Aktuelle Comicrezension (163): „O’Boys“ – Neue Deals und alte Teufel.
Posted by: Stefan, in JournalistischesThirault/ Cuzor
O’Boys
von Stefan Pannor
Letztlich wartet auf jeder Kreuzung der Teufel.
Von Tommy Johnson hiess es, er habe seine Seele nachts auf einer Kreuzung dem Teufel verkauft, um den perfekten Blues spielen zu können. Das war in den Dreissigerjahren. Robert Johnson, nicht verwandt mit Tommy, erzählte die gleiche Geschichte von sich, um, fast genau zur gleichen Zeit, seine Musikerkarriere anzukurbeln. Beide gelten als zentrale Figuren des Delta Blues, der schwarzen Musik rund um das Mississippi-Delta.
Das ist der Teufel, den Charley Williams sucht. Blues scheint der einzige Ausweg aus dem Dasein als völlig entrechteter Arbeiter im Süden der USA. Zusammen mit dem jungen Huck Finn macht er sich auf eine Odyssee durch die Südstaaten, von der Polizei gejagt, von den weissen Hobos verachtet, von Huck genervt.
Es ist eine bildprächtige Reise, von endlosen Bahnstrecken und dem gewaltigen Mississippi-Delta. Der Süden der USA, hinterwäldlerisch und heiss, wirkt so exotisch wie die Musik, die in der Geschichte eine zentrale Rolle spielt. Immer wieder besuchen Huck und Charley die „Blues-Shags“, Blueshütten, und natürlich singen auch die Hobos am Lagerfeuer und in den Zügen ihre Lieder. Obwohl der Comic wenig beschönt, vor allem was die Situation der schwarzen Arbeiter der damaligen Zeit angeht, obwohl Gewalt, Rassismus und Armut zentrale Elemente der Handlung sind, ist er doch eine schöne und gelegentlich nostalgische Erzählung.
Auffällig ist die Dichte der Zitate. Huckleberry Finn stammt natürlich aus Mark Twains gleichnamigen Roman, von dem zumindest der erste Band der Serie auch weite Teile der Handlung übernimmt. Die Verlagerung in die Zeit der großen Depression vor Inkrafttreten des New Deal – als Handlungszeit sind die Jahre 1931 bis 1935 angegeben – verweist auf klassische amerikanische Autoren wie John Steinbeck.
Deutlicher als die literarischen ist der filmische Verweis. „O Brother where art thou“ von den Coen-Brüdern findet sich in der Handlung und in den Figuren wieder, am deutlichsten in der Darstellung des Sherriffs, der Huck und Charley verfolgt. Dieser Film – und der ähnlich gelagerte „Crossroads“ – scheint auch Hauptinspirationsquelle der verwendeten Musik gewesen zu sein.
So ist denn „O’Boys“ nicht nur eine farbprächtige Mark-Twain-Hommage, sondern viel mehr noch, wenn auch unterschwelliger, ein Loblied auf den Südstaatenblues und auf Robert Johnson im Besonderen, dessen Lieder an mehr als einer Stelle zu Ehren kommen und zitiert werden und der in Form von Lucius Johnson ein nur gering verstecktes Cameo hat.
Zwei Bände der nicht unbedingt originellen, aber sehr schön gemachten Serie liegen vor. Ob Charley Williams seinen Teufel trifft, und wenn ja, welcher das sein wird, dürfte der abschließende dritte Band aufklären.
Ehapa Comic Collection, je 64 S.; € 13,95. Bisher sind zwei Bände erschienen.
Nachtrag: Folgenden Absatz habe ich aus dem Manuskript rausgeschmissen:
Der Teufel steckt hier, wie immer im Detail. Lucius Brown, später auch Charley Williams, singt Lieder von Robert Johnson, die nachweislich erst nach der Handlungszeit der Alben entstanden: „Terraplane Blues (1936), „Hellhound on my Trail“, „Last Fair Deal Gone Down“ (beide 1937).
Sind zufällig Blues-Fans anwesend, die mir mehr zur Entstehungszeit (nicht Veröffentlichungszeit) der angesprochenen Lieder sagen können?
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Juli 23rd, 2010 at 13:52
Hallo,
ich finde in Blues Collection Heft 6 nur was zu „Terraplane Blues“: „Mitte der 30er jahre war der Hudson Terraplane ein beliebtes Auto – 1936 zahlte man stolze 595 Dollar dafür. und ein vertrauter Anblick auf amerikanischen Strassen.“ Ansonsten nur, dass es März 1937 veröffentlicht wurde und ein bescheidener Hit zu Lebzeiten war.
Die anderen beiden Stücke befinden sich leider nicht auf der Auswahl-CD, deshalb auch keine Info.
Das ist jetzt vermutlich gar nicht neu.
Übrigens: Bob Dylan erwähnt „Terraplane“ auch namentlich in seinen „Chronicles“, wo er seiner Begeisterung über Johnson freien Lauf lässt. Er verweist auch auf einen acht Sekunden langen Filmausschnitt der Johnson beim Gitarre spielen zeigen soll, ich meine den auch in einer Dokumentation mal gesehen zu haben.
Gruß, Thomas
Juli 24th, 2010 at 08:38
Lieber Stefan Pannor,
Bluesgeschichte ist aus vielen Gründen die sprichwörtliche can of worms. Bei den drei von Ihnen genannten Liedern darf man vielleicht, so weit das bei einer ständig unbekümmert auf den kollektiven Motive- und Metaphernfundus zugreifenden und dann Schöpferansprüche anmeldenden Wandermusikerszene überhaupt geht, behaupten: es sind Originale von Robert Johnson. Das schränkt ihre Entstehungszeit auf sechs, sieben Jahre ein: 1936 und 1937 hat Johnson seine beiden Aufnahmesitzungen absolviert. 1930 war er Nachbarn,. Publikum und Mitmusikern durch einen abrupten Qualitätssprung seiner zuvor eher hausbackenen musikalischen Bemühungen aufgefallen.
Dieser Sprung hat zum bildkräftigen Schauermärchen geführt, Johnson habe an einer mitternächtlichen Landstraßenkreuzung seine Seele dem Teufel überlassen, im Tausch für seine neuen Gitarrenkünste. Die Legende hat Johson dann gern in Texten geschürt.
Die Frage, ob die vermeintlich originellen Text- und Musikanteile dieser Johnson-Songs nicht vorher schon zwar nicht munter zirkuliert, aber in einer der vielen lokalen Bluesstilnischen doch existiert haben könnten, lässt sich wirklich sicher aber nicht mehr beantworten.
Schöne Grüße,
Thomas Klingenmaier
Juli 25th, 2010 at 12:59
Besten Dank an beide. 🙂
Juli 9th, 2012 at 12:34
[…] ein Stand-in für den sich verzögernden dritten Band der ebenfalls bei Ehapa erscheinenden Serie „Ol’ Boys“. Wie in dieser siedelt auch „Bourbon Street“ im Süden der USA, es geht um Musik – nur in […]