fremd ist, dass der Versuch es zu verstehen sinnlos ist.

In seiner ersten „30 Days of Night“-Erzählung griff Steve Niles diese Idee vom sich jedem Verständnis entziehenden Monster auf, wie er auch bei Lovecraft und anderen vorkommt.

Die Idee, Vampire eine im Dunkel des Polarwinters liegende Stadt überrenen zu lassen, war so genial wie simpel, dass man sich fragen musste, weshalb noch nie davor jemand darauf gekommen war.

Ben Templesmiths scharf am Abstrakten langschlitternde Zeichnungen, geschult an Sienkiewicz und David Mack, fügten sich zu der Idee des nichtfassbaren Grauens. Die Geschichte, eigentlich eher eine Fingerübung in Atmosphäre auf knapp 70 Seiten, war so erfolgreich, dass sie in einen – sogar recht ansehlichen – Film umgesetzt wurde.

Leider kam danach, was kommen musste: das Sequel. In mehr als zwei Handvoll Fortsetzungen, größtenteils länger als die Originalgeschichte, versucht Niles das Unerklärliche doch zu erklären.

Das Ergebnis sind fiese Vampirköniginnen, die Lillith heissen, bizarre Blutrituale, einsame Trapper, die beim Kampf gegen Vampire nebenher ihre große Liebe finden. Das Ergebnis war Kitsch.

So zerfällt diese Gesamtausgabe, die das erste Drittel des umfangreichen Gesamtwerks aller Comics zum Thema enthält, radikal in zwei Hälften: eine saubere, stimmige, im besten Sinne gruselige erste Geschichte. Und den Rest, über den Schnee und Polarnacht fallen mögen. (Stefan Pannor)

Cross Cult, 360 S.; € 35,00

+ + + + +

Marvano
Berlin

Die Idee ist reizvoll: ein Fliegercomic, bei dem der Schwerpunkt auf den Entwicklungen am Boden liegt. Ein Tryptichon der Geschichte Berlins von den letzten Tagen des Dritten Reichs bis zu den ersten Tagen nach dem Mauerbau.

Zusammengehalten am Lebensweg des Piloten Stuart, der erst Pilot eines Brand-, dann eines Rosinenbombers und zuletzt im Ruhestand ist, gelingt Marvano tatsächlich eine sauber recherchierte Darstellung diverser zentraler Phasen der Geschichte Berlins.

Das wars leider auch. In schönen Bildern, die den Schwerpunkt tatsächlich auf die Geschehnisse am Boden legen statt auf die in der Luft, schildert er einen Plot, der nicht nur übermässig verzettelt ist, sondern auch vor Klischees strotzt.

Es geht – irgendwie – um Nazi-Geheimpläne, Gold, das Raketenbauprogramm von USA und Sowjetunion. In dem angesichts dessen notwendigerweise ausufernden Figurenpersonal verliert der Leser schnell den Überblick.

Zu dem gehören die üblichen sadistischen Nazis, doppelspielende femmes fatale, feige Franzosen, tapfere Amerikaner und überedle Briten. Als wollte es Marvano in der Trivialität allen recht machen, lässt er kein Fettnäpfchen aus.

So bleibt eine Geschichte, die im ersten Drittel mit viel Potential beginnt, dann aber schwerer abstürzt als eine JU. Und faszinierende Bilder, vor allem in den Sequenzen aus dem zerbombten Blockadeberlin. (Stefan Pannor)

Ehapa Comic Collection, 176 S.; € 30,00

Comments are closed.