Einen fröhlichen vierten Advent – mit einem Klassiker der Comics, besprochen vor kurzem hier.
Maurice Tillieux
Jeff Jordan Gesamtausgabe 1
Männer ohne Eigenschaften gibt es im frankobelgischen Comic genug. Weder Tim noch Spirou etwa kann man tiefergehende Charakterzüge nachweisen. Sie funktionieren als Helden über ihr Tun, als Träger der Handlung, nicht als Träger von Gedanken.
Auf den ersten Blick unterschiedet auch Jeff Jordan sich nicht groß von denen. Ein junger, überaus dynamischer Privatdetektiv, mit abgeschlossenem Jurastudium und einem Sinn für Geschäftsmöglichkeiten im Bereich der Verbrechensbekämpfung. Viel mehr ist kaum über ihn bekannt..
Zudem sind seine Abenteuer oberflächlich gesehen Massenware. Inhaltlich unterscheiden sich die sechzehn von Maurice Tillieux geschriebenen und größtenteils auch gezeichneten Geschichten, die sich allesamt um das Fangen eher harmloser Gauner drehen, nicht von anderen vergleichbaren Serien ihrer Zeit, der Fünfziger- und Sechzigerjahre, als die Kinder- und Jugendcomics in Frankreich in Magazinen wie „Spirou“ und „Tintin“, später auch in „Pilote“ ihre hohe Zeit hatten. Die Plots und Handlungsverwicklungen sind selten überraschend, die Auflösungen immer den Maßregeln der Redaktion nach gewaltfrei und unblutig und gelegentlich haarsträubend konstruiert. Jordan wird begleitet von dem etwas tüdeligen Bullen und dem Gauner mit dem goldenen Herz. Das kennt man ja.
Was freilich Tillieuxs Geschichten von vergleichbaren Serien erhebt und auch heute noch relevant macht, ist ihr unvergleichliches Spiel mit der Form. Tillieux, der grafisch ziemlich genau in der Mitte zwischen Hergé und Franquin steht, einerseits einem klaren, reduzierten Realismus huldigt, andererseits teils bis ins Extrem mit Atmosphäre und Gefühl aufgeladene Bilder produziert, spielt wie kein anderer mit Timing und Tempo der Erzählung und nimmt dabei viele Erzählmethoden voraus, die erst zwanzig Jahre später in Europa Konjunktur haben sollten.
Vor allem die Erzählzeit hat es ihm angetan.Zwei der vier Geschichten im ersten Band dieser Gesamtausgabe beschreiben im Kern die Ereignisse weniger Stunden. Höhepunkt der Dekompression: zwei vier bzw. sechs Seiten lange Sequenzen, in denen die Geschehnisse von gerade einmal fünfzehn Minuten bis aufs gerade noch erträgliche Maß auseinander gezerrt werden und so – unser Held befindet sich natürlich gerade in lebensbedrohlicher Situation – eine nachgerade atemberaubende Spannung erzielt wird.
Suspense wie bei Hitchcock, könnte man diese Erzählweise zusammen fassen. Ein Klischee, das hier sogar ausnahmsweise einmal stimmt. Teilt doch Tilieux noch eine Eigenart mit dem britischen Regisseur: der Verzicht auf Dialog, wo nur irgend möglich. Wie kaum ein anderer Zeichner seiner Generation und Herkunft verläßt sich Tilieux auf das Bild als Vermittler der Geschichte. Mitunter über mehrere Seiten fällt in den Geschichten kein Wort. Wenn andere Kritiker – etwa im Vorwort der vorliegenden Ausgabe – festhalten, der Autor sei ein Meister des komischen Dialoges gewesen, dann verschweigen sie, dass seine Figuren eines noch viel besser konnten: in bedrohlichen Situationen die Klappe halten.
Tilieux nahm damit die Mittel des europäischen Autorencomic um zehn bis zwanzig Jahre voraus. Nicht umsonst wird er gerade von den Künstlern dieses Bereichs so verehrt. Ähnlich wie sein Kollege Will Eisner mit dem „Spirit“ steht Tillieux mit „Jeff Jordan“ an einer Schnittstelle zwischen massentauglicher Unterhaltung und innovativer Erzählkunst, und damit an exponierter Stelle im französischen Comicbetrieb – seine Geschichten sind ebenso unterhaltsam wie aufschlußreich, was die Erzählweisen des Comic angeht. Vor allem aber machen sie immer noch einen Mordsspaß.
Ehapa Comic Collection, 224 S.; € 29,95 (stefan pannor)
Männer ohne Eigenschaften gibt es im frankobelgischen Comic genug. Weder Tim noch Spirou etwa kann man tiefergehende Charakterzüge nachweisen. Sie funktionieren als Helden über ihr Tun, als Träger der Handlung, nicht als Träger von Gedanken.
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