Homers Odyssee als Bildwucht, der Rattenfänger von Hameln als feinziselierte Mittelalter-Fantasy und ein Gastauftritt von Louis Armstrong auf der Bourbon Street – drei aktuelle Comics beschäftigen sich mit überaus populären Mythen.

Pérez Navarro/ Martín Saurí
Die Odyssee

Gute 30 Jahre hat es gedauert, bis diese Nacherzählung von – mutmaßlich – Homers Langgedicht auf deutsch erschien.

Das verblüfft, so wie der jetzige Zeitpunkt. Ist doch der Comic klar in den Achtzigerjahren verortet. Als Vorbilder lassen sich Alberto Breccia ausmachen, der frühe Manara, Bernie Wrightson vor seinem Unfall, möglicherweise auch das Team Dave Sim/ Gerhard.

Von denen wird der Hang zu fein ziselierten, schraffur- und schattenreichen ganz und doppelseitigen Tableaus übernommen, die eher trotz aller Freizügigkeit und Gewalt in den Bildern eher kontemplativen Charakter haben. Es sind die schlechtesten Vorbilder nicht, und Navarro/ Saurí meisterhafte Schüler.

Gut, dass gar nicht erst der Versuch unternommen wurde, ihre ruhigen, kontrastreich komponierten Bilder zu kolorieren.

Denn sie sind es, die das Buch tragen. Angesichts der überwiegend großen Panels, der zwangsläufig ausschnitthaften Erzählweise lässt sich nicht vermeiden, dass die Handlung gedrängt wirkt, das Agieren der Figuren zur Nebensache wird, wenn Zyklopen, Göttinen und Sirenen in Szene gesetzt werden.

Damit erhebt sich der Band gleichzeitig über alle vergleichbaren Versuche im Comic, „Die Odyssee“ zu adaptieren, indem er, statt sklavisch am Text zu kleben oder eine bequeme Nacherzählung zu liefern, zu einer ganz eigenen Erzählsprache findet, die als individuelle Auslegung zweier Künstler begriffen werden muss, nicht als Werk im Fahrwasser eines anderen Werkes.

Und selbst wenn man dieser Auslegung dann eben doch ein wenig Holprigkeit attestieren muss, atemberaubend anzusehen ist es allemal.

Ehapa Comic Collection, 72 S.; € 19,99

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André Houot
Der Rattenfänger von Hameln

Francois Bourgeon hat im Comic Maßstäbe gesetzt – nicht zuletzt in der Darstellung des Mittelalters in seinem Dreiteiler „Die Gefährten der Dämmerung“.

Houot ist fraglos Bourgeon-Epigone. Die fein schraffierten, ruhig strukturierten und detailreichen Seiten, die ordentlich durchgezirkelten Stadtansichten und die ruhigen, immer leicht melancholischen Landschaftsansichten verweisen in diesem Album praktisch durchgängig auf das große Vorbild.

Freilich ist Bourgeon nicht nur ein brillanter Zeichner, sondern auch ein sehr guter Erzähler. Daran mangelt es Houot. Um die sowieso schon etwas dünne Legende vom Rattenfänger von Hameln auf die nötige Seitenzahl zu bekommen, braucht Houot nicht nur eine Rahmenhandlung, sondern muss den Band auch mit einer unglücklichen Liebesgeschichte vollstopfen.

Und es reicht trotzdem nicht. Vielleicht weil die Figuren zu offensichtlich am Reißbrett entworfen wurden, weil keine der Figuren über die rein graphische Ebene hinaus Tiefe oder Eigenleben bekommt.

Ein Augenschmaus, und wenig originell.

Ehapa Comic Collection, 48 S.; € 13,99

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Pilippe Charlot/ Alexis Chabert
Bourbon Street 1 – Die Geister des Cornelius

Möglicherweise ein Stand-in für den sich verzögernden dritten Band der ebenfalls bei Ehapa erscheinenden Serie „Ol‘ Boys“. Wie in dieser siedelt auch „Bourbon Street“ im Süden der USA, es geht um Musik – nur in diesem Fall um Jazz und Swing, nicht wie bei „Ol‘ Boys“ um Blues.

Leider ist das aber schon die ganze Verwandtschaft. „Ol‘ Boys“ entwickelt einen relativ straighten, temporeichen Plot angelehnt an „Huckleberry Finn“.

„Bourbon Street“ will dagegen eher die Neuerzählung des „Buena Vista Social Club“ sein, nur mit anderem Personal und anderer Musik.

Vier alte Männer also, die sich nochmal zusammenraufen, um, inspiriert durch Wenders‘ Film, als Swing-Band auf Tour zu gehen. Ein wenig New Orleans prä-Katrina, ein wenig Bajou – die Zeichnungen sind stimmungsvoll. Die Handlung ist es nicht.

Was eine lyrische Abhandlung über das Altwerden hätte werden können, kontrastiert durch das Konzept eines der jugendlichsten Musikstile, vielleicht ein Roadmovie die Erinnerungsstraße runter, versumpft leider in einer Vielzahl Zeitebenen und pathetischer Geschwätzigkeit des Autors. Da helfen auch die paar Satchmo-Cameos nicht.

Dabei bleiben die Figuren, trotz diverser Rückblenden, Mono- und Dialoge verblüffend farblos. Ein Album, das zwischen äußerer Schönheit und innerer Leere zerbricht – ganz unmusikalisch.

Ehapa Comic Collection, 56 S, € 13,99

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