Glanz und Elend der Wiechmannschen Comicproduktion: in keinem Band, den ich bisher von diesem Autor gelesen habe, kommen sie so eng zusammen wie in „Thomas der Trommler“.
Vorweg: ich habe einen gewaltigen fachlichen Respekt vor Peter Wiechmann. Der Umfang seines Werkes als Comicautor (wie viel tausend Seiten mögen es sein?), die thematische Breite, die rein fachliche Umsetzung, die in der Regel stabil ausgearbeiteten Plots und nicht zuletzt das (zumindest auf grammatikalischer Ebene) einwandfreie Beherrschen der deutschen Sprache – das ist nicht zu leugnen.
Das macht Peter Wiechmann zu einem versierten Autor – nur leider nicht immer zu einem lesbaren. In der Kunst findet das Handwerk seine Grenzen: nicht nur neigt Wiechmann zu einem Kurzsatz-Sprachstil, neben dem die BILD-Zeitung sich manchmal ausnimmt wie Joyce. Seine beschreibende Prosa ist in der Regel weniger prägnant, sondern vielmehr abgehackt. Ein Stil, den er offenbar in den vergangenen Jahrzehnten verinnerlicht hat: die Vielzahl autobiographischer Texte und Nachworte von ihm sind im selben Duktus gehalten.
Und dann sind seine Plots, so stabil sie auch sein mögen, in höchstem Grade trivial. Wie in diesem Band. Der ist, das lässt sich nicht anders sagen, grandios gezeichnet. Josep Gual und Juan Sarompas, die sich in die rund 130 Comicseiten reinteilen, gehören zu den hierzulande nahezu völlig unbekannten spanischen Viel- und Studiozeichnern, die in einer gerechteren Welt Stars der Szene wären (bzw. gewesen wären, Sarompas ist tot).
Das ist nicht nur stupide Umsetzung der inhaltlichen Vorlagen, das ist von beiden eine meisterhafte Rekonstruktion der Epoche des Dreissigjährigen Kriegs, detail-, mehr aber noch atmosphäreverliebt. Natürlich, die Serie erschien ursprünglich in einem Kindermagazin, deutlich entschärft und ohne Sex- oder übermässige Gewaltanteile. Aber grade Sarompas zeigt sich als Meister feinst ziselierter ruhiger Bilder, während Gual kräftige, dynamische Actionsequenzen zeichnet. Angesichts der optischen Pracht, grade in der schwarz-weissen Reproduktion hier in diesem Buch, lässt sich mit den inhaltlichen Beschränkungen leben.
Bloss leider, so gern ich es ansehe: es ist unlesbar.
In acht bis zehn Seiten langen Episoden hämmert Wiechmann die Lebensgeschichte des titelgebenden Thomas raus, ein Adelssohn, der zum Landsknecht wird und als Minderjähriger Karriere in Tillys Heer macht. Als wäre diese Figur, die trotz ihrer Jugend nahezu alles perfekt hinbekommt und jedem Militärstrategen überlegen ist, nicht schon überzeichnet genug, stellt der Autor ihr ein paar bizarre Helfer zur Seite, Superkämpfer, die Thomas aus jeder Situation hauen (falls das denn mal nötig ist). Extremster Fall: Dschingis, der mongolische Bogenschütze… genau: ein Mongole im Dreissigjährigen Krieg. Und keiner wundert sich.
So zerpufft das ganze sehr atmosphärisch und eigentlich auch spannend aufgebaute Kriegsdrama in Lächerlichkeit, in pathetischen Dialogen und schon aufgrund ihrer Anlage mit dem unbesiegbaren Helden in spannungsarmen Episoden. Am interessantesten sind da noch die beigefügten historischen Erläuterungen zwischen den Seiten, aber auch die im Wiechmannschen Minimal-Duktus und daher als Geschichtslehrstunde nur bedingt brauchbar. (Und in Teilen fiktiv, wenn Wiechmann selbsterfundene Bauernlieder in seine historischen Betrachungen einfliessen lässt.)
Glanz und Elend der Wiechmannschen Comics, wie gesagt: durch ihre Anlage und ihre zeichnerische Ausarbeitung locken sie immer wieder, doch stellt sich beim Lesen heraus, dass diese Lockung rein oberflächlich war. Histo-Fast-Food, wenn man so will.
Wiechmann/ Sarompas/ Gual: Thomas der Trommler
Cross Cult, 160 S.; €26,00
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März 1st, 2011 at 14:37
Word. Egal ob Hombre oder der Trommler.
März 1st, 2011 at 17:47
Hatte ich am Montag im Shop in der Hand und wusste nicht so recht was ich davon halten soll. Gut, dass ich das nicht gekauft habe. Ich vertrau Dir da mal. 😉
März 16th, 2011 at 14:11
Irgendwie eine typisch deutsche Rezension.
Nur im deutschsprachigen Raum wird triviales als Negativum beanstandet.
Alles Quatsch! In anderen Länder gibt es diese Unterscheidung nicht.
Das ganze Leben ist eine Aneinanderreihung von Trivialitäten, wie soll es da in „Comic“-Stories anders sein? Und warum sollte es das denn überhaupt?
Thomas, der Trommler ist uneingeschränkt empfehlenswert!
1. Weil es, eben durch die Texte mit spannenden Geschichten einen guten Einblick in den 30jährigen Krieg gibt
und
2. (wie schon richtig bemerkt) das Artwork ein ausgezeichnetes ist!
März 18th, 2011 at 00:04
Hallo, Paul E.
Wo siehst Du denn hier Triviales als Negatives beanstandet? Allein die Feststellung, dass es Trivial ist, ist eben doch nur das: Ne Feststellung. Und zumindest diese Feststellung seh ich in der Rezension nirgends bewertet, schon gar nicht negativ.
Was negativ rüberkommt ist die ‚Unlesbarkeit‘ des Wiechmann’schen Sprach-Duktus, dessen Vorliebe für abgehackte Wortfetzen tatsächlich im Alter schlimmer geworden scheint. So dass der Sprachstil der Neuausgaben bei CC diesbezüglich noch ärger gerät als die Original-Veröffentlichungen vor 30, 40 Jahren in primo, Yps etc.
Und heutzutage noch ärger auffällt, weil er mehr reflektiert wird als damals (was nicht nur an der Zeit, sondern auch am Zielpublikum liegt).
Und wo er Recht hat, der Pannor, da hatter Recht.
März 19th, 2011 at 03:29
Ich kann Paul E. nur zustimmen… „Thomas der Trommler“ ist einer der schönsten historischen Comics überhaupt, um so bewundernswerter, dass er aus der Feder eines deutschen Autors stammt.
Diese substanzlose Aneinanderreihung von Gehässigkeiten lässt nur den Rückschluss zu, dass der Rezensent offenbar sehr darunter leidet, dass er kein „Star in einer gerechteren Welt“ ist. Wer des Lesens nicht mächtig ist, für den ist alles „unlesbar“.
März 20th, 2011 at 12:08
Ich habe obenstehenden Kommentar lediglich freigeschaltet als Beispiel für die Art Kommentare, die ich hier dem Tonfall nach lieber nicht sehen möchte.
Ich bitte um – freundliche! – Beachtung.
März 20th, 2011 at 12:57
Ich sehe das wie Peter F. (war der Kommentar vor zehn Minuten schon da?), Trivialität wurde nicht als etwas grundsätzlich negatives dargestellt. Würde mich beim Pannor auch wundern. Es ist ihm lediglich hier als störend aufgefallen. Da mag man sicher geteilter Meinung sein, es ist aber ein angebrachter Einwand.
Ebenso kann man über die eine oder andere Formulierung streiten (z. B. ob der BILD-Vergleich wirklich nötig war), aber alles in allem ist das eine sachliche Betrachtung von „Thomas der Trommler“. Insofern kann auch keine rede von einer „substanzlosen Aneinanderreihung von Gehässigkeiten“ sein. Die finde ich eher in besagtem Beitrag.