Ehapas All-in-One-Reihe (die Sammlung verschiedener kurzer Albenserien in einem Band) schien nach einigen Anlaufschwierigkeiten zuletzt deutlichen Aufschwung zu nehmen mit der Veröffentlichung hervorragender Titel wie „Die Jagd nach dem Einhorn“, Miguelanxo Prados „Der alltägliche Wahn“ und „Der Schwarze Mann“ von Maurel & Hamo. Leider bricht „Traum von Jerusalem“, der jüngste Band, diesen Trend.
Es ist gar nicht so sehr, dass das Sujet komplett ausgelutscht ist. Religiöse Artefakte und Fanatiker, verblüffend modern denkende Figuren in scheinbar historischem Kontext bilden schon lange im Buchhandel ein eigenes Subgenre, das in Ermangelung eines besseren Begriffes gemeinhin „historisch“ genannt wird, obwohl es eher der Fantasy zuzuordnen ist. Damit muss man leben.
Erzählt wird in „Traum von Jerusalem“ vom ersten Zug der Kreuzritter nach Jerusalem, und in vieler Hinsicht beschönigt die Erzählung nichts. Das wäre eigentlich gut, bedenkt man, dass die meiste Histo-Fiction sich eher in Weichspülung übt. Aber (und hier beginnen die Probleme): seitenweise ergeht sich Lionel Marty, der hier für die Zeichnungen zuständig ist, in Blutorgien von abgetrennten Köpfen, schmaddernden Blutströmen und episch ausgewalzten Greueltaten aller Art. Die Nicht-Beschönigung kippt in ihr Gegenteil: der erste Kreuzzug als Gewaltporno.
Das wäre vielleicht noch erträglich, weil ja doch nicht ganz unwahr, hätte sich Philippe Thirault (von dem man mit „O’Boys“ als Szenarist besseres gewohnt ist) nicht entschlossen, diese Exzesse mit esoterischem Mumpitz zu konterkarieren: Hermance Languedoc, ein Bauer, der den Zug begleitet, verfügt über Wunderkräfte, die denen von Jesus gleichen sollen.
Hier beginnt das Hin und Her, das politische und gewalttätige Geschachere um den Wundermann, dessen Kräfte im Rahmen der Erzählung doch nur den Sinn haben, diese die unwahrscheinlichsten Volten schlagen zu lassen. Wobei diese natürlich nur der Darstellung weiterer Gewalttaten oder – fast eine Abwechslung – sexueller Ausschweifungen dienen.
Von Frieden keine Spur. Hermance, der Wunder-Bauer, nimmt ein von der ersten Seite an erwartbares, tragisches Ende, darf aber vorher noch mal richtig geschunden blickend durch die Panels latschen und, denn die Moral samt Zeigefinger darf nicht fehlen, natürlich am meisten unter dem Handeln ausgerechnet der christlichen Figuren leiden.
Exzessive Gewalt gepaart mit pseudochristlichem Humbug war noch nie eine gute Mischung. Statt sich zu ergänzen, ist letzteres im Endeffekt nur die oberflächliche Tünche, um ersteres nicht ganz zum Selbstzweck geraten zu lassen – oder um zumindest nicht zugeben zu müssen, dass es eigentlich doch nur darum ging, möglichst viel Blut und Brutalität darzustellen. Das ganze dann auch noch als moralische Moritat und Historiencomic zu verkaufen, sorgt beim Leser für ein böses Erwachen.
Lionel Marty & Philippe Thirault: Traum von Jerusalem
Ehapa Comic Collection, 200 S.; € 39,95
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April 9th, 2011 at 16:55
„Der alltäglichen Wahn“ hat mir zwar auch toll gefallen. Als Teil der „All-in-One“-Reihe würde ich den aber nicht sehen. Und die ECC im übrigen auch nicht, die stellt den Band eher in eine Reihe mit „Fins de siècle“ oder „Pit Pistol“. Sprich: als AiO titulieren die ausschließlich Serienerstveröffentlichungen in Sammelbandform.
Von den „echten“ AiOs hat mir bislang eigentlich nur der Erstling „Hell’s Kitchen“ so richtig gefallen. Hatte bislang aber nach ein paar Enttäuschungen weder „Die Jagd nach dem Einhorn“ noch „Der schwarze Mann“ wirklich in Betracht gezogen mir zuzulegen. Schau ich mal.
April 10th, 2011 at 11:38
Wenn der Prado nicht darunter fällt, ist der Gesamtschnitt der AiO-Reihe tatsächlich verhehrend.
„Dracula“ war noch akzeptabel, oder zumindest teilweise interessant.