Aktuelle Comicrezension (175): Piratencomics… doch, wirklich.
Posted by: Stefan, in JournalistischesNach der Renaissance von Westernhelden wie „Blueberry“, „Comanche“ oder „Jerry Spring“ auf dem Comicmarkt kommen nun fast zwangsläufig die Piraten. Wie unterschiedlich dabei die Interpretation des anderen klassischen Abenteuergenres ausfallen kann, zeigen zwei neue Comics: „An Bord der Morgenstern“ von Riff Reb’s und „Gefährten des Glücks“ von Franz. Beides mehr als simple Bubenträume.
„Gefährten des Glücks“ ist nicht im eigentlichen Sinne neu, sondern entstand schon vor über zehn Jahren. Franz (eigentlich Franz Drappier) ist hierzulande bekannter durch seine Serie „Lester Cockney“. „Gefährten des Glücks“ war seine letzte Comicproduktion vor seinem Tod 2003, und ist unvollendet geblieben.
Erzählt wird die Geschichte einer Handvoll Glücksritter, die einem Schatz auf die Spur kommen. Das klingt zunächst konventionell. Ist es aber nicht.
Vieles, was Franz erzählt bzw. wie er es erzählt, kommt aus modernen Produktionen wie „Fluch der Karibik“ bekannt vor: die Ambivalenz der Figuren, die selten eindeutig böse oder gut ist, das rotierende Handlungspersonal, die Tatsache, dass es nicht eindeutig möglich ist, bestimmte Figuren klaren Handlungsgruppen zuzuweisen.
Immer wieder werden neue Zweckbündnisse geschlossen, verschieben sich die Fronten zwischen Pro- und Antagonisten bei der Schatzjagd, die durch die ganze Südsee führt. Dazu kommt der selbstironische Stil der Erzählung. Das etwa die weiblichen Hauptfiguren fast die gesamte Zeit nackt herumlaufen (weil ihnen jeder dahergelaufene Freibeuter die Kleider vom Leib fetzt), wird gerade von diesen immer wieder angesprochen.
Dabei hat der Band trotz aller modernen Selbstironie und Rasanz ein unverkennbar klassisches Antlitz, beruhend auf der Tatsache, dass Franz der klassischen französischen Abenteuerschule entstammt. Infolgedessen ist „Gefährten des Glücks“ ein interessanter, unterhaltsamer Bastard zwischen klassischen und modernen Piratencomics, mit romantischem Flair und selbstironischer Brechung.
Eindeutig modern ist dagegen „An Bord der Morgenstern“ von Riff Reb’s (eigentlich Dominique Duprez). Dabei basiert der Comic auf einer viel älteren Vorlage, einem Roman von Pierre Mac Orlan aus den Zwanzigerjahren. Reb’s ändert wenig an der Vorlage. Sein moderner, an Künstlern wie Christophe Blaine geschulter Stil, die eigenwillige Kapiteleinteilung, der nur bedingt vorhandene rote Faden und schließlich die Radikalität der Darstellung allerdings machen ihn zu einem eindeutig modernen Comic.
„An Bord der Morgenstern“ schildert, mehr oder weniger, die Kaperfahrten des gleichnamigen Schiffes aus Sicht des Schiffsjungen. Von Romantik ist wenig zu spüren, zwischen Vergewaltigungen, Totschlag, Pest und Skorbut, Armut und Hurerei.
Obwohl Reb’s Zeichnungen ins karikaturistische neigen, ist die Darstellung des Freibeuterlebens annähernd dokumentarisch zu nennen: ohne Umschweife wird klar gemacht, dass es mit Romantik nicht weit her war, mit Rücksicht auch nicht, und das Leben als Pirat nicht lang dauerte. (Passenderweise ist das letzte Bild ein Galgen.)
Unterm Strich stellen beide Bände interessante Ergänzungen zum Kanon des Piratencomics dar, den sie mit neuen Perspektiven bereichern.
An Bord der Morgenstern: 120 S.; € 18,90
Gefährten des Glücks: 96 S.; €
Comicrezension für die Leipziger Comic Combo, erstellt Anfang 2011.
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November 4th, 2011 at 15:54
[…] Mehr über Comicpiraten hier. […]
Juli 31st, 2013 at 15:24
[…] der im vergangenen Jahr bei Carlsen erschienene und zu Unrecht etwas untergegangene Band „An Bord der Morgenstern“ offenbarte eine Freude daran, klassische Abenteuerklischees zu dekonstruieren, verbunden mit einer […]