Aktuelle Comicrezension (160): ‚Fräulein Rühr-mich-nicht-an‘
Posted by: Stefan, in JournalistischesHubert & Kerascoet
Fräulein Rühr-mich-nicht-an
Prostitution als Ausbruch aus einengenden Strukturen: schon Bunuel hat in seinem Film „Belle de Jour“ dieses Thema behandelt. Für seine Heldin, gespielt von Catherine Deneuve, ist der Weg ins Bordell ein Ausweg aus den bürgerlichen Verhaltensnormen und einem grundsätzlich als unbefriedigend empfundenen Leben.
Blanche, die Hauptfigur in „Fräulein Rühr-mich-nicht-an“ flieht auch ins Bordell, aber aus einem völlig anderen Grund: ihre Schwester wurde ermordet und sie vermutet den Mörder im Dunstkreis des Etablissements. Ausserdem weiss sie nicht, wohin sonst. Die Pointe: sie ist Jungfrau und will es auch bleiben.
Die Geschichte hat verblüffende Ähnlichkeit mit einem Internatsroman. Denn wie auch dort können die Mädchen das Haus nicht oder kaum verlassen, gibt es eine gestrenge Leiterin, spielen die Huren einander zum Teil äußerst gemeine Streiche, gibt es Freund- und Feindschaften und eine Vielzahl individueller Charaktere. Blanche ist darin der Neuling, der die für die Alteingesessenen selbstverständlichen Abläufe stellvertretend für den Leser mit staunenden Augen betrachtet.
Weil diese Ähnlichkeit besteht, gibt es auch die Gefahr der romantischen Idealisierung – zumal die Erzählung in den Dreissigerjahren angesiedelt ist, also kurz vor dem Zweiten Weltkrieg, im sich auf dem Höhepunkt des savoir vivre befindlichen Paris.
Und tatsächlich ist „Fräulein Rühr-mich-nicht-an“ ein Buch, in dem die realen Probleme und Gefahren der Prostitution (Geschlechtskrankheiten, Vergewaltigung, Abhängigkeit und emotionale Verkrüppelung) sowie der historische Hintergrund nur am Rande Erwähnung finden. Der Comic handelt von seiner eigenen Welt, jener des fiktiven, überaus eleganten Bordells. Eine Phantasie-Welt: die Mädchen dort sind allesamt hübsch und machen ihren Job ohne darüber zu reflektieren, ja haben offenkundig sogar Spaß an ihrer Tätigkeit. (Ebenso der Zeichner. Mehr als einmal verlieren sich die Bilder in den reizvollen Dessous der Protagonistinnen.)
Dazwischen Blanche, die sich ihre Jungfräulichkeit bewahrt, indem sie zur Domina wird, die aus ihrem Graue-Maus-Kostüm in die Lederkluft schlüpft. Dennoch ist sie keine Deneuve. Sie bricht nicht aus, sie bricht ein – im Wortsinne, gleich zu Beginn der Geschichte, in das Bordell. Zu keinem Zeitpunkt freilich hat sie das Heft des Handelns wirklich in der Hand, immer wird ihr von anderen gesagt, was sie zu tun hat.
So handelt „Fräulein Rühr-mich-nicht-an“ letztlich weder von einer Emanzipation noch von einer Entwicklung der Hauptfigur, auch nicht von einer wirklichen Erkundung der Prostitution oder einem brauchbaren Zeitbild. Eher irritiert betrachtet Blanche die schöne, aber falsche Welt des Bordells, deren ironiefreie Idealisierung und Herunterbrechend auf amüsante, anzügliche Episoden durch die Erzähler mindestens fragwürdig genannt werden muss. (stefan pannor)
Reprodukt, 48 S.; € 12,00
Verfasst für die Leipziger Comic Combo.
Prostitution als Ausbruch aus einengenden Strukturen: schon Bunuel hat in seinem Film „Belle de Jour“ dieses Thema behandelt. Für seine Heldin, gespielt von Catherine Deneuve, ist der Weg ins Bordell ein Ausweg aus den bürgerlichen Verhaltensnormen und einem grundsätzlich als unbefriedigend empfundenen Leben.
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