Archive for Juli, 2010

Asja Wiegand
Gestern noch

nullTagebücher erklären nichts. Sie sind ausschließlich für den Tagebuchschreiber gedacht, und der weiß schließlich, was er meint. Das unterscheidet Tagebücher von handelsüblicher Belletristik, die auf den (fremden) Leser hin geschrieben wird.

Insofern sind viele der derzeit vor allem online erscheinenden Comic-Tagebücher unehrlich. Weil sie eben doch Dinge erklären, weil sie (ganz oder zum Teil) für den Leser entstehen.

Asja Wiegands Comictagebuch Gestern noch ist eine erfrischende Ausnahme, weil sie gar nicht erst versucht, eine Narration aufzubauen. Ihre Comics erklären nichts, jedenfalls nicht dem zufälligen Leser. Da ist ihr Freund, ihr Studium, die Wohnung, die Eltern – Momentaufnahmen aus dem Leben, dem Muster nach vertraut, dem Inhalt nach dennoch fremd.

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Timo Decker
Red Button Boy

Einfachheit ist die Mutter des Geheimrezeptes. Schon George Herriman hat für seinen epochalen Strip Krazy Kat ein simples Erfolgsrezept immer wiederholt: eine Katze, eine Maus, ein Ziegel. Der Rest war Variation.

Die Grundprämisse von Red Button Boy erinnert verblüffend daran: ein Junge, ein roter Knopf und ein Telefon. Der Rest ist, Sie ahnen es, Variation.

Der Anrufer versucht den Jungen davon abzuhalten, den roten Knopf zu drücken, der sich ausgerechnet auf der Brust des Jungen befindet. Der Junge versucht den Anrufer möglichst kreativ zu ignorieren. Die Folge: bizarre Wortgefechte und Momente nicht minder bizarrer inniger Zuneigung zwischen dem unsichtbaren Anrufer und dem namenlosen Knaben mit dem Knopf. (mehr …)

Thirault/ Cuzor
O’Boys

von Stefan Pannor

Letztlich wartet auf jeder Kreuzung der Teufel.

Von Tommy Johnson hiess es, er habe seine Seele nachts auf einer Kreuzung dem Teufel verkauft, um den perfekten Blues spielen zu können. Das war in den Dreissigerjahren. Robert Johnson, nicht verwandt mit Tommy, erzählte die gleiche Geschichte von sich, um, fast genau zur gleichen Zeit, seine Musikerkarriere anzukurbeln. Beide gelten als zentrale Figuren des Delta Blues, der schwarzen Musik rund um das Mississippi-Delta.

Das ist der Teufel, den Charley Williams sucht. Blues scheint der einzige Ausweg aus dem Dasein als völlig entrechteter Arbeiter im Süden der USA. Zusammen mit dem jungen Huck Finn macht er sich auf eine Odyssee durch die Südstaaten, von der Polizei gejagt, von den weissen Hobos verachtet, von Huck genervt.

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Perry Rhodans Großvater
Die erste Space Opera der Welt erschien in Berlin. Heute ist sie praktisch vergessen.

„Laßt die Himmelsräume sein, auf den Sternen und Planeten ist nichts zu holen. Da ist alles tot und starr, so habe ich es wenigstens in der Schule gelernt.“
„Sie irren sich“, erwiderte Kapitän Mors kalt.

(aus „Der Luftpirat“, Heft 42)

Kapitän Mors - Der LuftpiratUnd natürlich hat dieser Kapitän Mors recht. Mit seinem Weltraumschiff „Meteor“ durchkreuzt er das Sonnensystem und findet dabei nicht nur totes Gestein, sondern vor allem jede Menge Aliens, auf dem Mars, der Venus und im Asteroidengürtel. Das war 1908, vielleicht auch eher, so genau weiß das heute keiner mehr, in der Groschenheft-Serie „Der Luftpirat“, erschienen in einer namenlosen Berliner Kleinverlag.

Es war die Geburtsstunde der Space-Opera: aufsehenerregende Abenteuer auf und zwischen fremden Planeten, mit einem Titelhelden, der sich mit seiner „Elektropistole“ – einem fernen literarischen Vorläufer von Blaster und Lichtschwert – beherzt allem möglichen außerirdischen Kroppzeug entgegenstellt.

So etwas hatte das Publikum noch nicht gelesen, auf der ganzen Welt nicht.

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Sein Leben war nichts besonderes, aber er machte 2.000 Seiten Comics daraus. Mit unerschütterlicher Wut berichtete Harvey Pekar von seinem Leben in der amerikanischen Unterschicht und bereicherte den Comic damit um ein völlig neues Genre.

Zu Harvey Pekars Tod
Das Leben, ein Comic

von Stefan Pannor

Vielleicht war es die beste Idee, die dem Comic diesseits des Zweiten Weltkriegs passieren konnte: die Vorstellung, aus dem eigenen Leben eine Geschichte zu machen. Selbst wenn es, wie bei Harvey Pekar, das Leben eines einfachen Angestellter mit mäßiger Bildung und ohne außergewöhnlichen Lebenslauf war.

Harvey Pekar - American SplendorDas Genre des autobiographischen Comics, wie Pekar es erfand, bereicherte das Medium um eine weitere Komponente und gab ihm zwischen eskapistischen Machtfantasien, harmlosen Gags und barocken Kunsterzählungen die dringend benötigte Erdung zurück.

„American Splendor“ nannte Pekar seine Comicserie, Amerikas Herrlichkeit. Sarkasmus pur. „Von den Straßen Clevelands“ war der Slogan, der auf jedem seiner Hefte prangte, und das hiess in dem Fall, aus der sozialen Notstandszone, aber auch aus der scheinbaren Belanglosigkeit der amerikanischen Unterschicht.

Robert Crumbs Kumpel

Pekar war kein Comicfan. Er war ein Liebhaber von Jazz und Malerei, manischer Schallplatten- und Büchersammler. Sein Studium hatte der 1939 geborene nach nur einem Jahr geschmissen. Mit Ausnahme seiner Zeit in der Armee hatte er sein ganzes Leben in Cleveland verbracht, ab den Sechzigerjahren als Angestellter eines Krankenhauses. Krankenakten sortieren war sein Job.

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Baru/ Pelot
Elende Helden

&

Loustal/ Lehane
Coronado

von Stefan Pannor

BaruFür einen kurzen Moment ist nochmal alles in Ordnung. Die Schulkinder haben der alten Frau auf dem Außenklo einen Streich gespielt. Jetzt rennen sie fröhlich davon. Kindliche Euphorie und Einfachheit.

Bei Baru ist selten alles in Ordnung. Zwar hat er bereits fröhlich-melancholische Kindheitsgeschichten gezeichnet („Die Sputnik-Jahre“). Aber meist geht es bei ihm um sehr erwachsene Themen: Angst, plötzliche Ausbrüche von Gewalt, Neurosen.

Die schlägt sich hier Bahn, als im gleichen Ort ein mongoloides Kind verschwindet. Zwischen den suchenden Ordnungskräften, der am Boden zerstörten Lehrerin, die für das Verschwinden des Kindes verantwortlich gemacht wird, den Schulangestellten und den Dorfbewohnern brechen eine Vielzahl zwischenmenschlicher Fronten auf. (mehr …)

Der fleissigste Comiczeichner der Welt

Phänomen Osamu Tezuka: er hat das umfangreichste Einzelwerk eines Comiczeichners überhaupt geschaffen und die japanische Kultur wie kein zweiter geprägt. Ausserhalb Japans kennt ihn kaum jemand.

von Stefan Pannor

Astro BoyEr hat die Manga-Augen erfunden: Osamu Tezuka, der berühmteste japanische Comiczeichner. Ab 1947 gab er seinen Figuren diese großen, stets ein wenig feucht glänzenden Kulleraugen, aus denen sie staunend in die Welt schauten. Unzählige Künstler übernahmen dieses Stilmittel von ihm. Inzwischen findet es sich in so vielen japanischen Comics und Zeichentrickfilmen, dass viele fälschlicherweise glauben, sie wären alleiniges Merkmal japanischer Comics. In Deutschland wurden die Manga-Augen vor allem durch Trickfilmserien wie „Heidi“ ab den achtziger Jahren berühmt.

Osamu Tezuka (1928 – 1989) gilt in Japan heute als „Gott des Manga“. Nicht nur wegen der Augen. Wie kein zweiter hat Tezuka die japanische Alltagskultur der Nachkriegszeit geprägt. Er machte den Comic in Japan hoffähig und brachte den Trickfilm ins Land (indem er seine eigene Bücher verfilmte). Damit begründete er eine der Säulen des modernen japanischen Selbstverständnisses sowie die heute milliardenschwere Industrie der „Anime“.

Sein Lebenswerk ist nahezu unfassbar gewaltig. (mehr …)

[Pierre] Assouline, 1953 in Casablanca geboren, war bereits vor dem Internet eine Größe des literarischen Lebens in Frankreich. Er arbeitete als Literaturkritiker und Kulturberichterstatter für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften und für das Radio, unter anderem für die legendäre sonntägliche Sendung „Le masque et la plume“, in der seit den Fünfzigerjahren das kulturgesinnte Herz Frankreichs schlägt. Ein Jahrzehnt lang war er Chefredakteur der Kulturzeitschrift „Lire“. Daneben hat er mehrere populäre Biografien geschrieben, etwa über Georges Simenon und Hergé. Die zu Daniel-Henry Kahnweiler („Der Mann, der Picasso verkaufte“) und Henri Cartier-Bresson sind auch auf Deutsch erschienen. Assouline ist überdies ein überaus erfolgreicher Romancier. Einige seiner Romane sind ebenfalls in deutschen Verlagen erschienen, zuletzt „Lutetias Geheimnisse“ bei Blessing, wo im Herbst auch der nächste Titel erscheinen wird, „Das Bildnis der Baronin“.

Voilà, ein Homme de lettres, wie er im Buche steht.

Aus Der Freitag: Der Online-Reich-Ranicki

Sind Comics Literatur und lesen Sie selber Comics? Bernhard Wien

Nein, nein, nein.

Marcel Reich-Ranicki in seiner FAZ-Rubrik Fragen Sie Reich-Ranicki.

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Als die Schlümpfe lila wurden …
Politisch entschärfte „Schlumpf“-Ausgabe in den USA

von Stefan Pannor

'The Purple Smurfs', (c) Papercutz/ Peyo

Ein harmloser Comic für Kinder: ein Schlumpf geht in den Wald, wird dort von einem Insekt gestochen und mutiert zum Berserker, der andere Schlümpfe anfällt. Zum Glück weiß Papa Schlumpf Rat und Gegenmittel. Ende gut, alles gut.

Da ist nur ein Problem. Der Schlumpf ist schwarz und sein Sprachvermögen äußerst begrenzt. „Haps!“ ist das einzige, was er sagen kann. Höhepunkt der Geschichte: eine ganze Rotte fieser schwarzer Schlümpfe, die die blaue Zivilisation bedroht.

Ist das rassistisch? In den USA ist die Episode, von Schlumpf-Erfinder Peyo 1963 gezeichnet, noch nie erschienen, im Gegensatz zu vielen anderen. Der Kleinverlag Papercutz wird sie dort diesen Sommer veröffentlichen, erstmals in englischer Sprache überhaupt. Mit einer Änderung. Die bösen Schlümpf darin sind lila. (mehr …)

Ayroles/ Maiorana
Garulfo

Alain Ayroles: GarulfoWie leicht liesse sich diese Rezension mit Allgemeinplätzen füllen! Etwa der hier: Natürlich ist das Gras auf der anderen Seite des Zaunes immer grüner. Für Garulfo ist diese andere Seite des Zaunes die Menschengegend. Denn Garulfo ist ein Frosch, und als kleiner Hüpfer bewundert er die Menschen. Solange, bis er selbst einer wird.

Oder der hier: Die Umkehrung klassischer Märchenmotive im Comic ist nichts Neues, Serien wie „Fables“ (Vertigo, dt. bei Panini) und ihre Ableger beackern das weite Feld regelmässig. Insofern wäre es ein leichtes, „Garulfo“ als weiteren Mitreiter auf dieser Welle abzutun. Im Kern ist es eine verdrehte Mär vom Froschkönig. Erst will der Frosch ein Mensch sein. Aber als er die Menschen besser kennen lernt, wäre er lieber gern ein Frosch. Nur findet er als wunderschöner Prinz keinen, der ihn küssen – und damit erlösen – will.

Es spricht durchaus für Werke, wenn sie solche Allgemeinplätze beim Kritiker herausfordern. Denn das bedeutet, dass solche Erzählungen etwas sehr Allgemeingültiges ansprechen, hier in diesem Fall eine allgemeingültige Zivilisationskritik (auch wenn der Comic in einer Art Märchenmittelalter spielt). Menschen lügen, betrügen, intrigieren, Sex hat einen viel zu hohen Stellenwert und, ach ja, sie fressen Tiere. Pfui.

So weit, so richtig. Aber auch so bekannt.

Das Besondere an „Garulfo“ liegt tiefer. (mehr …)