Nein, aktuell ist hier sicher der falsche Begriff. Seit ungefähr drei Jahren produziere ich nun schon Comicrezensionen für die Leipziger Comic Combo, meinen Stammladen, erst wöchentlich, inzwischen vierzehntägig. Lange Zeit liefen die Texte parallel auch für satt.org – mit dem Ende des dortigen Engagements ging die Veröffentlichung/ Verlinkung der Texte in diesem Blog etwas unter.

Das wird sich jetzt schon deshalb ändern, weil ich mir vorgenommen habe, die Texte, die sich im vergangenen Jahr aufgestaut haben, in einer Art Weihnachtskalender abzuarbeiten. Dafür dann aber auch in voller Länge. Und trotzdem mit Link zur Comic Combo – das sind schon deshalb nette leute, weil sie mir die Traumposition vollkommener inhaltlicher Freiheit bei Bezahlung bieten. 🙂

Hier also Aufholtext #1 – wer ein sehr gutes Gedächtnis hat, erkennt mein Manuskript zu meinem Jason-Lutes-Vortrag in der Leipziger Moritzbastei als Grundlage für die Rezension.

Bei der Comic Combo finden Sie den Text hier

Jason Lutes
Berlin – Bleierne Stadt

Jason Lutes - BerlinObwohl viele Comics von „Donald Duck“ bis „Batman“ in Großstädten spielen, bilden diese doch häufig nur die Kulisse für die Geschehnisse. In ganz wenigen Comics wird der Ort der Handlung selbst thematisiert – ruhmreiche Ausnahme sind die Chroniken der „Geheimnisvollen Städte“ von Schuiten und Peeters, in denen die Zusammenhänge zwischen Architektur und Soziologie vorgeführt werden.

Eine weitere Ausnahme ist „Berlin“ von Jason Lutes. Obwohl immer noch im Entstehen begriffen (400 der geplanten 576 Comicseiten sind fertig, 16 von 24 geplanten Kapiteln), lässt sich schon lange erkennen, dass hier Comicgeschichte entsteht – ein Werk von bleibender Bedeutung. Der mittlerweile vorliegende zweite Band der Trilogie verstärkt diesen Eindruck nur noch.

Lutes in den letzten Monaten der Weimarer Republik angesiedelte Geschichte ist nicht einfach nur ein weiteres Nazigarn eines US-Amerikaners. Der Zeichner entwirft ein breites Panorama der innerlich zerrissenen Stadt, in der sich Nazis und Kommunisten Strassenschlachten liefern und in der die Politik einen Verlust nach dem anderen davon trägt in dem Versuch, Deutschland zu demokratisieren. Es ist ein Drama, das mit dem Verkünden des Dritten Reiches im Januar 1933 enden wird.

Das wäre für sich schon interessant, aber noch nicht zwingend ein guter Comic. Lutes Meisterschaft aber liegt in der grafischen und psychologischen Genauigkeit. Nicht nur sind seine Darstellungen der Stadt und der damaligen Lage akkurat. Auch die handelnden Figuren trifft er exakt in Verhalten und Ton, egal ob nun großbürgerliche Künstlerin oder arbeitende Kommunistin, Nazi, Jurist oder Journalist. Darin zeigt sich der große Erzähler: jede Figur hat ihre eigene Stimme, und das macht sie in dem großen Reigen der umfassenden Erzählung so unverwechselbar und einprägsam.

Indem Lutes so das reale Berlin akkurat zeichnet und seine Geschichte auf einer Vielzahl verschiedenster, glaubwürdig portraitierter Menschen herunter bricht, deren Lebenswege sich immer wieder, oft nur für Sekundenbruchteile kreuzen, macht er das alte Berlin als komplexes architektonisches und soziales Netzwerk erfahrbar – und in Folge die Zeit in der diese Menschen leben.

Für diese Vorgehensweise stand der klassische Montageroman Pate – die Bücher von James Joyce, John Dos Passos oder Alfred Döblin. Lutes führt vor, wie hervorragend sich die Erzähltechniken dieser Autoren für den Comic eigenen. Ohne sich der Literatur anzubiedern, schafft er damit ein seltenes Beispiel für einen wirklich erstklassigen historischen Comic. Dessen einziger Mangel ist die Tatsache, dass bis zu seiner endgültigen Fertigstellung noch einige Jahre ins Land gehen werden. (stefan pannor)

Carlsen Comics, 212 S.; € 14,00

One Response to “Aktuelle Comicrezension (125): ‚Berlin – Bleierne Stadt‘ von Jason Lutes”

  1. g.haase says:

    Man lese dazu (oder vielleicht hat es auch Jason Lutes gelesen:

    Arthur R. G. Solmssen – „Berliner „Reigen“, original erschienen 1980 als „A princess in Berlin“

    Das spielt 1922/23 (also mitten in der Krise) und zeigt mit sehr genauem Blick das Entstehen der Dinge, die 10 Jahre später kulminieren.

    GvH