Ein Wort: Barks!

Mehr muss da – meines Erachtens nach – nicht gesagt werden.

Sie finden den Text auch hier.

Carl Barks
Onkel Dagobert

Carl BarksGleich in seinem allerersten eigenen langen Abenteuer, „Der arme reiche Mann“, erklärt Onkel Dagobert seinem Neffen Donald, wie toll doch das Reichsein sei. Man müsse sich um nichts mehr sorgen. Nur um die Motten, die das Geld auffressen. Und die Ratten, die es zernagen. Und die Spinnen, die ihm schaden. Und natürlich die Diebe. Abgesehen von der permanenten Dauerangst um den Verlust des Geldes sei Reichsein also ganz toll.

Bekanntlich ist Dagobert Duck die reichste Ente der Welt. Weil das so ist, ist auch seine Angst um den Verlust des Geldes die größte der Welt. Aus dieser Übertreibung entsteht die Spannung – wenn Dagobert Duck um sein Geld kämpft, ist das naturgemäss ein Kampf von epischen Ausmassen. Das freilich macht ihn noch nicht sympathisch. Im Gegenteil: eigentlich müsste man ihn hassen, den Geizkragen, der sogar seine Familie zum eigenen Vorteil ausnutzt, den ewigen Griesgram. Aber er ist eine der beliebtesten Disney-Figuren überhaupt. Wieso?

Das Geheimnis für Dagoberts Beliebtheit findet sich, natürlich, in den Geschichten von Carl Barks. Barks, der sich vor seiner Zeichentrick- und Comickarriere in vielen Berufen versucht hatte (darunter Holzfäller, Farmer, Eseltreiber und Cowboy), war eigentlich eher ein Donald Duck: ein normaler Bürger mit normalen Problemen und selten genug Geld in der Tasche. Wohl auch darum fiel Barks der Zugang zu dieser Figur leicht, für die er im Lauf der Jahrzehnte insgesamt ein paar hundert Geschichten zeichnete und schrieb.

An die Figur des reichen Onkels mit dem Geldspeicher tastete er sich dagegen nur langsam heran. Ab 1947 tauchte der von ihm kreierte Erpel mit Backenbart und Zwickel in einzelnen Donald-Geschichten auf, in mehr oder weniger großen Rollen. In diesen Geschichten gab Dagobert meist eher die Rolle des Schurken oder zumindest des Unsympathen.

Die Freundschaft zwischen Zeichner und Figur musste langsam wachsen. Erst ab 1952 erzählte Barks eigene Geschichten mit dem ewigen Geizkragen. Da muss er erkannt haben, dass auch Dagobert eine der Facetten seiner eigenen Persönlichkeit ist – und gar nicht die schlechteste. Denn Dagobert ist nicht reich durch Geburt oder durch Zufall. Er ist kein Nutzniesser seines Reichtums (im Gegenteil: er lebt bescheiden wie ein Mönch) und kein Protzer. Sondern er hat sich alles hart erarbeitet, und er hat nie aufgehört zu arbeiten. Das macht ihn so sympathisch.

Als Barks anfing, eigene Geschichten mit dem sauertöpfischen Fantastillionär zu erzählen, waren Zeichner und Figur annähernd gleich alt. Beide über fünfzig, nicht mehr jung, aber noch voller Energie. Diese Energie überträgt sich in die Geschichten, die um die ganze Welt führen und Meisterbeispiele für Comics an sich darstellen. Die Plots sind nicht nur großartig, sie sind auch meisterhaft ausgeführt und weit mehr als nur simple Abenteuercomics.Dagobert, und das sieht man in vielen Bildern vor allem der frühen Geschichten, vibriert vor Aufbruchsgeist.

Das ist verständlich, wenn man einen Blick auf den Zeichner wirft. Vom ersten Moment an, in „Der arme reiche Mann“, verschafft Barks der Ente eine wildbewegte Vergangenheit, die von endlosen Kämpfen und einer großen verlorenen Liebe erzählen. Man darf annehmen, dass sich darin ein ordentliches Stück von Barks‘ eigener Vergangenheit befindet. Diese Geschichten sind also äußerst persönliche Geschichten, und weil das so ist, gerät Barks die Figur so überaus plastisch: Dagobert Duck – nicht nur reichste Ente der Welt, sondern Mann mit Vergangenheit und Tiefe.

Barks‘ Geschichten um Onkel Dagobert markieren einen der Höhepunkte der Comics schlechthin. In schönen Hardcovern legt die Ehapa Comic Collection sie gerade wieder vollständig auf. Nicht zum ersten Mal. Aber das ist kein Grund, sie zu ignorieren.

Reich geworden ist Barks mit diesen Geschichten übrigens nie. Die goldene Nase verdienten sich seine Verleger und der Lizenzinhaber Disney. Angesichts der geschilderten Sorgen Dagoberts mag das aber auch seine Vorteile gehabt haben. (stefan pannor)

Ehapa Comic Collection, 160 S.; € 24,95

One Response to “Aktuelle Comicrezension (133): ‚Onkel Dagobert‘ von Carl Barks”

  1. Stefan Pannor » Blog Archive » Enten und Nazis (eine Überschrift, die immer zieht) says:

    […] wie in dieser voluminösen Hardcover-Reihe, indirekte Fortsetzung der eigenständigen Reihen mit den Onkel-Dagobert-Geschichten und den Enten-Tenpagern von Barks. Wie gehabt chronologisch aufbereitet werden in diesem Fall vor […]