Unregelmäßig habe ich in den letzten zwei Jahren Kurzrezensionen fürs COMIX verfasst. Nicht alle sind erschienen (aber alle wurden bezahlt) – darum kurz und schmerzlos hier das Komplettset in zwei Teilen.

Teil 2 mit UPGRADE, Simpsons, Schwarwel, Peanuts, David Cantolla und Kerascoet.

Graupner/ Wüstefeld
Das Upgrade

Asterix, Ausreißer, California Dreaming, DDR-Geburtstag, Dresden-Gorbitz, E-Mails, gelbe Gummimäntel, Hannes-Hegen-Hommage, Homo-Ehe, „Honegger“, Mexiko, Mayas, Soundpixel, Surfrock, Stasioffizierinnen (sexy), Schnee, Teleportation, Tenochtitlan, Zeitreisen, Zeltlager. Das alles ist drin im zweiten Band vom „Upgrade“, Sascha Wüstefelds und Ulf Graupners arschkomischem, aber handlungstechnisch womöglich etwas unaufgeräumtem multidimensionalen Mindfuck. Für den ersten Band gabs den Goldenen Gartenzwerg und den ICOM-Independent-Preis. Für den zweiten Band hätte ich mir eine Putzfrau mit Ploterfahrung gewünscht, die das Surfrock-Ostblock-Chaos mal etwas aufräumt. Jedenfalls wüsste ich gern vor meinem 40. Geburtstag (der sogenannte „Republikgeburtstag“, har har), worum es in der Serie eigentlich geht. „Yeah Yeah Yeah“ (Erich Honecker). (48 S., € 9,90)

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„Bart Simpsons Kumpel Milhouse“

Das muss schlimmer sein als vor der Schule das Essensgeld abgeknöpft zu kriegen: nur der Kumpel zu sein, der statt einer eigenen Serie bloß einen One-Shot kriegt. Tatsächlich ein One-Shot-Wonder, denn so heißt die Reihe in den USA: „Bart Simpsons Kumpel Milhouse“ ist das zweite von insgesamt sechs Heften zu, na sagen wir mal, Haupt-Nebenfiguren der „Simpsons“. Nicht alles Loser: auch Maggie und Mister Burns bekommen ein Miniabenteuer spendiert. Skurriler Höhepunkt: das Frank-Frink-Heft mit passend zum wirren Wissenschaftler 3-D-Brillen-Gimmick (jedenfalls in der US-Ausgabe). Seltsam: Homer Simpson kriegt als „Li’l Homer“ ein Jugendabenteuer auf den Leib erzählt (als hätte man das nicht in der Hauptserie machen können). Wer fehlt: Marge Simpson, die damit als einzige Kernfigur der Serie in fünfundzwanzig Jahren kein eigenes Comicheft hatte. Sergio Aragones und Gail Simone haben an der Reihe mitgewirkt, was heißt: das kann man gut lesen.

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Schwarwel
Schweinevogel Total-O-Rama 2

Immer noch keine Herrenjahre: „Die Lehrjahre“ heißt der zweite Band der gesammelten Schweinevogel-Comicstrips, -Comichefte, – Scribbles, – Karikaturen -Storyboards und Hastenichgesehen des Leipziger Comiczeichners Schwarwel im Untertitel. Ein gewaltiger Output, an die siebenhundert Seiten, in gut fünf Jahren praktisch neben der eigentlichen Arbeit aus Trickfilmmachen und Werbegrafik und Graphicnovelzeichnen („Seelenfresser“, aktuell zwei Bände) aus dem Leib gezeichnet. Dass da nicht alles sitzt, ist klar, dass manche Pointen keine sind, auch. Zwischen anarchischen Hegen-Hommagen und Strips für die Leipziger Verkehrsbetriebe gibt es viel Gold zu entdecken und viel Schund. Ob wirklich jeder auf dem Studioboden noch rumliegende Strich zur Figur des Schweinevogels reingemusst hätte, darüber kann man streiten. So prallvoll wie es jetzt steht, repräsentiert dieser Handgelenkkiller von einem Buch auf jeden Fall ein ehrliches und grundsympathisches kreatives Chaos.

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Nat Gertler
Die Peanuts-Schatztruhe

Da wird der kleine Junge ganz groß – oder war’s andersrum? „Die Peanuts-Schatztruhe“ ist, obwohl man das Buch auch so lesen kann, kein Sachbuch zur Geschichte von Schultz’ Strip. Dafür sind die Texte dann doch etwas zu beliebig. Nein, das ist ein Entdeckerbuch, das vor allem die selten ausgeleuchteten Ecken des Strips betrachtet. Fotos über Fotos zu Merchandise, Storybooks für Trickfilme, Briefe an und von Schultz, letztere oft liebevoll illustriert. Besondere Höhepunkte sind die gut dreissig Einleger: ganze oder auszugsweise Reprints von Malbüchern, Kochbüchern, beigelegte Filmstills, großformatige Drucke… es lohnt sich jede Seite genau durchzupfriemeln, ob da nicht doch noch irgendwo ein Kleinod verborgen ist. Ein tolles Buch zum Angucken, mit viel rarem Artwork, für den Peanuts-Fan, der sonst schon alles hat.

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David Cantolla/ Juan Díaz-Faes
Scheitern als Erfolg – Kung-Fu für Unternehmer

Vom Millionär zum Tellerwäscher und wieder zurück. Wir hören die Geschichte gern, weil sie uns den Glauben gibt, dass jeder Zustand im Leben nur temporär ist. David Cantollas Aufstieg und Fall und Aufstieg als Internet-Pionier und anschließend TV-Produzent („Pocoyo“) ist exemplarisch für die beliebte These, dass man alles schaffen kann, wenn man nur an sich glaubt. Hier präsentiert wird die wahre Geschichte in winzigen Bröckchen und „Memento“-artig rückwärts, durchbrochen von einigen mäßig nützlichen Ratschlägen für erfolgreiches Busineß. Der Rückblick auf das Platzen der Dotcom-Blase 2001, das Schuld an Cantollas Pleite hat, wirkt verblüffend historisch, lange her, weit weg – es sind erst zwölf Jahre. Selbstkritik liegt Cantolla fern: natürlich sind immer die anderen schuld. Als es spannend wird, als Cantolla ganz unten ist, bricht die Geschichte ab und blendet erst wieder ein, als er wieder Erfolg hat. Ja, wie nun? (Egmont Graphic Novel, 280 S.; € 24,99)

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Kerascoet & Hubert
Schönheit

Welch hinreißendes Cover – und schon das ist eine Lüge: Morue (frz. f. Stockfisch) ist die grauste aller Mäuse. Weil ihr eine Fee die Fähigkeit gab, dennoch hinreißend zu erscheinen, stürzen im Kampf um ihre Gunst Königreiche und werden Armen abgeschlachtet. Faszinierende Fabel über Schein und Sein, Lug und Trug, das charmant mit den Mitteln des Comics spielt. Natürlich ist Morue nur dann schön, wenn andere (vor allem Männer) sie sehen, nicht wenn sie ganz bei sich ist. Der Leser bekommt abwechselnd zwei Frauen gezeigt, die eigentlich eine sind, elegant mit nur minimalen Unterschieden ganz verschieden gezeichnet. So schön die Graphik ist, überschlagen sich vor allem im Mittelteil die Ereignisse leider so sehr, dass der Leser nur noch verwundert zuschauen kann – etwas mehr Volumen hätte der schwarzhumorigen, gleichzeitig lyrischen Betrachtung über Schönheit, Wahn, Macht und Wahrheit gut getan. (Reprodukt, 152 S.; € 36,00)

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One Response to “Texte für COMIX (02)”

  1. Stefan Pannor » Blog Archive » Texte für COMIX (01) says:

    [...] Aktuelle Comicrezension (236): ‘Bruno Brazil’ & ‘Bruce J. Hawker’ Texte für COMIX (02) » 08 03 [...]

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