Der vierte Band von Loisels „Großem Toten“ erhebt die Ratlosigkeit zur Kunst. Das Taucherdrama „Der Narwal“ geht unter und in Beulieus „Nachtstück“ geht nie die Sonne auf. Drei Kurzrezensionen aktueller Comics.

Loisel/ Mallié
Der große Tote 4 – Sombre
(Ehapa)

Es tat gut, dass Loisel von der inneren Verpflichtung losliess, alle seine Comics nicht nur selbst zu skripten, sondern auch zu zeichnen. Dem Leser, weil er plötzlich nach Jahren der Dürre regelmäßig neue Comics von Loisel bekommt, der eben nicht nur ein hinreißender Zeichner ist, sondern eben auch ein großartiger Skripter.

Und ihm selbst, der zur hohen Form des märchenhaften, ironischen, nichtsdestotrotz realistischen und charakterorientierten Erzählens aufläuft. Siehe vor allem seine wunderbare Hinterwäldler-Serie „Das Nest“ (dt. bei Carlsen).

Aber eben auch „Der große Tote“. Der begann eher enttäuschend, mit zu viel übereinander gewuchteten Fantasyklischees von flitterbunten, flatterhaften Feen- und Elfenreichen.

Spätestens seit dem dritten Band aber hat sich die Serie freigeschwommen und wagt den seltenen, vielleicht sogar einmaligen Gratgang zwischen dystopischer Endzeitserie und der märchenhaften Seite der Fantasy in Form einer – Liebesgeschichte.

Wollte man diesen Comic nach herkömmlichen narrativen Maßstäben bemessen, dem berühmten „Worum es geht“, man müsste grandios scheitern. (Die Serie drückt sich wohl zu Recht um einen informativen Klappentext).

Finsteres plottende Elfen und eine durch Wirtschafts-, Umwelt- und Naturkatastrophen taumelnde Gesellschaft bilden nur den Hintergrund für eine Dreiecks-, ach was, Vierecksgeschichte in der französischen Provinz, die mit soviel Liebe zum Detail und glaubwürdiger Emotion erzählt wird wie selten eine im jüngeren französischen Comic.

Dass sie vor dem Hintergrund vollkommen unverständlicher Ereignisse stattfindet, erhöht die Suspense der verworrenen Lebens- und Liebeswege nur noch. Loisel vermählt den französischen Liebesroman, hach und seufz, mit dem Kunstmärchen und dem Tolkiendrama.

Selten war Ziellosigkeit so schön, so mitreißend inszeniert wie hier. Fast wünscht man sich, dass Loisel nicht weiss, worauf er hinaus will, und einfach immer weiter schreibt.

64 S.; € 12,00

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Supiot/ Beuzelin
Der Narwal
(Carlsen)

Jemand bei Carlsen hat, und das wohl sogar aus verständlichen Gründen für einen Hamburger Verlag, eine Liebe zum Meer.

Das führt zu so wundervollen, wenn auch kaum beachteten Titeln wie „An Bord der Morgenstern“, Riff Reb’s existenzialistischem Piratendrama einerseits. Andererseits zu zwar ästhetisch, sonst aber kaum befriedigenden Titeln wie „Ganz allein“, dem toll anzuschauenden, aber wenig erfüllenden Leuchtturmdrama von Christoph Chabouté.

Oder zu „Der Narwal“, einer Sammlung von Kurzgeschichten aus dem Tauchermilieu, die, um es gleich mal abzukürzen, qualitativ näher an Chaboutés Comic ankern als an Riff Reb’s.

Die Kurzgeschichte ist eine der schönsten, wenn auch missachtetsten Erzählformen überhaupt, im Comic wurde sie von Meistern wie Wally Wood, Will Eisner oder Hugo Pratt zum Glanz gebracht.

An letzterem orientiert sich „Der Narwal“ überdeutlich, an den kurzen, glatten Strichen, den horizontal angelegten Gesichtern der Figuren. Auch mehr als eine Spur Mignola schwingt mit, vor allem bei den Hintergründen, bei der Darstellung der Unterwasserwelt.

Und es sieht einfach toll aus. Aber das wars eben. Die Geschichten um den Auftragstaucher Robert Narwal, der mal in kriminelle Machenschaften gerät, mal selbst welche anstößt oder sie zu verhindern sucht, sind leider als Kriminalgeschichten vollkommen überraschungsfrei, charakterlich kaum interessant.

Die Autoren verpassen ihrer Figur zwar exposéhaft einen Job, eine Familie und eine Exfreundin, nur um das alles dann zu ignorieren. Was sie dem Narwal nicht mitgeben, ist ein Innenleben, der es dem Leser gestattet, sich emotional an den auch grafisch unauffällig gestalteten Titelhelden zu binden.

Selten war eine Titelfigur so ohne Inhalt. Auch die Gegenspieler, häufig Schatzjäger unter Wasser, bleiben gesichtslos, austauschbar. Am Schluß der wenigsten Geschichten bleibt eine nennenswerte Pointe.

So ist „Der Narwal“ ob seiner ästhetischen Qualitäten grade so seichte Strandlektüre, für diesen Behuf aber freilich zu teuer und zu kurz.

96 S.; € 19,90

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Jimmy Beaulieu
Nachstück
(Schreiber & Leser)

„Ein philosophisch pornografischer Sommer“ von Beaulieu war ob seiner hübsch verpackten Inhaltsleere eine Enttäuschung, die man jedem Autor zugestehen muss, zumal für seinen Erstling. „Nachtstück“ vom gleichen Autor und Zeichner zeigt, dass die Inhaltsleere Methode hat.

Das bißchen Plot lässt sich auf einem Ziarettenpaper fassen: zwei Frauen liegen im Bett und erzählen sich Geschichten. Zwischendrin ziehen sie sich aus und haben Sex.

Nun ist der Scheherezade-Plot, auch in seiner pornografischen Abwandlung (fast immer reden die beiden Frauen von Sex) immer noch einer der schönsten und tragfähigsten. Leider haben die wenigsten der Geschichten, die hier erzählt werden, einen Anfang oder ein Ende.

Sie wirken wie Reste, unbeendete Fragmente ganz anderer Erzählungen, die Beaulieu in sein instabiles Erzählkorsett gepresst hat. Schon der „philosophisch pornografische Sommer“ hinterliess diesen Eindruck. In „Nachtstück“ hat er sich noch verstärkt. Beaulieu will erzählen, weiss aber einfach nicht, was und wovon.

Das ist schade, und man kann ihm, grade weil er ein begabter, hocheleganter Zeichner ist, nur wünschen, dass er beim nächsten Buch Hilfe eines Szenaristen in Anspruch nimmt.

112 S.; € 14,95

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